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Noch zu sehr vom Amt dominiert ?

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Welche Rolle können die Laienorganisationen im Rahmen der Kirche spielen? Dazu befragte die FURCHE den Wiener Pastoraltheologen Professor Paul Michael Zulehner.

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Welche Rolle können die Laienorganisationen im Rahmen der Kirche spielen? Dazu befragte die FURCHE den Wiener Pastoraltheologen Professor Paul Michael Zulehner.

FURCHE:Bei einem kürzlich in Wien stattgefundenen Gespräch zwischen österreichischen Pastoraltheologen und Vertretern der Katholischen Aktion Österreichs ging es um die Rolle, die heute Laienorganisationen im Rahmen des Gesamtauftrags der Kirche spielen können; es ging aber auch um konkrete neue Herausforderungen, denen sich die Katholische Aktion Österreichs heute gegenübergestellt sieht. Was haben die gemeinsamen Überlegungen ergeben?

ZULEHNER: Das Volk Gottes, die Kirche, formt sich in der Gesellschaft, bildet in ihr eine abgegrenzte religiöse Gemeinschaft. Andererseits ist für sie als „Sakrament des Heils” der offene Austausch mit der Gesellschaft notwendig. Damit stellt sich aber die Frage nach einer reflektierten und organisierten Präsenz der Kirche im gesellschaftlichen Alltag ebenso wie umgekehrt der Präsenz des gesellschaftlichen Alltags in der Kirche.

FURCHE: Wie könnte diese wechselseitige Präsenz geleistet werden, und wer könnte sie leisten?

ZULEHNER: Wenn auch in letzter Zeit immer wieder Bischofskonferenzen sich zu gesellschaftlichen Fragen wie Frieden und Rüstung, aber auch Wirtschaft — wie kürzlich die Bischöfe der USA - zu äußern begonnen haben, so sind es nicht in erster Linie die Amtsträger, sondern die Laien, die die Kirche im gesellschaftlichen Alltag repräsentieren. Und da kommt den in Organisationen zusammengeschlossenen Laien eine wichtige Rolle zu — eine Einrichtung wie die Katholische Aktion könnte sich da nach wie vor als das wichtigste Instrument erweisen, das diese wechselseitige Präsenz gewährleistet. Daß sie daher sowohl in der Kirche wie auch im gesellschaftlichen Alltag immer wieder Anstoß erregen kann, muß dabei wohl in Kauf genommen werden.

FURCHE: Was ergeben sich für die Katholische Aktion, die bisher ja fast eine Art Apostolatsmono-pol in Anspruch genommen hat, für Konsequenzen aus dem Aufbrechen von Erneuerungsbewegungen, aber auch aus der Konkurrenz durch die nach dem 2. Vatikanischen Konzil allerorten eingerichteten Laiengremien in den Pfarren, Dekanaten, Diözesen?

ZULEHNER: Die geistlichen Bewegungen neuerer Art mit ihrem meditativ-mystischen Grundzug haben es häufig noch nicht verstanden, diese neue Spiritualität in gesellschaftliche Präsenz umzusetzen, politische Charismen scheinen beispielsweise in charismatischen Bewegungen eher sehr selten zu sein. Was die „Konkurrenz” von Katholischer Aktion und Gremien auf pfarrlicher und überpfarrlicher Ebene betrifft, ist es eher fragwürdig, den neuen Gremien die pfarrliehe Ebene zu überlassen und die Aktivitäten der Katholischen Aktion auf die überpfarrliche Ebene zu konzentrieren. Auf eine Verwurzelung an der Basis kann die Katholische Aktion meiner Meinung nach keinesfalls verzichten.

FURCHE: Immer wieder schwierig scheint für laienapostolische Gruppierungen ihr Verhältnis zu den Amtsträgern — denken wir beispielsweise an das Friedensengagement der Katholischen Jugend. Wie sehen Sie diese Beziehung?

ZULEHNER: Nach dem gegenwärtigen Stand der Diskussion erweist sich die Struktur der westlichen Kirche als allzusehr allein christologisch ausgerichtet, was zur Folge hat, daß als Kirche eben doch nur das Amt gilt und die Beteiligung der Laien nur als Teilnähme an den Aufgaben des Amtes zu sehen ist. Ergänzt man aber eine solche einseitige Sicht der Kirche durch das „pneumatologi-sche Moment”, also die vom Geist bewirkten Charismen aller Getauften, dann erhält man eine vielschichtigere Struktur der Kirche.

Ein struktureller Pluralismus, von dem gegenseitige Anregung, ja ein gewisse Konkurrenz aus,-geht und bei dem Kommunikation eine wichtige Rolle spielt, ist meiner Meinung nach am ehesten zielführend. Freilich stellt sich die Frage, wer in der Kirche fähig ist, diese vom Geist Gottes gewirkten Charismen zu organisieren. Wieweit sind nicht sowohl die neuen Gremien wie auch die Laienorganisationen doch vom Amt dominiert?

FURCHE: Welche konkreten Projekte haben sich aus diesem — übrigens erstmaligen — Gespräch der Pastoraltheologen mit den Vertretern der Katholischen Aktion ergeben?

ZULEHNER: Dem Vernehmen nach ist geplant, im österreichischen Pastoralinstitut einen Arbeitskreis mit dieser Thematik zu beschäftigen. Darüber hinaus möchte die Katholische Aktion selbst in Symposien und Studientagungen das Thema behandeln, möchte auch mit den Bischöfen darüber reden. Es wäre möglich, die Überlegungen aus dem Gespräch zwischen Pastoraltheologen und Katholischer Aktion in einen Studientag mit der österreichischen Bischofskonferenz einzubringen. Selbstverständlich muß die Praktische Theologie sich in Zukunft damit eingehend beschäftigen.

Die These, daß sich Kirche nur in Gemeinde ereignet, wäre auszuweiten: Kirche ereignet sich in Gemeinden, erschöpft sich aber nicht in ihnen. Das betrifft nicht nur die Katholische Aktion, sondern weite Bereiche darüber hinaus. Die hier angesprochenen Probleme erscheinen jedenfalls als ein Moment in dem viel umfassenderen grundsätzlichen Verhältnis von Kirche und Gesellschaft.

Das Gespräch mit dem Professor für Pastoraltheologie an de Universität Wien führte Leonore Rambosek.

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