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Digital In Arbeit

Nicht alles ist machbar

Neunundneunzig Prozent aller Menschen, vor allem der Stadtmenschen, haben es bei der täglichen Arbeit mit von Menschen gemachten-Dingen zu tun. Sie verlernen es mehr und mehr, mit lebenden Systemen umzugehen -was jeder Bauer noch kann. Der Unterschied zwischen der Exploitierung einer anorganischen, einer nicht lebendigen Energiequelle und einer lebendigen besteht darin, daß bei dieser Werturteile ins Spiel kommen, weil das Lebendige eben einen Wert an sich darstellt und nur allzu leicht zerstört werden kann.

Es ist z. B. nicht nur aus kommerziellen Gründen einfach dumm, die Walfische auszurotten, sondern es ist auch schade um sie. Es ist schade um etwas Schönes, um eine ganze Art von Lebewesen. Jede Tier- oder Pflanzenart ist ein Schöpfungsprodukt ganz eigener Art. Wale haben einen ebenso hohen Wert wie ein Bauwerk,,ein Literaturdenkmal, eine alte Kathedrale - vielleicht einen noch größeren, wie ich meine.

Gegenüber nichtlebendigen Objekten ist eine ethische Erwägung in vielen Fällen überflüssig, niemals aber einem lebendigen gegenüber. Der Mensch, der

„A ber wehe, wenn das Mittel mit dem Zweck verwechselt wird.” es nur mit vom Menschen gemachten Dingen zu tun hat, überschätzt sehr leicht die Grenzen des Machbaren. Er glaubt allzu oft, daß alles machbar sei! Er glaubt, daß er alles, was man kaputtmacht oder was kaputtgeht, wieder reparieren kann. Das geht nicht einmal bei den Kunstwerken. Wenn man eine kleine Kirche in Wien abreißt, weil sie am Rennweg verkehrsbehindernd ist, so ist dies eine ebenso große Kulturschande, wie wenn man etwa Walfische ausrottet.

Die Uberschätzung des Machbaren kommt zum großen Teil daher, daß der technomorph lebende und denkende Mensch nichts Ehrfurchtgebietendem begegnet und deshalb auch keinen Sinn mehr dafür hat. Einem z. B. in New York aufgewachsenen Menschen gefällt ein Wald wirklich nicht, er kann es ganz einfach nicht verstehen, warum man es schade findet und dagegen ist, wenn er umgebulldozert werden soll.

Eine weitere böse Gefahr des techno-morphen Denkens liegt paradoxerweise in der Freude an der Arbeit. An sich ist sie natürlich ein Segen. Arbeit wäre etwas Entsetzliches, wenn man nicht Freude am Können hätte - was Karl Bühler „Funktionslust” genannt hat. Wenn man z. B. einen Tischler, der noch ein richtiger Handwerker ist, von seiner Arbeit reden hört, hört man ihn von einem guten Holz mit wahrer Begeisterung reden.

Aber wehe, wenn das Mittel mit dem Zweck verwechselt wird. Diese Gefahr, die Methode mit dem Zweck der Methode zu verwechseln, ist eine Kultur-Gefahr, geradezu eine Kulturkrankheit; und sie wirkt sich besonders verheerend aus, wenn die Freude am Werkzeug, die Freude an der Maschine sich zum Selbstzweck erhebt. Ein Beispiel dafür ist die „Automobilsucht”.

Eine der Folgen des technomorphen Denkens, die ich für besonders gefährlich halte, ist die Negierung, bzw. die Vernachlässsigung alles Subjektiven. Es liegt in der Natur des technomorphen Denkens, daß man Physik und Chemie weit höher als die anderen Naturwissenschaften einschätzt und das, was sie uns gegeben haben, maßlos überbewertet.

Weil beide in der analytischen Mathematik wurzeln, glauben viele, daß die Quantifikation die einzig legitime Erkenntnisleistung sei. Sie glauben, daß man für etwas, das sich in der Sprache der exakten Naturwissenschaften nicht definieren und quantitativ verifizieren läßt, keine reale Existenz habe; damit fallen nicht nur schlechthin alle Emotionen, sondern vor allem alle Wertempfindungen in den Bereich des Irrealen, der Illusion.

Die Konsequenz ist, daß auf den

Menschen und auf seine Gefühle keine Rücksicht genommen wird, daß keine mehr genommen zu werden braucht.

