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Nur Liebe kann dem Süchtigen helfen

„Jugendprozeß um Heroin - Neue Wahnsinnsdroge aufgetaucht - Suchtgiftring in Niederösterreich ausgehoben”, Größter Rauschgiftring gesprengt - Der .noble' Todesschuß” - Schlagzeilen eines einzigen Tages in zwei Wiener Tageszeitungen. Die Drogenszene läuft auf vollen Touren. Die Zahl der Todesfälle ist in den vergangenen Monaten - nicht nur in Österreich - erschreckend schnell angestiegen. Behörden und Parteien suchen nach geeigneten Gegenmaßnahmen.

Was sind die Ursachen dieser plötzlichen Entwicklung? Wer ist hierfür verantwortlich? Wie kommen wir heraus? Der Wiener Moraltheologe Günter Virt versucht, diesem Phänomen an den Leib zu rücken.

„Der Gebrauch von Rauschmitteln, die einen außergewöhnlichen Bewußtseinszustand herbeirühren, läßt sich in fast allen Kulturen nachweisen,” stellt er einleitend in seiner Arbeit „Sucht und Flucht” fest. Der Mensch habe inmitten seines normalen Bewußtseins eine unstillbare Sehnsucht nach einem größeren Bewußtsein. Es ist nur verständlich, wenn es in vielen Religionen und Kulturen Mittel und Wege gibt, in denen der Mensch versucht, über sich hinaus zu gelangen.

Letzten Endes sind die heiligen Pilze der Azteken oder Sibiriaken, und die Peyotl-Kakteen der nordamerikanischen Indianer nichts anderes als der Alkohol in Europa, der hier seit alters-her als Rauschmittel im Rahmen bestimmter Grenzen gesellschaftlich akzeptiert ist.

Um die Jahrhundertwende gab es unter Ärzten und Künstlern eine Welle des Opiumkonsums, während der Weltwirtschaftskrise der zwanziger Jahre nahm man Kokain, um das Elend zu vergessen.

Neu in der .Drogenszene* ist die leichte Verfügbarkeit verschiedener Rauschgifte: in manchen europäischen Großstädten haben bis zu 80 Prozent der Jugendlichen irgendwie einmal Kontakt mit Drogen. In der Bundesrepublik Deutschland erreicht der Drogenumsatz jährlich Milliardenhöhe.

Aber hinter Zahlen stehen Menschen, stehen Schicksale, Katastrophen.

Das jeweils schwächste Glied einer Gruppe ist der Summe der Belastungen ausgesetzt - in der Familie wie in der 'Gesellschaft. Gerade den Jugendlichen muß die Welt der Erwachsenen in der Industriegesellschaft reichlich absurd vorkommen. Die Eltern haben keine Zeit und keine Nerven für die notwendige Kommunikation mit ihren Kindern. Die moderne Betonbunker-Architektur leistet ihren Beitrag zum Kommunikationszerfall unter den Bewohnern. Die Zahl der Scheidungen nimmt zu.

Die Süchtigen sind vorwiegend in gestörten Familien aufgewachsen. Aus dem Beziehungsmangel in früher Kindheit erwächst eine beziehungsgestörte und dauernd um sich kreisende Persönlichkeit.

Auch außerhalb des Elternhauses ist es für den Jugendlichen nicht leicht. Anschluß an Vorbilder zu finden, mit denen er sich ideniifizieren kann. Die

Wahrscheinlichkeit, daß er dabei an einen Kreis von Rauschgiftsüchtigen stößt, ist groß.

Die süchtigen Vorbilder, die in ihrem Rausch über allem zu stehen scheinen, faszinieren. Gruppen jugendlicher Abhängiger täuschen anfänglich etwas von echter Solidarität, seelischem Frieden, Freiheit von jeder Hektik vor, alles Güter, die die jungen Menschen in ihrer Familie und in der Gesellschaft entbehren.

Die Drogenabhängigkeit beginnt fast ausschließlich im Jugendalter zwischen 12 und 20 Jahren.

Was sucht der Süchtige, wenn er Drogen nimmt? In den sechziger Jahren sollten Rauschmittel das „Bewußtsein erweitern”, heute sollen sie „Konflikte bewältigen” helfen, der Suche nach Frieden und Ruhe entsprechen, oder auch nur dem Streben nach besserer Selbsterkenntnis dienen. Auf die Dauer aber schaltet die Droge nicht bloß störende Triebe ab, sondern zerstört alle Antriebe. „Bewußtseinserweiternde” Substanzen bescheren nur Sinnentäuschungen. Statt der gesuchten Konfliktlösung bringen die Drogen zusätzliche Probleme: Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Familie, bei der Beschaffung weiterer Rauschmittel.

Wer ist verantwortlich dafür, daß die Ursachen der Drogensucht überwunden werden und den bereits Abhängigen geholfen wird?

Zunächst ist jeder für sich selbst verantwortlich - auch der Drogensüchtige in dem Maß, als seine Freiheitsmöglichkeiten noch reichen. Die Scheu davor, Hilfe zu suchen, wenn man eine Gefährdung bei sich selbst merkt, ist falsch, ebenso aber auch, einen andern, bei dem eine akute Gefahr der Abhängigkeit zu erkennen ist, nicht mit den sittlichen Regeln zu konfrontieren. Keineswegs darf man einen andern sich selbst überlassen, weil er ja „selbst schuld” sei.

Familie, Schule, Staat und Kirchen haben ebenso ihre spezifischen Aufgaben bei der Bekämpfung der Rausch-

Die Kirchen bringen auch die Voraussetzung mit, das Problem der Außenseiter anzugehen und blinde Flek-ken der Sünderbockmechanismen der Gesellschaft zu beheben. Eine christliche Gemeinde sollte dem Süchtigen in beispielgebender Weise helfen, wieder in die Gesellschaft zurückzufinden.

Die christliche Motivation, die offen oder versteckt am Anfang vieler Therapieversuche steht, entlastet auch vom Erfolgszwang, unter dem heute jede staatliche Aktivität steht. Ein Christ kann auch gegen jede menschliche Hoffnung noch hoffen und so die Belastung der vielen Rückschläge eines in jedem Falle langen Weges ohne Resignation und Erstarrung in Routine bewältigen, schließt der Autor. „Er kann, getragen vom Glauben, versuchen, den abhängigen Außenseiter ohne Bedingung anzunehmen und ihm gerade so das erweisen, was er nie erfahren hat: bedingungslose Liebe in der Gestalt konsequenter Anforderung.

SUCHT UND FLUCHT. Von Günther Virt. Reihe „Spielregeln des Lebens”, Verlag St. Gabriel, Mödling, 64 Seiten.

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