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Nullwachstum als Chance

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Sinkende Wachstumsraten bereiten Kopfzerbrechen. Man versucht, die Wirtschaft rasch wieder anzukurbeln. Können wir uns das bei unseren Umweltproblemen überhaupt leisten?

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Sinkende Wachstumsraten bereiten Kopfzerbrechen. Man versucht, die Wirtschaft rasch wieder anzukurbeln. Können wir uns das bei unseren Umweltproblemen überhaupt leisten?

Österreichs Wirtschaft geht es schlecht. Die Wirtschaftsforscher haben ihre Prognosen revidiert: kein Wachstum mehr in diesem Jahr. Das ist für viele, durch Arbeitslosigkeit Betroffene, sicher eine schlimme Botschaft. Aber ist es nicht andererseits ein Schritt in eine Richtung, in die zu gehen wir ohnehin früher oder später gezwungen sein werden? So predigen uns jedenfalls seit geraumer Zeit Zukunftsforscher, Umweltexperten, Wissenschafter der verschiedensten Fachrichtungen, die als Folge unseres Wirtschaftens eine erschrek-kende und ständig fortschreitende Zerstörung der Umwelt orten. Eine Verschwendung von Ressourcen jeder Art, die unsere Nachkommen noch einmal dringend brauchen werden.

Ist der Weg zum „Nullwachstum" aber mit plötzlichen Zusammenbrüchen von Unternehmen gepflastert, so werden die dadurch auftretenden

Schwierigkeiten mit Sicherheit ungerechtverteilt. Um wieviel besser wäre es doch, das Wachstum auf andere Weise einzubremsen, durch eine nachhaltige Wirtschaftsweise zum Beispiel, bei der das ständige Ansteigen von Produktions- und Verbrauchsziffern als Maßstab des Erfolgs zumin-destens etwas in den Hintergrund rückt. Sind solche Vorstellungen nun nur eine Illusion, weil eben unsere Marktwirtschaft auf Vorteilsmaximie-rung aufgebaut ist und ohne ständiges Weiterwachsen nicht mehr funktionieren würde? Oder handelt es sich hier um ein Konzept, das umgesetzt werden muß, weil wir es ganz dringend brauchen, soll das Uberleben der Menschheit längerfristig gesichert sein.

Eine wenigstens im deutschen Sprachraum kaum von den Medien aufgegriffene dringende Warnung, daß dies nicht möglich sein werde, wenn Umweltzerstörung und Bevölkerungswachstum fortschreiten wie bisher, richteten 1.600 Wissenschafter im November vorigen Jahres an die Welt. Die Botschaft war von Vertretern von 69 Ländern unterzeichnet und ging an die Regierungen von 120 Staaten. Publiziert wurde diese Erklärung von der Vereinigung World Scientist auf einer Pres-sekonferenz in Washington. Daran beteiligt waren auch 99 Nobelpreisträger.

Immerhin der Warnungen gibt es auch sonst genug! Wir haben aber auch Hinweise darauf, warum man ringsum die Ohren zu macht gegenüber diesen Warnungen und wie gewohnt seinen üblichen Tätigkeiten nachgeht, seien es die eines Wirtschaftsmanagers oder eines kleinen Angestellten, eines Politikers, Gewerkschafters oder einer Hausfrau.

Einer dieser Hinweise besteht darin, daß die Warnungen ernst nehmen, auch heißen würde: andere Schwerpunkte im eigenen Leben setzen, solidarisch handeln, mehr Verantwortung übernehmen, vielleicht auf etwas verzichten, damit auch andere zu ihrem Teil kommen. Wir sehen heute immer deutlicher, sagte der bekannte deutsche Politologe Iring Fetscher kürzlich bei einem Vortrag in Salzburg, daß eine ethische Orientierung unentbehrlich ist in allen Lebensbereichen, so auch im Wirtschaftsleben und der Politik.

In unserer heutigen Situation sei sie notwendiger denn je. Nämlich ,.nach dem Ende des Irrglaubens an den automatischen und ständig weitergehenden Fortschritt" in seinen beiden Formen, dem Kapitalismus und dem (sogenannten) Sozialismus. Fetscher, bekannt geworden durch Bücher wie „Von Marx zur Sowjetideologie" oder „Überlebensbedingungen der Menschheit" hat als Politikwissenschafter und Sozialphilosoph immer wieder auf die Problematik beider Fortschrittsideologien hingewiesen.

„Diese Fortschrittstheorien glaubten, allen Menschen ohne bewußte sittliche Anstrengung ein besseres Leben verschaffen zu können." Beide sind darin gescheitert. Das gilt sowohl für „den Versuch einer kollektiven Emanzipation des Industrieproletariats", dessen Ende wir in den letzten Jahren alle miterlebten, als auch für „den Wirtschaftsliberalismus, der außerstande war, die immer noch wachsenden Wohlstandsunterschiede zwischen den industrialisierten Metropolen und der .Dritten Welt' zu überwinden". Die Zerstörung der Natur sei sowohl in den kapitalistischen als auch in den sogenannten sozialistischen Ländern zu spät erkannt worden und bis heute nicht zum Stillstand gekommen.

Fetscher wies auch auf eine Erscheinung hin, die gerade in unserer Zeit immer stärker zum Tragen kommt: Das Marktsystem zerstört durch seine Ausrichtung auf ein rein individualistisches Ethos seine eigenen Fundamente. Der ständig maxi-mierte Nutzen für den einzelnen ließ „in der Organisation der Gesellschaft ein Vakuum" entstehen.

Atomisierung der Gesellschaft, Ent-solidarisierung, Abkehr von sozialer Verantwortung, Zunahme der „Trittbrettfahrer", die ohne entsprechenden eigenen Beitrag viel Nutzen für sich persönlich holen - all dies sind Stichworte, die in diesem Zusammenhang zu nennen sind. Ins Bild paßt auch die von dem Politologen angeführte Welle von Korruption, Bestechung, Vorteilsnahme im Amt, die zur Zeit über ganz Europa bis zum hohen Norden rollt. Alles in allem gibt es viele Hinweise darauf, daß es äußerst dringend wäre, aus dieser verhängnisvollen Dynamik auszusteigen. Der Konsens darüber, daß die Wertmaßstäbe, die in unserer Zeit weithin bestimmend geworden sind, wieder geändert werden müssen, wächst. Erst dadurch würde die so dringend notwendige gesellschaftliche und wirtschaftliche Neuorientierung möglich. Moralpredigten werden jedoch nicht viel nützen, um diese Erkenntnis durchzusetzen.

Mehr hilft die persönliche Erfahrung, daß es Lebensziele gibt, die mehr befriedigen als fortgesetzte individuelle Konsummaximierung: Die persönliche Befriedigung durch eine sinnvolle Arbeit ist da nur ein Beispiel.

In kleinen Gruppen findet auch schon eine Abkehr von Ethos des Marktes statt. Oft handelt es sich um Gemeinschaften, die ihre ethische Orientierung aus religiösen Bindungen schöpft, gerade jenen Bindungen, zu deren Zerstörung der „Markt" einiges beigetragen hat.

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