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Öko-Lackierung auf Mist bauen oder Mülldesinfektor - Firmen ihre Zukunft

300 bis 400 Kilogramm Müll fallen in industrialisierten Ländern pro Kopf im Jahr an. Wohin damit? Auf die Mülldeponie, wo die Uberreste unseres Wohlstandes still vor sich hin verrotten.

Jahrzehntelang haben wir die Umwelt wie ein Stiefkind behandelt. Die Wirtschaft produzierte und produzierte, und wir konsumierten. Der „saure“ Regen ist nur ein Synonym für die Tatsache, daß die Umwelt aufgrund zahlloser Schadstoffe gänzlich durcheinander geraten ist.

Diese Schandflecke der Industrienationen, die die „Grünen“ nach wie vor auf die Barrikaden treiben, haben sich Firmen längst zunutze gemacht. Auch wenn sie mit einer einzigen Erfindung beziehungsweise Innovation den Mist und die Probleme selbstverständlich auch nicht von heute auf morgen aus der Welt schaffen können.

So haben beispielsweise die Jenbacher Werke ein Verfahren entwickelt, wie man die auf Deponien entweichenden, schädlichen Gase nutzen kann. Die Gase werden mit speziellen technischen Anlagen einem Otto-Motor zugeführt, der per Generator elektrische Energie erzeugt.

Natürlich ist in Wahrheit alles nicht so einfach wie es klingt Neue Technologien, die Forschung, die Entwicklung, das alles erfordert viel Mut zum Risiko, Fingerspitzengefühl, Glück und natürlich auch den richtigen Riecher. Wobei es Firmen, die sich heute der Umwelt verschreiben, schon bedeutend leichter haben als früher. Die Ökologiebewegung ist ein ziemlich potenter Förderer derlei Ambitionen geworden.

Firmen wie beispielsweise die Simmering-Graz-Pauker haben sich schon früh auf Umwelttechnik spezialisiert und das Know-how vorwiegend aus Japan importiert. Heute ist das Unternehmen schon ein österreichischer Umweltprofi. Die Hälfte aller

österreichischen Entschwefelungsanlagen und drei Viertel aller eingebauten Entstickungsan-lagen gehen auf das Konto der Wiener Firma.

Sondermüll ist allerdings noch immer ein großes Sorgenkind, nicht bloß für Umweltschützer.

So gehören beispielsweise rund zehn bis 15 Prozent des Abfalles von Krankenhäusern zum gefährlichen Sondermüll, der laut Gesetz auch speziell entsorgt werden muß. Der gängigste Weg für Krankenhäuser ist noch immer, sich in den hauseigenen Verbrennungsanlagen der unerwünschten Produkte zu entledigen. Oder — sie installieren eine Innovation aus Österreich. Nämlich den von den Vereinigten Edelstahlwerken (VEW) Ternitz hergestellten „Desinfektor“ für Sondermüll.

VEW hat sich mit diesem Produkt eine Erfindung der medizinischen Hochschule in Hannover zunutze gemacht. Der Desinfektor soll - so die Vorstellungen der Wissenschaftler - jenen Mist unschädlich machen, bei dem gefährliche Bakterien entstehen wie eben bei Spritzen, Verbänden, der Flüssigkeit bei Blutreinigungsanlagen in Spitälern und so weiter. Das ist auch gelungen.

Der für die Desinfektionsanlage in speziellen Behältern verpackte Sondermüll wird nach der „Dusche“ getrocknet und danach meist noch maximal um ein Viertel seines Volumens zusammengepreßt. Er kann anschließend mit dem normalen Hausmüll des Krankenhauses entsorgt werden. Was natürlich den Müllberg insgesamt nicht kleiner, aber wenigstens ungefährlicher macht.

Sechs österreichische Krankenhäuser fanden diese Innovation bereits einen Versuch wert. Bei der Installation des Desinfektors zeigt sich Oberösterreich als besonders fortschrittlich. Was aber kein Wunder ist, denn den Linzern bleibt ja bekanntlich zeitweise noch immer regelrecht die Luft weg.

Ein anderes österreichisches Unternehmen versucht sich ebenfalls schon seit Jahren in Sachen Umweltschutz.

Der Gründer der Grazer Vianova Kunstharz AG wußte schon zur Gründungszeit ein Lied zu singen, wie lange es dauert, bis eine Idee greift und man nicht mehr belächelt wird oder nur Rückschläge erleidet.

