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Nur die Umkehr fuhrt zum Heil

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Ist Beichten heute noch „in"? Wozu brauchen wir die Erfahrung und das Bekenntnis der eigenen Schuld? Liegt hier nicht ein wunderbarer Schatz des Glaubens vergraben?

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Ist Beichten heute noch „in"? Wozu brauchen wir die Erfahrung und das Bekenntnis der eigenen Schuld? Liegt hier nicht ein wunderbarer Schatz des Glaubens vergraben?

Christus hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß er die Umkehr, das heißt den Versuch der reifen Form von Schuldentlastung im Angesicht des heiligen und verzeihenden Gottes, als unumgängliche Voraussetzung zum Heil betrachtet. Er hat auch zu verstehen gegeben, daß er diese Umkehr für eine der größten menschlichen Leistungen hält (Uber einen Sünder, der umkehrt, ist im Himmel mehr Freude als über 99 Gerechte ...).

Und Christus hat gezeigt, daß er überall dort, wo nur der gute Wille, sozusagen der Ansatz zu dieser Umkehr aufblüht, den betreffen-

den Menschen mit seiner überwältigenden Liebe entgegenkommt (dem Schacher am Kreuz, der Sünderin...).

Und dieser Vorgang, konkret, menschlich, real, zeichenhaft voller Heilswirklichkeit — weiter in die Welt- und Heilsgeschichte prolongiert — das ist das Sakrament der Buße. Vielleicht ist es gut, die ganze Vollgestalt des Vorgangs festzuhalten, der eben nicht einfach spiritualisierend-mental verkümmern soll, so sehr die innere Einstellung das Wesentliche bleibt.

Christus hat die Botschaft von der Umkehr in das literarisch schönste Gleichnis gekleidet: Die Geschichte vom verlorenen Sohn. Sie ist so schlicht, daß vierjährige Kinder (!) sie verstehen, und so tief, daß kein Mystiker und Theologe der Welt sie ausschöpfen kann.

Wir haben in der Botschaft von der Umkehr und dem Sakrament der Umkehr einen wunderbaren Schatz des Glaubens, den es in unserer Zeit wieder zu heben und zu entdecken gilt. Die Tatsache, daß er auch innerkirchlich im Acker vergraben ist, braucht uns nicht zu verwundern — es ist ein Aspekt des heute so virulenten Prozesses der Schuldverdrängung —, wenn dies auch nicht den einzigen Grund für die Krise des Bußsakramentes darstellt.

Übrigens gibt es keineswegs nur eine Krise. Das Erleben von 30 Jahren Beichtstuhl erweist für mich und viele andere eindeutig: Die Art zu beichten hat sich weitgehend positiv verändert. Sie ist persönlicher, menschlicher, ja ich möchte auch sagen, religiöser geworden. Es gilt, pastoral gesehen, die Stunde zu nützen, den Schatz immer mehr zu heben, aber dabei auch die Zeichen der Zeit zu verstehen.

Einige Akzente, die sich aufdrängen:

a) Der Akzent auf die Buße als personaler Vorgang. Dafür sprechen der exegetische Befund, die pastorale und psychotherapeutische Erfahrung. Das heißt, daß die Synode sicher recht hatte, wenn sie die personale Beichte zur Zielform erklärte. Auch angesichts der überstarken Antriebe zu Schuldverdrängung im einzelnen und in der Gesellschaft müßte man bei den das Bekenntnis aussparenden Gemeinschaftsformen mit Absolution vorsichtig sein. Das wird eine Notform bleiben (es wurde das auf der Synode auch von denen anerkannt, die in ihren besonderen Verhältnissen eine solche Notform beanspruchen mußten). '

Damit wird keine falsche Individualisierung betrieben, noch wird der Wert von Bußandachten zur Einstimmung und Vorberei-

tung herabgemindert. Aber die Kollektivierung des sakramentalen Vorgangs birgt eine noch größere Gefahr für die Entpersönlichung. Sogar bei der Einzelbeichte wurde die Ritualisierung zu einer Gefahr für den existentiellen Ernst des Vorgangs.

