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Normaler Wahnsinn

Das „Pulverfaß" Kosovo steht unmittelbar vor der Explosion. Seit letzten Donnerstag machen die Serben in der zu 90 Prozent von Albanern bewohnten Provinz mobil. Für Edi Shu-kriu und Gazmor Cela vom Albanischen Frauenverband gehört das zum ganz normalen Wahnsinn. Es gebe täglich diese „normalen" Manöver der, im Gegensatz zu den Albanern, bis an die Zähne bewaffneten Serben, so die beiden Frauen.

Für den Kosovo fordern Cela und Shukriu deshalb UNO-Truppen. Damitkönnte vermieden werden, „daß das Schicksal der Albaner schwer auf den Schultern der Europäer liegt." Zudem wollen sie die Gleichstellung der Kosovo-Albaner mit den anderen Konfliktparteien im ehemaligen Jugoslawien erreichen.

Kritische Worte der beiden Frauen gab es für das Internationale Rote Kreuz (IKRK) und andere internationale Organisationen. Trotz mehrmaliger Anfragen und Bitten hätte man von diesen bisher nie eine Antwort bekommen. Nicht einmal eine IKRK-Filiale gebe es im Kosovo. Der Grund: Das IKRK ist auf die Zustimmung der betreffenden Regierung angewiesen und die sitzt in Belgrad.

Für den Fall einer Ausweitung des Konflikts zwischen Albanern und Serben im Kosovo zeichnen die beiden Frauen ein düsteres Bild: „Eskalation im Kosovo bedeutet nicht Krieg sondern Massaker".

Das eigentliche Anliegen der beiden, von der Internationalen Helsinki Föderation für Menschenrechte nach Wien Eingeladenen galt der Lage der Frauen und Kinder im Kosovo.

Unter der ständigen Präsenz und den Kontrollen der Polizei leiden die albanischen Kinder im Kosovo am

meisten, berichteten Shukriu und Cela.Die Kinder würden einfach aus Bussen herausgeholt und zu „informativen Gesprächen" geführt. Manche von ihnen kämen nie mehr zurück. Seit 1981 seien sechzehn Kinder von Soldaten getötet worden. Eine Verfolgung der Mörder habe in keinem der Fälle stattgefunden.

Ein normales Aufwachsen der albanischen Kinder im Kosovo ist nach den Schilderungen von Shukriu und Cela unmöglich. Die nach serbischem Lehrplan unterrichtenden Schulen würden boykottiert, die Kinder privat in immer wechselnden Wohnungen unterrichtet.

Serbien reagiere darauf mit verstärkter Repression. Albanische Bücher gebe es nicht mehr. Unterrichtsmaterialien zum Beispiel Lehrerunterlagen würden von der serbischen Polizei beschlagnahmt. Immer wieder müßten die Kinder miterleben, wie ihre Eltern und Lehrer von der Polizei verprügelt würden. Damit versuche Serbien systematisch, Albaner von höherer Bildung fernzuhalten und dem von Intellektuellen getragenen Widerstand das Wasser abzugraben, so die Vertreterinnen der Albanischen Frauenverbandes.

Katastrophal seien auch die medizinische Versorgung und die hygienischen Zustände, beklagten Shukriu und Cela. Mangels Impfungen gäbe es Kinderlähmung und Tuberkulose, die Säuglingssterblichkeit sei außerordentlich hoch.

Ein weiteres Zusammenleben von Albanern und Serben halten Cela und Shukriu für unmöglich. Schon jetzt gebe es keine Kommunikation, weil Serben nicht albanisch sprechen können und wollen. Man solle endlich die Albaner selbst entscheiden lassen, wie sie leben wollen, so die beiden Vertreterinnen des Albanischen Frauenverbandes.

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