Die Firma, die heute 513 Mitarbeiter zählt, suchte schon vor Jahrzehnten nach einem Mittel, um Lacke nicht mehr mit giftigen, feuergefährlichen Lösungsmitteln verdünnen zu müssen, sondern mit Wasser.

Heute werden mit solchen wasserverdünnten „Oko“-Lacks 80 Prozent aller weltweit erzeugten Autos auf spezielle Art lackiert. Millionen Tonnen umweltschädlicher Lösungsmittel fallen somit weg.

Auch wer heute beispielsweise mit einem Airbus der deutschen

Lufthansa in den Süden reist, ahnt wahrscheinlich kaum, daß er dicht neben einem österreichischen Hochtechnologieprodukt sitzt. Die Innenverkleidung, die so sauber und elegant aussieht, ist das Produkt eines heimischen Chemiebetriebes.

Isovolta, die österreichische Isolierstoffe AG, hat es geschafft, in Europa einziger Anbieter für diese spezielle Art Flugzeugfolie zu werden.

Der Firma ist es damit gelungen, an einem leuchtenden Beispiel europäischer Kooperation mitzunaschen. Denn der Airbus wird in Arbeitsteilung nur von europäischen Firmen hergestellt.

Die Bundesrepublik baut Rumpf und Innenausstattung, Großbritannien ist auf die Flügel spezialisiert, Frankreich auf Cockpit und Elektronik, Spanien liefert die Leitwerke - und Österreich die Innenwandverkleidung.

Airbus wollte mit seiner Innenausstattung gegenüber der amerikanischen Konkurrenz mit einer besonderen Qualität auftrumpfen. Untersuchungen haben gezeigt, daß durch Brände an Bord bei den Wandverkleidungen giftige Fluorwasserstoffe als ein Zersetzungsprodukt entstehen. Diese Werte sollen, so die Airbus-Pläne, so niedrig wie möglich gehalten werden, um den Passagieren noch mehr Sicherheit zu vermitteln.

Isovolta beauftragte sein Entwicklungsteam, sich an die geforderten Qualitätsstandards heranzutasten — und erhielt letztlich den Auftrag.

Auch die AUA wird bekanntlich in den nächsten Jahren zwei solcher Airbusse kaufen, ausgestattet mit einem Produkt „made in A“.

Auf der Suche nach Marktnischen hatte ein Isovolta-Techni-ker die Möglichkeit, der amerikanischen Weltraumbehörde NASA über die Schulter zu schauen. Deren Spezialisten waren zu dieser Zeit noch intensiv mit der Weiterentwicklung des Space-shuttle beschäftigt und suchten emsig nach feuerfesten Materialien.

Ausgestattet mit diesen US-Kenntnissen fiel bei Isovolta der Groschen, daß in der Flugzeugindustrie vielleicht auch für die österreichische Firma die Zukunft liegen könnte.

Diese von der Firma entwickelte Spezialverkleidung ist noch dazu um rund ein Drittel leichter als die der Konkurrenz. Der Airbus kann daher Treibstoff und damit

Ressourcen sparen.

Einer weiteren Firma ist es gelungen, in einer Branche Marktnischen zu finden, wo die Konkurrenz gewöhnlich übermächtig erscheint. Die Salzburger Techno-dat ist ein auf graphische Datenverarbeitung spezialisiertes Soft-ware-house.

Zusammen mit der Firma Olivetti entwickelt Technodat seit einigen Jahren rechnerunterstützte, dreidimensionale Einrich-tungsplanungsprogramme. Damit können Einrichtungshäuser oder Küchenstudios mit ihren Kunden gemeinsam via Bildschirm Wohnungen oder Gebäude planen.

Der Grundriß wird einfach eingegeben, und der jeweilige Raum kann mittels Bildschirm - den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend - eingerichtet und gestaltet werden. Die Räume dabei aus der Vogelperspektive zu betrachten, gehört da ebenfalls dazu wie die Möglichkeit, Ausschnitte zu vergrößern, Möbelgruppen hin- und herzuschieben, zu löschen und neu aufzubauen und so weiter. Dekorartikel wie Bilder, Töpfe und ähnliches sind für den Computer ebenfalls kein Problem.

Die entsprechende Preisliste wird bei Erstellung auch gleich ausgedruckt, sodaß Einrichtung und Preis je nach Laune und Geldbörse entsprechend variiert werden können.

Die Firma, obwohl mit 25 Mitarbeitern ein „Zwerg“ in der Computerbranche, zählt jedenfalls bereits zehn österreichische Küchenstudios und Möbelhersteller zu ihren Kunden.

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