Man betrachte nur die moderne Architektur, man beobachte, wie ein Architekt nach dem anderen Massenmen-schenställe einbaut, große Krankenhäuser wie z. B. das neue Wiener Allgemeine Krankenhaus. Diese Häuser sind Beispiele für das Gesagte. Wenn man in ein solches Haus einmal normale Menschen hineinsperren wird, werden sie darin unweigerlich neurotisch werden. Der Mensch verträgt es nämlich nicht, eine Nummer zu sein.

Er wird verrückt, wenn er sich nur mehr nach Tafeln, Nummern und Hinweistafeln zurechtfinden kann und nicht mehr natürliche Wegweiser wie Bäume oder sein spezifisch eigenes Haus als solches erkennt. Zu einer Nummer wird der Unglückliche, der nur mehr an der Nummer ablesen kann, welche Tür zu seiner Wohnung führt. Das verträgt auch der gesunde Mensch nicht, der kranke am allerwenigsten.

Die Ställe für Nutzmenschen sind nur ein Symptom des Zuges unserer Zeit. Leider muß ich sagen, daß sich derselbe Trend auch in der Medizin bemerkbar macht. Wenn man heute zu einem bekannten Internisten geht und ihm erzählt, daß man krank ist, so schaut einen der große Mann oft gar nicht erst an, sondern gibt einem einen Zettel, auf dem steht, welche Befunde er braucht, und er schickt den Patienten in eine ganze Reihe verschiedener Laboratorien, wo ganz verschiedene Sachen untersucht werden. Die Befunde kommen dann womöglich in einen Computer, der die Diagnose ausrechnet. Das ist Uberschätzung dessen, was Quantifikation leisten kann. Der „klinische Blick” kann mehr!

Der treibende Faktor der Evolution ist die Selektion. Der Zufall ist gebändigt durch die Spielregeln. Zufall heißt nichts als unbekannte, nicht systemeigene, sondern von außen kommende und nicht weiter verfolgbare Einstrahlung einer Ursache. Und dieser Zufall ist in der Evolution extrem gebändigt. Die Evolution geht in der Regel durch Selektion deswegen nach oben, weil die Nische weiter unten immer schon besetzt ist.

Diese Faktoren haben den Menschen geschaffen. Sie haben in einem Evolutionsschritt, der ebenso groß ist wie der vom Anorganischen zum Organischen, aus den höheren Tieren den Menschen werden lassen. Uber den Vorgang der Menschwerdung wissen wir nichts, und wenn man nichts weiß, darf man spekulieren. Wahrscheinlich ist aus einer Integration von Gcstaltwahrnehmung, Raumerfassung, explorativem Verhal-

„Der Mensch verträgt es nicht, eine Nummer zu sein.” ten, Neugierverhalten und Selbstexplo-ration das begriffliche Denken entstanden.

Wahrscheinlich ist es ganz falsch, sich, wie Freud es z. B. tat, den Vormenschen als einen grausamen, scheußlichen Mörder vorzustellen. Ich glaube viel eher, daß der Vormensch ein sehr soziales, freundliches, bindungsfähiges Wesen gewesen war, mindestens so sehr wie ein heutiger Hund, der bekanntlich der Freundschaft fähig ist. Und ich glaube, daß dem Spiel, dem explorati-ven Spiel mit den Artgenossen, eine ganz wesentliche Rolle für das Entstehen der Reflexion, des Nachdenkens über sich selbst zukam.

Ich glaube, daß der Mensch sich zuerst im Spiegelbild seines Bruders gesehen hat. In dem Augenblick, in dem er dahinterkam, daß die eigene greifende Hand, die die Hand des Bruders ergriff, genauso ein Gegenstand der realen Umgebüngswelt war wie die des Bruders, in diesem Augeblick wurde das Greifen zum Begreifen und das Ergriffene zum Begriff. Damit entstand im Menschen das begriffliche Denken.

Das begriffliche Denken schafft eine Bruderschaft der Menschen, wie sie vorher unter Erdenwesen nie da war. Zwei Leute, die dasselbe wissen und können, wollen auch meistens dasselbe, wenn sie sonst ähnlicher Sinnesart sind, und sie werden einander ähnlicher als Vater und Sohn, Bruder und der leibliche Bruder.

Die Gemeinsamkeit eines ständig wachsenden Wissens und Könnens erzeugt ein gemeinsames Wollen, und all das zusammen pflegen wir den Menschengeist zu nennen.

Univ.-Prof. DDR. Konrad Lorenz, Nobelpreisträger, leitet am Institut Tür Vergleichende Verhaltensforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die Abteilung Tiersoziologie.

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