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Nur Geduld kann uns retten!

Polen ist der einzige Siegerstaat des Zweiten Weltkrieges in Europa welcher Territorium verloren hat. Viel schlimmer und schmerzhafter war aber ein Verlust von über sechs Millionen polnischer Bürger, darunter eine Hälfte polnischer Juden und eine Hälfte Christen. Um das klarzumachen:

Jeder dritte polnische Rechtsanwalt, jeder vierte Universitätsprofessor oder Dozent, jeder vierte römisch-katholische Priester, jeder fünfte Oberschullehrer in Polen ist während des Zweiten Weltkrieges gefallen, meistens aber umgebracht worden.

In dem verbluteten und stark ruinierten Land (die Millionenstadt Warschau, etwas kleiner als Wien, war im Zweiten Weltkrieg zu 85 Prozent vernichtet, bevölkerungsmäßig zu einer Hälfte) ist ein neues Staatssystem entstanden, eine neue Staatsmacht installiert worden.

Anstatt der Vorkriegsdemokratie westlicher Art ist ein System der Diktatur des Proletariats eingeführt worden, mit praktischer Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei, der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR). Es ist auch die ungute Stalin- Zeit gekommen, in welcher viele Hunderttausende Polen in Gefängnissen und Lagern inhaftiert waren. Wir haben das auch durchgehalten.

Die Tradition des polnischen Volkes, Tradition des Patriotismus, erprobte Widerstandsfähigkeit und gewisse Anpassungsfähigkeit an verschiedene schwere Situationen hat doch wesentlich geholfen beim Durchhalten der Krisenzeit. In dem ruinierten Land, in dem neuen politischen System, waren in Polen - wie überall in Europa - verschiedene soziale Umwandlungen bemerkbar.

Einmal gab es eine Art Völkerwanderung in Polen, Millionen Menschen aus Lemberg und dem Wilna-Gebiet waren 1945-1947 nach Breslau, nach Danzig, nach Stettin, nach Allenstein umgesiedelt. Viele sind im Westen geblieben, als Emigranten. Eine starke polnische Armee aus Westen und aus

Süden kehrte nie im vollen Ausmaß nach Polen zurück.

Der Mangel an Intelligenz, an einer Akademiker-Schichte, war nach dem Zweiten Weltkrieg ein großes Problem für den Wiederaufbau des Lebens in dem Lande. Kein anderes Land hat nämlich so große Verluste gehabt in dem von Nationalsozialisten okkupierten Europa wie Polen.

Es war auch das praktische Nichtvorhandensein des jüdischen Elements in einzelnen Berufsgruppen bemerkbar, welches vorher eine große Rolle gespielt hat. Z. B. in meiner Heimatstadt Warschau war jeder dritte Bürger der Stadt vor dem Kriege ein Jude. Der Mangel an allen diesen Leuten in den verschiedenen Berufen war spürbar.

Von allen nationalen Minderheiten, die vor dem Kriege bei uns gelebt haben, waren die Deutschen ausgesiedelt, die Ukrainer meistens auch, die Weiß- ruthenen sind ostwärts des Flusses Bug, also im sowjetrussischen Weißrußland, die Litauen im sowjetrussischen Litauen geblieben.

Eine andere Erscheinung war bei uns die übliche Wanderung der Bauern in die Städte. Es war eine das soziale Gefüge gefährdende Wanderung, denn sie hat mit dem Prozeß der schnellen Indu- striealisierung des Landes angefangen: riesige Betriebe wurden gebaut, an Arbeitern mangelte es indes. Dann sind die Jungen vom Land gekommen.

Es war der absichtliche Versuch, die Jugendlichen vom Land zu entwurzeln, um auf diese Weise eine neue atheistisch-sozialistische Gesellschaft zu bauen. Nur, die Folgen waren nicht sehr tröstend für die „ideenreichen“ Leute, die das ausgeheckt hatten.

Die ersten Krawalle, die es im Nachkriegspolen gab, hatten ihre Ursache im Mangel an Kirchengebäuden; und das gerade in der neuen „sozialistischatheistischen“ Stadt Nova Huta bei Krakau. Bei dem damaligen Erzbischof Kardinal Woytyla (dem heutigen Papst), hat die Arbeiterschaft den Bau einer Kirche erzwungen;

Wie sieht das jetzige Polen aus?

Erstens: Bauerntum, starkes Bauerntum, individuelle Bauern, wie man das bei uns nennt, die individuell wirtschaften und die die letzte Stütze der Wirtschaff sind. Ohne sie wäre es noch schlimmer gekommen.

Zweitens; römisch-katholischer Glauben. Katholizismus.

