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Nur Liebe und Güte retten die Welt

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Wird Tibet durch die chinesische Besetzung kulturell und religiös seiner Eigenständigkeit beraubt? Welche gemeinsamen Aufgaben können Religionen heute wahrnehmen?

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Wird Tibet durch die chinesische Besetzung kulturell und religiös seiner Eigenständigkeit beraubt? Welche gemeinsamen Aufgaben können Religionen heute wahrnehmen?

FURCHE: Eure Heiligkeit, weil Sie das soziale tibetische System nicht mehr für zeitgerecht hielten, haben Sie in der von Ihnen 1963 entworfenen Verfassung die Macht des Dalai Lama beschnitten. Und Sie haben bei Ihrer Rede in Straßburg kürzlich gesagt, Sie würden in einer neuen Regierung in Tibet keine aktive Rolle spielen wollen. Heißt dies, daß der Dalai Lama künftig nur mehr der spirituelle Führer Tibets sein wird?

DALAI LAMA: Nein, das heißt nicht notwendigerweise, daß ich nur der spirituelle Führer sein werde. Was immer für mein Volk unter den gegebenen Umständen das Beste sein wird, werde ich tun. Ich möchte mich nicht auf die Rolle eines geistlichen oder eines politischen Führers festlegen.

FURCHE: Sowohl für die Tibeter verkörpert der Dalai Lama (Dalai kommt vom Mongolischen — Ozean der Weisheit, Lama kommt vom Tibetischen = der Meister) die Religion, die Kultur und auch die Politik Tibets. Was bedeutet der Dalai Lama für Ten-zin Gyathso, der als Sohn einer Bauernfamilie in einem kleinen Dorf im Nordosten Tibets geboren wurde?

DALAI LAMA: Der wichtigste Aspekt liegt in dem Auftrag, meinem Volk zu helfen und ihm zu dienen. Und wenn es mir gelingt, diese Aufgabe wirklich zu erfüllen, dann ist der Name des Dalai Lama etwas Nutzbringendes. Dabei habe ich nichts anderes zu geben als meine verhältnismäßig aufrichtige Motivation, die ich in täglicher Praxis weiter zu vertiefen suche.

FURCHE: Wird es eine fünfzehnte Inkarnation des Dalai Lama geben? Eure Heiligkeit haben vor einiger Zeit verlauten lassen, Sie könnten möglicherweise der letzte Dalai Lama sein.

DALAI LAMA: Diese Äußerung steht im Zusammenhang mit dem Trachten der Chinesen, die Tibetfrage als ein ausschließliches Problem des Dalai Lama und der tibetischen Flüchtlinge hinzustellen. Das entspricht aber nicht der Wahrheit. Wir haben nicht die Absicht, das alte System wieder einzuführen, denn dies wäre nicht nur unmöglich, es brächte auch keinerlei Vorteil. Wenn das tibetische Volk meint, daß es die Institution des Dalai Lama nicht mehr braucht, dann wäre dies das Ende dieser Institution, und ich wäre der letzte Dalai Lama. In diesem Sinn habe ich mich geäußert.

FURCHE: Vor dem Europaparlament in Straßburg haben Sie China einen Kompromiß vorgeschlagen, bei dem Tibet eine sich selbst regierende, demokratische politische Einheit würde und Chinafür die tibetische Außenpolitik verantwortlich bliebe ...

DALAI LAMA: Die Tibeter wollen nicht unter chinesischer Besetzung bleiben, das ist eindeutig. Dies zu erreichen, ist aber ein schwieriger Weg. Unter diesen Umständen scheint es mir richtig zu sein, einen mittleren Weg zu

„Die Tibeter wollen eindeutig nicht unter chinesischer Besetzung bleiben.“ suchen. Und ich glaube, daß sich zur Zeit, wie in anderen kommunistischen Ländern, auch in China die Dinge zu verändern beginnen. Ich hoffe, daß wir eine Lösung finden werden.

FURCHE: Es haben sich im tibetischen Mahayana-Buddhis-mus unterschiedliche Schulen und Strömungen entwickelt. Wie ist es möglich, daß verschiedene Lehrmeinungen nicht, wie es im Westen zumeist geschieht, zu Spaltungen geführt haben, sondern in einem Kloster Mönche aus verschiedenen philosophischen Richtungen zusammenleben können?

DALAI LAMA: Es gibt zwar in den verschiedenen Schulen große philosophische Unterschiede, doch in einigen Kardinalfragen stimmen alle überein. So in der überaus großen Bedeutung, die einem guten Herzen beigemessen wird, und welch hohen Stellenwert die Selbstlosigkeit einnimmt. Die unterschiedlichen Betrachtungsweisen kommen auch daher, daß Menschen ihre Ansichten verschieden ausdrücken.

