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Nichts in Sicht vom Computer-Kommunismus

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Während in der westlichen Industriewelt die „zweite industrielle Revolution” längst eingesetzt hat, beginnen sich Osteuropas Regime ihrer technologischen Rückständigkeit bewußt zu werden und Maßnahmen dagegen zu unternehmen. Freilich ist der Vorsprung des Westens für Osteuropa nur mehr schwer aufzuholen.

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Während in der westlichen Industriewelt die „zweite industrielle Revolution” längst eingesetzt hat, beginnen sich Osteuropas Regime ihrer technologischen Rückständigkeit bewußt zu werden und Maßnahmen dagegen zu unternehmen. Freilich ist der Vorsprung des Westens für Osteuropa nur mehr schwer aufzuholen.

Am Donnerstag, dem 28. März 1985, tagte das Politbüro des Zentralkomitees der KPdSU in Moskau zum zweitenmal unter dem Vorsitz seines neuen Generalsekretärs Michail S. Gorbatschow. Während die erste Sitzung Problemen der internationalen Politik gewidmet war, befaßte sich das Politbüro am 28. März mit innenpolitischen Vorhaben.

Der erste Beschluß galt der Einführung von Computern in sowjetischen Oberschulen für die neunten und zehnten Klassen vom nächsten Schuljahr an. Die Dringlichkeit zeigt, daß sich der neue Herr des sowjetischen Imperiums des schrecklichen Dilemmas bewüßt ist, daß der technologische Entwicklungsabstand zu den Industrienationen der westlichen Welt immer größer wird.

Wer in einen der kommunistisch regierten Staaten Ost- oder Südosteuropas einreist, erlebt zwar, daß sein Reisepaß in einen Computer gesteckt wird, auf daß das zentrale Auge des „Großen Bruders” in aller Eile die Identität des Besuchers überprüfen kann. Auch in der Rüstungswirtschaft haben die elektronische Datenverarbeitung (EDV) und spezialisierte Computersysteme längst Einzug gehalten. In der zivilen Wirtschaft aber und erst gar im Privatbereich steckt die Computerisierung noch in den Kinderschuhen.

Während in Westeuropa und den USA die junge Generation am Computer spielt wie der kleine Mozart am Klavier, fehlt diese Erfahrung im Ostblock völlig. Ein Vorsprung an „personellem In-put”, den die Länder des real existierenden Sozialismus kaum mehr aufholen können.

Dennoch: Auch in Osteuropa ist das Computerfieber ausgebrochen, dem im Westen die Jugend schon lange verfallen ist — auf vornehmlich spielerische Weise.

In der CSSR steigt laut einem Bericht der Zeitung „Svobodne Slovo” die Zahl der Interessenten für Computer: „Sie sind aber zu Recht ständig mit dem Angebot in den Läden unzufrieden, versuchen Klein-Computer im Ausland zu kaufen, ja unternehmen manchmal auch verzweifelte Versuche, diese selbst zu' bauen und verwenden auch für kleine Aufgaben große Computer.”

In Polen, wo jüngst die Wochenzeitung „Polityka” eine zehnteilige Serie (!) mit dem Schlachtruf „Computer zur Tafel!” begonnen hat, gibt es immerhin bereits einen amtlich registrierten Klub für Kleincomputer mit Namen „Ab-akus” in der Warschauer Siedlung „Stegny”. Insgesamt, so die „Polnische Gesellschaft für Informatik”, gibt es bereits fünf Computerclubs in polnischen Großstädten, die in diesem Jahr immerhin ein Budget von 4,5 Millionen Zloty für den Ankauf von Geräten aufwenden wollen.

Auch in der UdSSR, so läßt sich indirekt schließen, muß die Zahl der Computer-Fans im Steigen begriffen sein. Denn schon gibt es auch parteiamtliche Kritik an den „programmisty” mit ihren „per-sonalnnye kompyutery”. So heißt es etwa in einem kritischen Beitrag über die sowjetische Jugend in der Zeitung „Sowjetskaja Ros-sija”:

„Heutzutage sind die jungen Menschen an Video-Recordern und Spielen auf dem Personal-Computer interessiert. Das hat dazu geführt, daß die Klubs, in denen das gepflogen wird, sich vom täglichen Leben entfernt haben.”

