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Nickerchen wider Willen

Nicht immer ist Schläfrigkeit harmlos. Manchmal verbirgt sich dahinter eine chronische Krankheit, die für den Betroffenen viele Probleme mit sich bringt. Eine Behandlung kann zwar nicht heilen, ermöglicht aber ein (fast) normales Leben.

„Rund tausend Wiener leiden möglicherweise an Narkolepsie — die wenigsten jedoch messen ihren regelmäßigen Schlafanfällen Krankheitswert bei. Bei uns an der Klinik wird nur eine Handvoll Patienten betreut“, berichtet Josef Zeitlhofer von der neurologischen Universitätsklinik in Wien.

Die Dunkelziffer ist vorerst unbekannt - in San Franzisko meldeten sich sofort 80 Betroffene auf eine einzige Aufforderung hin.

Mit dem krassen Widerspruch zwischen der hohen Krankheits-

häufigkeit und der eher seltenen Diagnose beschäftigte man sich kürzlich beim europäischen Schlafkongreß in Ungarn.

Sicher, es ist nichts Besonderes und durchaus menschlich, wenn man ab und zu einnickt, im Zug, vor dem Fernsehapparat oder nach dem Mittagessen; wenn man nach einer durchwachten Nacht beim Lesen oder in einer Sitzung vom Schlaf übermannt wird. Anders ist es beim Narkoleptiker: ohne vorangehende Müdigkeit, scheinbar grundlos, wird er von anfallsartiger Schläfrigkeit heimgesucht, der er meist wehrlos erliegt. Dies passiert in regelmäßigen Abständen und bei den unpassendsten Gelegenheiten: beim Essen, Arbeiten oder Tanzen, auf dem Rad oder beim Autofahren.

So lange das plötzliche Einnik-ken nicht fatale Folgen hat und dei1 Chef über den ungewollten Büroschlaf hinwegsieht, erscheint alles halb so schlimm, wird die Krankheit geschickt kaschiert oder verdrängt. Denn nach dem Nickerchen, das meist nur Sekunden oder Minuten dauert, fühlt sich der Betroffene wieder fit und erfrischt. Schlafgeplagte, die in frischer Luft und bei körperlicher Bewegung arbeiten, merken vielleicht zeitlebens nichts von ihrer Krankheit. Andere unheilbar Schläfrige müssen freilich einige Tricks anwenden, um ihre Schlafattacken vor spottenden Kollegen oder verständnislosen Vorgesetzten zu verbergen; vom kurzem Schlaf in der Mittagspause bis zum häufigen Wechsel des Arbeitsplatzes.

Nicht immer lassen sich jedoch die Arbeitsbedingungen mit den Bedürfnissen eines Narkoleptikers in Einklang bringen. Der berufliche Abstieg und damit verbundene soziale und psychische Probleme sind oft unweigerlich die Folge der Krankheit, wissen die Experten aus ihrer Erfahrung.

Fachärzte werden nicht selten erst dann mit der Krankheit konfrontiert, wenn es darum geht, Gutachten für eine Frühpension auszustellen — oder wenn andere Symptome hinzukommen. Zum Beispiel, wenn der Kranke nachts keine Ruhe findet, weil er von Alpträumen gequält wird. Oder wenn das Einschlafen von traumähnlichen Halluzinationen mit meist beängstigendem Inhalt begleitet wird und der Patient dabei unfähig ist, sich zu bewegen.

Mehr als die Hälfte der Narkoleptiker leidet an gemütsbedingten Lähmungen, dem sogenannten „Lachschlag“. Freude, Uber-

raschung, aber auch Ärger oder Trauer können eine plötzliche Muskelschwäche auslösen. Im Extremfall passiert es, daß der Betroffene bei einem gelungenem Schlag beim Tennis plötzlich zusammenbricht oder bei der Pointe eines Witzes wie gelähmt zu Boden sinkt. Kein Wunder, wenn Narkoleptiker aus Angst, zum Neurotiker oder Hysteriker gestempelt zu werden, solche peinlichen Situationen zu vermeiden trachten und sich immer mehr zurückziehen.

„Wohl erleichtert es die plötzliche Muskelschwäche dem Arzt, die Krankheit aufzudecken“, meint Zeitlhofer, Narkolepsie wird dennoch irrtümlich oft mit Epilepsie in Beziehung gebracht. Im Gehirn liegen jedoch keine Veränderungen vor, die auf eine erhöhte Krampfbereitschaft hinweisen. Dies läßt sich durch elek-trophysiologische Untersuchungen klären.“

Die Ursachen der Narkolepsie sind meist unbekannt. Selten tritt sie nach Schädeltraumen oder Gehirnentzündungen auf. Eine Behandlung ist nicht nur wichtig, weil sie dem Patienten eine entscheidend bessere Lebensqualität bringt, sondern auch, weil der Narkoleptiker in gewissen Situationen gefährdet oder für andere gefährlich werden kann.

Gelingt es ihm, sein Verhalten und seinen Schlafrhytmus zu steuern, stößt er dabei auf Verständnis seiner Mitmenschen, ist

schon viel gewonnen. Pausen können zum Beispiel für ein kurzes Nickerchen, das Wochenende zu ausgiebigem Schlaf genützt werden.

Die Symptome lassen sich auch mit Medikamenten gut in den Griff bekommen. Antidepressiva vermindern die Lähmungserscheinungen; mit Amphetaminen und anderen aufputschenden Mitteln kann man vor allem die Schlafattacken schlagartig bessern. Wegen ihres Suchtgiftcharakters wurden sie jedoch auch in Österreich aus dem Verkehr gezogen. Obwohl bei Narkoleptikern ein Suchtmechanismus nicht in Gang kommt, müssen sie einen qualvollen Weg durch den Behördendschungel in Kauf nehmen, um diese Präparate zu erhalten. Als Ausweg testet man derzeit an der neurologischen Universitätsklinik in Zürich das Medikament Gammahydroxybutyrat, das in den Gehirnstoffwechsel positiv ■einzugreifen scheint.

Da die Narkolepsie auch in der Schweiz eine weitverbreitete, jedoch oft unerkannte Krankheit ist, wurde die Schweizerische Gesellschaft für Narkolepsie gegründet, die sich neben der Forschung auch mit den Erfahrungen und Problemen der schlafgeplagten Patienten befaßt.

ODr. Josef Zeitlhofer leitet die Abteilung für Elektro-Neuro-Diagnostik an der Neurologischen Universitätsklinik in Wien und betreut dort eine Reihe von Narkolepsie Patienten.

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