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Nur eine Geschichte

Eine der übelsten Aktionen der Nachkriegszeit wurde in der Zeit vom 29. Mai bis 1. Juni 1945 auf der Murbrücke bei Judenburg durchgeführt. Auf Anordnung der Briten — Harold MacMillan spielte die entscheidende Rolle — wurden 55.000 Kosaken und deren Famüien - darunter 2.100 Offiziere und Popen — an die Sowjetarmee ausgeliefert.

Die Kosaken waren im Krieg auf deutscher Seite gestanden. Die Auslieferung geschah im vollen Bewußtsein, daß den Kosaken schwerste Repressalien drohten und daß sich unter ihnen Tausende ehemaliger Emigranten von 1918 und ihrer Nachkommen befanden, die nie sowjetische Staatsbürger waren.

Lorenz Mack erzählt vom Los des Fahnenträgers der Kosaken, Nikolai Natschelkov, der — die Gefahr der Deportation ahnend -mit der Fahne flieht, in einem Kärntner Bauernhof bei St. Georgen am Längsee Unterschlupf findet und dort - als Stallbursche — siebenunddreißig Jahre lang

auf die Rückkehr seiner Brüder wartet.

Von Nikolai Natschelkov blieb — wie der Autor konstatiert — nichts zurück als eine einfache Geschichte.

Von der Auffindung eines toten Kosaken, es ist Natschelkov, über die Gerüchte, die dessen merkwürdiges Verhalten begleiten, bis zur Bestattung des Toten spannt sich ein Bogen, der den Leser in Atem hält. Die unerschütterliche Hoffnung des Kosaken, seine Gefährten, seine Heimat wiederzusehen, ist eigentliches Thema dieser einfachen Geschichte, von der man sich ruhig rühren lassen darf.

DIE KOSAKENNOVELLE. Von Lorenz Mack. Verlag Styria, Graz-Wien-Köln 1986. 87 Seiten, geb.. öS 220,-.

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