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Nirwana statt Himmel

1945 1960 1980 2000 2020

Dem Buddhismus, der einen anderen Weg als das Christentum geht, gilt Mitte Dezember ein Symposion in Wien.

1945 1960 1980 2000 2020

Dem Buddhismus, der einen anderen Weg als das Christentum geht, gilt Mitte Dezember ein Symposion in Wien.

Seit Dezember 1982 ist die „Österreichische Buddhistische Beligionsgesellschaft” als Körperschaft des öffentlichen Rechtes anerkannt und hat ihren Sitz in Wien (Fleischmarkt 16). Dies ist ein letzter rechtlicher Schritt für den österreichischen Buddhismus gewesen, wobei die Anfänge bis ins vorige Jahrhundert zurückreichen. Denn als erster österreichischer Buddhist darf der Wiener Indologe Karl Eugen Neumann gelten, der 1884 Buddhist geworden ist. Durch seine Übersetzungen zahlreicher Texte des Theravada-Buddhismus ist er bis heute bekannt geblieben. Ein Teil der österreichischen Buddhisten steht in dieser Tradition, wobei die österreichische Theravada-Schule derzeit von Wijayarajapura Seela-wansa Thero aus Sri Lanka, der in Wien promoviert hat, geleitet wird.

Leugnen eines „Ich”

Gemeinsam mit der Universität Wien gestaltet diese Schule vom 13. bis 17. Dezember ein Symposion zu „Buddhismus - Hier und Jetzt”. Zentrale Fragen lauten: Wie sieht die Ethik des Buddhismus aus? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für ökologische Fragen? Berücksichtigt man die generelle buddhistische Forderung der NichtSchädigung von Lebewesen, so ergibt sich, daß die Zerstörung der Natur als Lebensraum von Tieren und Menschen eigentlich unzulässig ist. Da dies nicht ganz vermeidbar ist, kommt der praktischen Umsetzung der ethischen Leitlinie gerade heute große Bedeutung zu. Ein anderer Themenkreis behandelt den Komplex „Ich” und „Selbst”. Da der Buddhismus über weite Strecken die wesenhafte Existenz eines „Ich” leugnet, berühren sich buddhistische und psychologische Theorien über Entstehung oder Entwicklung eines „Ich” mehrfach.

In Österreich sind praktisch alle buddhistischen Richtungen vertreten, wobei der Großteil verschiedenen Mahayana-Richtungen, zum Beispiel Zen, oder Schulen des tibetischen Buddhismus zuzuordnen ist. Dabei ist charakteristisch, daß die einzelnen Richtungen nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern das Verbindende herausstellen und auch Einrichtungen gemeinsam nutzen. Neben den schon genannten Räumlichkeiten am Fleischmarkt mit der Buddhismus-Buchhandlung Octopus sind ferner die 1983 geweihte Friedenspagode an der Donau, das Zentrum in Scheibbs oder die Gemeinschaft auf dem Gut Letzehof bei Feldkirch zu nennen. Darüber hinaus gibt es in allen Bundesländern buddhistische Gruppen, so daß man nach Auskunft der Österreichischen Buddhistischen” Religionsgesellschaft mit etwa 5.000 Personen rechnen kann, die dieser Religion nahestehen.

Gautama Buddha und Jesus Christus sind Religionsstifter, die weltweite Resonanz gefunden haben. Der von ihnen gepredigte Heilsweg und das damit verbundene Menschenbild sind unterschiedlich, denn das Bemühen, zur Erleuchtung und zum Nirwana zu gelangen, ist etwas anderes als das christliche Streben nach Vollendung und Auferstehung. Bei allen Unterschieden zum Christentum - auch die buddhistische Ethik ist darauf ausgerichtet, Verantwortung für die Lebewesen zu übernehmen, so daß der Buddhismus der Gesellschaft genauso zugutekommt wie andere Religionen in Österreich. Mit dem jetzigen Symposion kann der Buddhismus seine Lehren der Öffentlichkeit präsentieren und zum besseren Verständnis der Lehre Buddhas beitragen.

Der Autor ist Assistenz-Professor am Grazer Institut für Religionswissenschaft

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