Ein wichtiges Element der buddhistischen Unterweisung ist die Debatte. Im Debattenhof kann es sehr hitzig zugehen, man versucht, dem Gegner unerbittlich alle falschen Beweisführungen nachzuweisen. Aber die buddhistische Grundhaltung sieht in der philosophischen Diskussion über den Buddhismus keine persönliche Auseinandersetzung. Und so gibt es, wenn man den Debattenhof wieder verläßt, auch kein persönliches Gekränktsein.

FURCHE: Wieso erscheinen dem Buddhismus sowohl der EinGott-Glaube, als auch der Unglaube als Extreme, die es zu vermeiden gilt?

DALAI LAMA: Man kann den Buddhismus insofern als Atheismus bezeichnen, als er den Glauben an einen Gott als den Schöpfer aller Dinge nicht kennt. Aber das heißt nicht, daß der Buddhismus nicht Wesen auf einer höheren Ebene annimmt, die durch einen Prozeß der Läuterung gegangen sind. Eine der wichtigsten Aussagen des Buddhismus lautet, daß jedes Lebewesen die Möglichkeit in sich trägt, diese geistige Verwirklichung oder hohe spirituelle Stufe zu erreichen. Daher ist der Buddhismus insofern nicht atheistisch, als er an verschiedene geistige Ebenen glaubt.

FURCHE: Westliches Denken ist stark vom Konzept einer linearen Entwicklung beeinflußt. Wie verhält sich diese Sicht zu der buddhistischen Auffassung einer zyklischen Existenz, nach der die Wesen kreisförmig die gleichen Grundformen des Lebens durchwandern?

DALAI LAMA: Es scheint mir, wenn man vom westlichen Konzept einer linearen Entwicklung spricht, daß man mehr an die fortschreitende Bewußtwerdung der Gesellschaft denkt. Die Buddhisten hingegen sehen die Reifung des einzelnen Individuums, das sich durch Inkarnation weiterentwickelt und dadurch einen scheinbar kreisförmigen Prozeß durchläuft. Das sind zwei verschiedene Betrachtungsweisen.

FURCHE: Gibt es trotz der offensichtlichen kulturellen, geschichtlichen und geographischen Unterschiede, die doch sehr groß sind, etwas allen Menschen Gemeinsames, daß man wirklich von der einen menschlichen Familie sprechen kann?

DALAI LAMA: Auf meinen Reisen treffe ich mit Menschen aus den verschiedensten Kulturen, Religionen oder Ideologien zusammen, und ich bin überzeugt, daß es nur von außen her gesehen Verschiedenheiten gibt. Denn im Grunde sind wir alle die gleichen menschlichen Wesen, tragen alle die gleiche Sehnsucht nach Glück, nach Liebe in uns, wollen in gleicher Weise das Leiden vermindern. Daher glaube ich, das Aller-wichtigste für die Menschheit ist ein gutes Herz.

Heute ist die universelle Verantwortung, die auf Liebe und Güte gründet, eine Frage des Uberlebens der Menschheit. Es ist vor allem der Auftrag der Religionen, den Menschen bei der Herzensbildung zu helfen.

FURCHE: Scheint Ihnen das Gebetstreffen für den Weltfrieden 1986 in Assisi ein wichtiges Zeichen gewesen zu sein?

DALAI LAMA: Ja, besonders durch das Gebetstreffen in Assisi sind neue Beziehungen zwischen den Religionen entstanden. Als Tibet noch isoliert war, dachten wir, unsere Religion sei die beste Religion. Jetzt aber erscheint mir die Begegnung mit anderen Religionen eine Bereicherung für alle zu sein.

„Ich glaube, das Allerwich-tigste für die Menschheit ist ein gutes Herz.“

FURCHE: Es gab aber auchkri-tische Stimmen, die vor der Gefahreiner Vermischung und Relativierung verschiedener religiöser Traditionen warnten.

DALAI LAMA: Wir kamen zusammen und beteten, jeder nach seinem Glauben und seinem Religionsverständnis. Der Grundgedanke einer Einigkeit zwischen verschiedenen Weltreligionen heißt nicht, daß alle Religionen zu einer einzigen Weltreligion verschmelzen sollen. Die Hauptaufgabe des Treffens lag darin, gemeinsam Verantwortung für den Weltfrieden zu übernehmen. Und darin, daß man trotz verschiedener Traditionen miteinander beten kann, liegt die große Bedeutung des Treffens.

Das Gespräch führte Felizitas von Schönborn.

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