Und in der „Literaturnaja Gazeta” wird kritisiert, daß die Menschen im Westen ihre Personal-Computer vor allem für „Kriegsspiele mit politischen Untertönen” verwenden (Tatsächlich gibt es so etwas: Etwa das Computerspiel „B-l-Bomber — Mission to Russia” oder „NATO-Comman-der”).

Das soll und darf, so die sowjetische Literaturzeitung, in der UdSSR nicht passieren, denn der Computer soll den Sowjetmenschen dazu verhelfen, daß „der Geist befreit wird, man sich auf das Geistige konzentriert und die Kreativität wächst”.

Das ist des Pudels Kern. Die kommunistischen Regime Osteuropas haben messerscharf erkannt, daß sie an der „Computerisierung” auch ihrer Gesellschaft und Wirtschaft nicht vorbeigehen dürfen, wollen aber gleichzeitig die politische Kontrolle behalten. Computerkreativität ja — aber im Rahmen der Parteirichtlinien.

Die Zahl der Artikel und Aufrufe, mit der westlichen Entwicklung Schritt zu halten, sind in Osteuropa Legion.

Valentin Ponomarjew von der sowjetischen Akademie der Wissenschaften erklärte, daß der Personal-Computer „ohne Zweifel eine Notwendigkeit” für die sowjetische Gesellschaft sei. Sein Kollege und Chef, Anatolij Alex-androv, meinte gar, die Verwendung des Computers sei „genauso wichtig wie einst nach 1917 der Kampf gegen das Analphabetentum”.

Auch in Jugendklubs, Kulturvereinen und so weiter sollen sich die Sowjetbürger mit der Computertechnik vertraut machen. Der Moskauer Parteichef Viktor Gri-schin rief jüngst in der Parteizeitung „Prawda” dazu auf, „daß alle sowjetischen Arbeiter im Gebrauch von Computern unterrichtet werden sollen”.

Die anderen kommunistischen Länder Osteuropas stehen nicht nach oder wollen zumindest gleichziehen. In der DDR wird ebenfalls mit kommendem Schuljahr (1985/86) der Einsatz von „Minicomputern”, was im westlichen Sinn elektronische Taschenrechner sind, obligatorisch.

In Polen hat die Zeitung „Polityka” eine neue Aktion gestartet, „deren Ziel es ist, eine öffentliche Diskussion über die Benützung der Computer in den polnischen Schulen zu führen”.

Bisher haben in Polen nur zehn Schulen in Warschau, Lodz und Danzig sowie in Schlesien einen Computer der Marke „Meritum” — und die sind das Geschenk der Firma Reiter in Wien, die damit hofft, sich künftige Marktanteile in Polen zu sichern.

Aber in einem Land wie Polen, wo es sogar an Schulheften Mangel gibt, sind der Einführung von Computern große Barrieren gesetzt. Die Polityka dazu: „Wenn man Computer einführen will, dann müssen auch Disketten massenweise zu haben sein, Programme und methodische Unterlagen.” Das aber fehlt.

Auch das blockfreie, sozialistische Jugoslawien möchte ins Computer-Zeitalter aufbrechen. Die für Volksbildung zuständigen Behörden und Ministerien haben festgelegt, daß ab dem Schuljahr 1985/86 in Serbien an zwölf Schu-

„Die Zahl der Aufrufe, mit der westlichen Entwicklung Schritt zu halten, sind in Osteuropa Legion” len Schüler der achten Klasse mit dem Fach „Informatik” und dem Gebrauch von Computern beginnen.

In Slowenien, der am meisten „computerisierten” Republik Jugoslawiens, werden in allen Schulen bereits Stunden für Informatik und Programmieren durchgeführt. In Jugoslawien gibt es derzeit rund 120.000 Personalcomputer.

Die Bemühungen der kommunistischen Länder Osteuropas, den Anschluß nicht zu versäumen und eine künftige Computer-Generation heranzuziehen, gibt es also. Aber es sind sehr bescheidene Bemühungen — und nicht zu vergleichen mit dem, was in den westlichen Ländern auf diesem Gebiet geschieht.