Und drittens das Nationalbewußtsein, untrennbar verbunden mit dem Geschichtsbewußtsein.

Die polnische Intelligenz (das ist etwas mehr als die Akademikerschaft in Österreich, das sind die Leute mit Abitur und mit höherer Bildung) als Ganzes stand in den letzten Jahrzehnten nie im Spannungsverhältnis zur Kirche, und ohne irgendwelche Komplexe. Warum? Weil die röm.-kath. Kirche in Polen generationenlang ein Verbindungsfaktor in allen drei Teilen des geteilten Staates war. Wir haben als Nation existiert rund acht Generationen lang ohne eigene Staatlichkeit.

In allen drei Teilen des Landes waren die Polen römisch-katholisch. Die Orthodoxen waren nicht Polen, die Griechisch-Katholiken waren Ukrainer. Also beim Kulturkampf im Bismarckschen Preußen, beim religiösen Druck im zaristischen Rußland waren die Polen gleichzeitig unterdrückt als Polen und als Katholiken.

Nur in Österreich-Ungarn haben die Polen relativ frei gelebt, nur in Galizien waren die einzigen zwei polnischen Universitäten: die Jagellonen-Univer- sität in Krakau, so alt wie die Wiener Universität, und die Lemberger Universität. In diesen zwei Städten wurden die Kader der zukünftigen polnischen Intelligenz, ja fast die ganze polnische Akademiker-Schichte geschult.

Die katholische Kirche hat im Zweiten Weltkrieg Oberhand bekommen, auch in ungläubig engagierten Kreisen, weil röm.-kath. Priester in Polen (und nur in Polen) die ganze Zeit eindeutig und ununterbrochen gegen Nationalsozialisten und mit dem Volk gelitten haben. Sie waren mit dem Volk umgebracht, verbannt, umgesiedelt, in ihren

Möglichkeiten begrenzt worden und das hat, wie immer in der Geschichte der Kirche, gute Früchte getragen.

Die röm.-kath. Kirche wurde in dieser Hinsicht bei uns auch nicht von Kommunisten nach dem Krieg atta- kiert. Man konnte nämlich in dem Lande, in dem nicht nur Pater Maximilian Kolbe, sondern auch Tausende andere gelitten hatten, und über 2600 röm.- kath. Priester umgebracht worden waren, die röm.-kath. Kirche kaum als eine „reaktionäre“ oder sogar eine „faschistenfreundliche“ Macht angreifen. Deswegen haben die Kommunisten auch eine andere Taktik gegenüber der Kirche angewandt als in Ungarn oder als in Böhmen und Mähren.

Ein anderer Faktor: Geschichtsbewußtsein und Nationalbewußtsein. Die polnische Kultur, Wissenschaft wie Literatur und Theaterwesen, das waren wieder Faktoren der Einigkeit, denn dieselbe Sprache wurde im besetzten Warschau, im besetzten Posen und in den freien Universitäten in Krakau und in Lemberg benutzt.

Die Rolle der Literatur war sehr wichtig für uns beim Wiederaufbau des Staates nach 1918. Der damalige polnische Staat ist wiederum sehr populär geworden in der Generation der Enkeln.

Die Jugendlichen in Polen sind heute nicht reaktionär, sie sind fortschrittlich. Aber im ganz anderen Sinn des Fortschritts, als das oft im Westen verständlich wäre. Sie finden Fortschritt in der Verankerung des öffentlichen Lebens, des gesellschaftlichen Lebens im pluralistischen Vielparteiensystem.

Sie finden Fortschritt im freien Wort, sie finden Fortschritt nicht unbedingt im Marxismus-Leninismus. Sie finden Fortschritt auch in guten alten Mustern und Traditionen. Man kann sagen, „Retro“ ist bei uns nicht nur die

Mode im Kleid, das ist auch eine kulturgeschichtliche und politische Mode im guten Sinn des Wortes.

Und für wirklich reaktionäre Elemente halten die Jugendlichen in Polen die sturen Funktionäre, halten die Jugendlichen in Polen die Leute, die die Freiheit des Wortes begrenzen, halten die Studenten in Polen die Leute, die gegen Kritik, gegen Diskussion, gegen freien Zutritt zu Massenmedien sind.

Die Polen denken ganz reell und nüchtern. Wir wünschen - das möchte ich eindeutig unterstreichen - im Rahmen des Möglichen zu handeln. Sie können auch in der seriösen westeuropäischen Presse nie irgendwelche Nachrichten über haßerfüllte Parolen in Polen finden. Solche gibt es nicht, weder in der Arbeiterschaft noch im Kreise der Intelligenz.