b) Damit verbunden müßten wir die Bedeutung des Sich-Aus-sprechens und Bekennens neu sehen. Auch anthropologisch ist das keine Belanglosigkeit am Rande. Früher wurde in der Kirche die Bekenntnispflicht mehr aus der Vorstellung des „Beichtgerichts" begründet. Der Beichtvater müsse einen Einblick in die Disposition des Beichtenden haben. Diese Argumentation stammt sicher aus einem gewissen verrechtlich-

ten Denken, das auch in die Sakramententheologie hereingespielt hat. Wir müssen heute stärker den medizinal-heilenden Vorgang im Blick haben — und damit sind wir in guter Gesellschaft. Auch bei den Vätern wurde diese Seite herausgestellt (Origenes). (Diesen Hinweis verdanke ich einem Dissertanten an der Theologischen Fakultät Innsbruck, Herrn Rädler.)

c) Der Vorgang der Umkehr braucht schon im allgemein Menschlichen und Pädagogischen die Begegnung mit einem verstehenden und gütigen Du. Daher wird es eine besondere Aufgabe der Kirche sein, verstehende Priester heranzubilden, die den Menschen in einer gütigen Weise mit den eigenen Fehlern konfrontieren können und ihn so auf die Verzeihung vorbereiten. Die Beichte von heute braucht, wenn auch in schlichter Form, das lösende Gespräch. Die Fähigkeit dazu ist noch wichtiger als alle liturgische Ausgestaltung des Bußaktes.

d) Am Beginn der Umkehr steht das Angerührtsein von Gott, die religiöse Ergriffenheit. Dieser Akzent wurde auf der Synode von den spirituellsten Vertretern, vor allem auch aus den unierten Ostkirchen, vorgetragen und hat auch Eingang in das Papier des Heiligen Vaters gefunden. Der verlorene Sohn wäre nicht umgekehrt, wenn er in seiner Seele

nicht irgendwo im Winkel das Bild des gütigen Vaters getragen hätte. Jeder, der am Kranken-und Sterbebett tätig war, weiß wie entscheidend dieses gütige Gottesbild im Winkel der Seele ist — ein besonderer Appell an eine Religionspädagogik, die in Langzeitwelle denkt.

e) Man kann Begegnung mit Gott nicht einfach manipulieren. Es muß uns allen klar sein, daß die Gnade der Umkehr in der Kirche erbetet und eriitten werden muß. Ist das eigentlich ein Motiv unseres Gebets? - Trotzdem wird man in der Pastoral Zeiten, Orte und bestimmte Gelegenheiten berücksichtigen müssen, in denen nun einmal viele Menschen stärker in den Bannkreis religiöser

Ergriffenheit gezogen werden. Bei den Zeiten meine ich die heiligen Zeiten der Kirche.

Ich bin dreißig Weihnachtsnächte im Beichtstuhl gewesen. Es waren unzählige, die in der Atmosphäre dieser Nacht wieder den Weg nach vielen Jahren dorthin gefunden haben. Dasselbe gilt von Ostern. Mit den Orten denke ich an Beichtzentren, die bereits eingeführt sind oder die man vielleicht da und dort regional in geduldiger Pionierarbeit aufbauen könnte. In besonderer Weise würden sich heute die aufblühenden Wallfahrtsorte anbieten, in denen die Menschen eine Atmosphäre des Vertrauens, der Besinnung und der Distanz zum Alltag erleben. Bei den bestimmten Gelegenheiten denke ich an gute Bußandachten, Besinnungs-, Einkehr- und Wüstentage.