Daß die Wirtschaft in Amerika und Westeuropa immer mehr „durchcomputerisiert” wird, ist eine Tatsache. Die zweite industrielle Revolution hat längst begonnen. In Osteuropa beginnt man jetzt, darüber zu diskutieren, entdeckt, daß die altbekannten Schwächen des zentralistischen Wirtschaftssystems gerade auch hier nicht auszumerzen sind. Die CSSR-Zeitung „Svobodne Slovo”:

„Es gibt ein Mißverhältnis zwischen Entwicklung und Produktion. Hier sind wir in vielen Richtungen nicht erfolgreich. Hier gibt es auch Probleme mit der niedrigen oder schwankenden Qualität.”

Selbst das Militär, das (neben Polizei und Geheimdienst) bisher den Löwenanteil an Computern für sich ordern konnte, ist nicht zufrieden. In einem Artikel des sowjetischen Armeeorgans „Krasnaja Swesda” hieß es erst kürzlich, man leide an einem Mangel an elektronischen Rechenanlagen.

Kein Wunder — bei der Art der Produktion! Die Verwaltung der Computerindustrie ist unter mehreren Ministerien und den Akademien der Wissenschaften der 15 sowjetischen Republiken aufgesplittert. Das Ergebnis ist dementsprechend mager: nach Angaben von Jewgenij Vjelikov von der sowjetischen Akademie der Wisschenschaften „ein paar Dutzend Einheiten pro Jahr”.

Laut der „Polityka” wurden 1982 in Polen 19 Großcomputer gebaut, Kleincomputer nur „mehrere hundert”. In der polnischen Zeitung „Eksport-Import” heißt es dazu drastisch und selbstkritisch: „Als wir gemeinsam mit Edmund Osieja, dem Vertreter von .Unitra' in der Frankfurter Computerausstellung, immer deutlicher den großen Rückstand unserer Elektronik zur Weltspitze sahen, war unsere einzige optimistische Schlußfolgerung die, daß die Erde rund ist. Wenn die im Westen uns so weit voranlaufen, daß sie uns von hinten einholen, dann sind wir wieder an der Spitze.”

Bei einer Tagung von Computerspezialisten im NATO-Haupt-quartier in Brüssel über „Kapazität zur Anpassung an neue Technologien der UdSSR und anderer osteuropäischer Länder” wurde ein etwas differenzierterer Schluß gezogen. Die westlichen Experten waren der Meinung, daß Moskau und seine Verbündeten vor allem im Bereich der Waffen und der Wissenschaft sich mit ihren Computern annähernd auf westlichem Niveau befinden und dies auch werden halten können.

Der massenweise Einsatz von Computern in der Wirtschaft und in der Gesellschaft würde jedoch dezentrale Entscheidungsabläufe voraussetzen und für die autoritären kommunistischen Systeme ein ungeheuer großes politisches Risiko mit sich bringen. Daher wird die „Computerlücke” zum Westen größer werden.

Machtausübung im kommunistischen Osteuropa hat ja vor allem mit privilegiertem und limitiertem Zugang zu Informationen zu tun. Computer und ihr sinnvoller Einsatz brauchen aber freie Information, unbegrenzten Zugang zu Daten, Kommunikationssysteme.

Die Vorstellung, daß Computer mit ihrer „Peripherie”, also etwa Druckern, „Samisdaf'-Literatur herstellen und womöglich gar

„Computerund ihrsinnvol-ler Einsatz aber brauchen freie Information und Kommunikationssysteme”

über das Telefonnetz verbreiten können, muß den kommunistischen Zwingherren Schauder des Entsetzens über den Rücken jagen. Ganz zu schweigen davon, daß — wie Beispiele aus den USA und der Bundesrepublik zeigen — normale Bürger staatliche oder wirtschaftliche Informationssysteme aufbrechen („Crak-ken”) können, ja sogar durch eingeschleuste „Programm-Viren” mühsam und jahrelang erarbeitete Software vernichten können. Eine Horror-Vorstellung.

Brave Sowjetfunktionäre schauderten schon, als bei der Ausstellung eines britischen Computerkonzerns am Leninsky Prospekt in Moskau das Porträt Lenins digital gezeichnet und mit HRX (High Resolution Graphics) zur Briefmarkengröße reduziert, gedehnt, verzerrt — und schließlich mit Marilyn Monroes eingesäumt wurde.

Solange selbst eine so harmlose Computer-Spielerei die Genossen drüben schreckt, ist ein Computerkommunismus nicht in Sicht. Der „große Bruder” bleibt ein Schrumpf-Iwan.

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