Wir rufen niemanden gegen niemanden auf, wir fordern positive Dinge für uns, die Umwandlungen der Struktur und Verbesserung des Lebens, nicht nur des materiellen, auch des geistigen Lebens.

Das haben wir für unsere Kinder, Enkel erkämpft. Das Volk lebt und muß bleiben. Die Strukturen ändern sich, die Leute gehen. Vor unseren Augen sind schon ein paar namhafte Parteisekretäre ein Niemand geworden. Sie wurden beschimpft durch ihre eigenen Genossen. Wir in der katholischen Kirche oder in den liberalen Kreisen schimpfen auf die Leute nicht.

Viele Leute im Ausland haben Sorge, in Polen hätten die ständigen romantischen Revolutionäre die Grenze überschritten. Welche Grenze? Die Grenze der Bequemlichkeit der Menschen, die nicht hören möchten, daß die anderen auf andere Weise friedlich und legal um ihre Rechte zu kämpfen wünschen? Welche Grenze? Bedrohen wir irgend-;

einen Staat in der Welt? Wir bedrohen niemanden.

Der Staat hat jüngst geradezu überschwenglich die positive Rolle der katholischen Kirchenvertreter anerkannt. Jetzt ist es modisch geworden in Polen, über den polnischen Papst in der Presse zu schreiben. Das bedeutet aber nicht, daß man z.B. ohne Begrenzung und ohne Schwierigkeiten eine katholische Zeitung herausgeben kann. Das ist eine ganz andere Sache. Das ist die Dialektik.

Aber der Papst hat mit den Vertretern der polnischen Gewerkschaft „Solidarität“ gesprochen, diese Vertreter eindeutig gesegnet und eine Rede gehalten, die auch ganz eindeutig formuliert ist. Und das ist für uns, für die breite Masse in Polen, viel wichtiger als verschiedene Äußerungen dieser Parteisekretäre, die wechseln werden - der Papst ist doch auf Lebenszeit gewählt.

Man kann auch die Frage stellen: „Wie ist es mit diesen Gewerkschaften? Es sind dort verschiedene Leute, auch Ungläubige - Leute, die nichts zu tun haben mit Rom“. Ja, für viele Intellektuelle ist der Papst einfach ein Schriftsteller, ein interessanter Partner, für andere der Heilige Vater und für noch andere die wichtigste Persönlichkeit des öffentlichen Lebens.

Auch im marxistischen Lager in Polen ist die Einstellung nicht gleich: Ein Marxist, ein Mitglied der Partei, Herr Bratkowski, der jetzt eine Rolle im gesellschaftlichen Leben Polens spielt, hat geschrieben: die Arbeiter sind bereit, länger zu arbeiten, wenn ihre Arbeit dem polnischen Volk Früchte bringen wird, dem polnischen Staat, nicht allen anderen. Wir sind zu schwach, um große Mächte auf dem Rücken zu tragen.

Was fordern die Intellektuellen in Polen jetzt? Die totale Abschaffung der Zensur? Nein. Wir haben nicht vergessen, daß die totale Abschaffung der Zensur schlimmste Folgen für unsere südlichen Brüder gehabt hat. Wir wissen nur, daß die Zensur reguliert sein soll, also keine Willkür, sondern regulierte Vorschriften. Staatsgeheimnisse kann man nicht berühren. Wir sind auch gerne bereit, nichts über Nachbarn zu schreiben.

Aber es sind sehr viele Probleme, die man doch berühren kann, im kritischen Sinn. Jetzt kritisiert ja auch die polnische kommunistische Partei auf der Welle der Selbsterneuerung sehr heftig die ehemaligen Funktionäre mit schärfsten Worten.

Was wird die Zukunft bringen? Ich . muß Ihnen sagen, ich bin mehr ein Optimist als ein Pessimist. Erstens wegen der Klugheit und Erfahrung unserer Nachbarn. Zweitens bin ich überzeugt, auch wenn ich gewisse Rückschläge nicht ausschließe, daß die guten positiven Erneuerungsideen Oberhand behalten werden.

Ich bin tief überzeugt, daß verschiedene übertriebene Berichte in den Zeitungen, besonders in Illustrierten im Westen, nicht immer und nicht unbedingt der Sache dienen. In einzelnen Fällen schon. Schreien soll man, aber nicht hysterisch. Hysterie ist ein schlechter Berater, und die erfahrenen Völker in Osteuropa wissen: nur Geduld kann uns retten!

Der Autor ist Professor für Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Lublin und Generalsekretär des polnischen PEN-Clubs. Dieser Text ist ein Auszug aus einem Referat, das er am 27. Jänner im Club „pro Wien“ hielt. Am 2. April spricht er im Wiener Presseklub Concordia.

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