Was diese Tage betrifft, wäre vielleicht doch bei einigen das Programm zu durchforsten, ob nicht der unumgängliche Weg der Reinigung unterschlagen wird und man auf den Zielsetzungen von Selbsterfahrung, Identitätssuche und mühelosem Seelentrost stehen bleibt („Zwischendurch mal ganz locker mit Jesus plaudern ...").

f) Auch hinsichtlich der theologischen Bildung und moraltheologischen Klärung wären rund um das Bußsakrament einige De-siderata anzumerken. So dürfte es in Zukunft nicht mehr vorkom-

men, daß Sakramententheologie auf theologischen Fakultäten gar nicht gelesen, sondern nur im Zusammenhang mit anderen Fächern gestreift wird. Ich weiß, daß diese Schwierigkeiten auch mit gewissen Akzentverschiebungen der Studienordnung der siebziger Jahre zusammenhängen. Ich vermute, daß eine wache, pastoral eingestellte Theologie die Bedeutung der Bildung in der Substanz des Glaubens neu erkennt.

Auch im Bereich der Moraltheologie ist eine seriöse Bildung unbedingt nötig. Vergessen wir nicht, daß gewisse Uberzeichnungen in vergangenen Zeiten einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Krise des Sakraments geleistet haben und daß andererseits in einer Gegenreaktion wieder heute wesentliche Forderungen des christlichen Ethos munter wegrationalisiert werden. Es braucht daher eine vertiefte Bildung des Gewissensurteils.

Außerdem müssen wir davon ausgehen, daß die Kirche in weiten Bereichen als moralische Instanz zurückgetreten ist. Es genügt heute keineswegs, Forderungen nur autoritär-dozierend vorzutragen — wir müssen argumen-tativ-einsichtig sprechen.

(Zur Belebung des Sakramentes der Umkehr genügt es ja auch nicht, einfach auf ein Kirchengebot hinzuweisen, obwohl es — an sich — eine goldrichtige Forderung ausspricht: Wenn Du, lieber Christ, nicht wenigstens einmal im Jahr vor Deinem Christus versuchst, eine reife Form der Schuldentlastung zu üben, und Dich den Mechanismen der Verdrängung preisgibst, dann wirst Du Dich schwertun, ein lebendiger Christ zu bleiben...)

In diesem Bereich der moraltheologischen Voraussetzungen wäre auch zu wünschen, daß einige schwierige und innerkirchlich umstrittene Fragen, die tief ins Leben greifen, einmal auf der Ebene eines Konzils besprochen werden könnten, wo nicht nur die pastorale Erfahrung der Kirche in den Bischöfen präsent ist, sondern auch die Theologie der Weltkirche ihren Rat einbringen kann.

g) Als letztes möchte ich noch sagen, daß wir aufhören werden, Salz der Erde zu sein, wenn wir im sogenannten christlichen Engagement Buße und Umkehr streichen und die Beichte beiseitelassen, was sehr oft geschieht. In jeder christlichen Aktivität ist die konkrete Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld und die Erfahrung des Angewiesenseins auf die Barmherzigkeit Gottes der beste Garant für die Echtheit alles christlichen Wollens. Darum sind wir alle, ich eingeschlossen, zur Aktivierung dieses heilsentscheidenden Vorgangs aufgerufen. Diese Tagung wäre gescheitert, wenn ich und Sie im Umgang mit diesem Sakrament nichts ändern wollten.

Was aber unsere Verkündigung hinsichtlich der Umkehr und der Lehre über das Sakrament betrifft, wollen wir den Heiligen Geist bitten, daß Er uns befähige, nicht Altes wegzuwerfen und Neues zu übersehen, sondern „Neues und Altes aus dem Schatze hervorzuholen".

Auszug aus einem Referat des Innsbrucker Diözesanbischofs bei der Osterreichischen Pastoraltagung am 4. Jänner 1986 in Wien. Die vollständigen Referatstexte und Arbeitskreis-Ergebnisse werden im Tagungsbericht veröffentlicht, der voraussichtlich im Mai 1986 bei Herder erscheinen wird.

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