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Digital In Arbeit

Ohne Arbeit — kein Vergnügen

„... Volk begnadet für das Schöne, viel gerühmtes Österreich.” -

.Alles Gute für die Zukunft” -„Viel Erfolg” - „Naja, jetzt kommt der Ernst des Lebens”.

Blumen, Sekt, Geschenke, ja und natürlich viele, viele gute Wünsche. Wie sehr man diese braucht, wußten wir bei der festlichen Feier des Studienabschlusses noch nicht. Doch sobald die Blumensträuße verwelkt sind und im Postfach wieder mehr Rechnungen als Glückwünsche liegen, kommt die große Leere: „Leider, aber im Moment sind alle Stellen besetzt...”; „möglicherweise wird im Herbst etwas frei...”; „... tut uns leid, wir setzen Sie auf die Warteliste.”

Das große Warten hat begonnen, ein Ubermaß an freier Zeit ist plötzlich vorhanden, aber es ist keine Freizeit im herkömmlichen Sinn, kein Raum zur persönlichen Gestaltung nach getaner Pflicht. Nein, es besteht kein Zwang zu irgendeiner Aktivität, es ist völlig egal, ob man wie bisher um sieben Uhr aufsteht oder das Bett erst gegen Mittag verläßt.

Diese Situation ist etwas völlig Neues. Bisher hatten Ferien immer schon ein am Anfang bekanntes Ende. Aber jetzt ist dieses Ende die große Unbekannte. Bisher sind einem die Ferien immer zu kurz geworden, reisen, lesen, handarbeiten - fürs große Saubermachen hat die Zeit meist gar nicht mehr gereicht und es wurde auf den nächsten Urlaub verschoben.

Daß es gerade dieses im voraus bekannte Ende war, das zu allen möglichen Aktivitäten motiviert hat, erkenne ich erst jetzt. Denn solange ich nicht weiß, wann ich zu arbeiten beginnen kann, fühle ich mich wie gelähmt.

Bis jetzt hatte ich nicht die geringsten Schwierigkeiten, mich alleine zu beschäftigen, und Langeweile kannte ich eigentlich auch nicht. Damit möchte ich nicht sagen, daß ich mich ständig irgendwie betätigt habe - es gab auch schon etliche Stunden und Tage, die randvoll waren mit Nichtstun und „Seele baumeln”.

Aber jetzt ist es auf einmal ganz anders: Ungelesene Zeitungen stapeln sich, ein halbfertiger Pulli sollte fertiggestrickt werden, Briefe, die schon lange gelesen sind, warten auf Antworten und die Fenster gehören schon längst geputzt.

Es gelingt mir einfach nicht, irgend etwas davon in Angriff zu nehmen.

Aber mein Nichtstun ist auch kein entspanntes und bereicherndes Nachdenken, ganz im Gegenteil — die Unzufriedenheit nimmt von Tag zu Tag zu. Vor lauter Passivität kann ich mich schon selbst nicht mehr leiden.

Während des Studiums habe ich zwar nicht nur Theorie gelernt, sondern auch die Bewältigung von Streßsituationen, die Uberwindung bürokratischer Hürden, und durch einige Nebenjobs habe ich einen Einblick ins Berufsleben gewonnen.

Aber auf ein Leben ohne Pflicht hat mich niemand vorbereitet. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!” —mit diesem Leitspruch bin ich groß geworden. Auf einmal paßt er nicht mehr. Es gibt keine Arbeit, keine Herausforderung, keine Möglichkeit, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Dabei wäre ich gerade jetzt voll Tatendrang.

Immer wieder zwinge ich mich zu irgendwelchen Aktivitäten, aber es kommt einfach keine rechte Freude, keine innere Zufriedenheit dabei auf.

Da meine Eltern weiterhin für meinen Lebensunterhalt aufkommen, bin ich nicht gezwungen, meinen Lebensstandard einzuschränken — aber auch über ein neues Kleid oder einen Theaterbesuch mit anschließendem Essen kann ich mich nicht wie sonst freuen.

Statt dessen erhöht sich mein Aufmerksamkeitsgrad, wenn in den Medien Berichte über Kündigungen, Lehrstellensuche und Akademikerschwemme auftauchen. Bis jetzt war „Arbeitslosigkeit” für mich nicht viel mehr als ein Schlagwort.

Nun muß ich diese Situation auf einmal selber bewältigen. Als Juristin weiß ich, daß ich irgendwann meine Gerichtspraxis antreten kann und so zumindest für ein Jahr Arbeit habe. Aber wie bewältigen die Arbeiter in den steirischen Krisengebieten ihre Situation, y/ie werden Schulabgänger, die keine Lehrstelle finden, damit fertig?

Eine Herausforderung

Sie können nicht damit rechnen, daß ihre Arbeitslosigkeit nur kurzfristig ist. Auch sie haben in ihrem bisherigen Leben nicht gelernt, diese Leere persönlich zu bewältigen.

Selbstverständlich ist eine langfristige ökonomische Lösung erforderlich. Noch wichtiger erscheint mir aber die Hilfe für jeden einzelnen Arbeitslosen auf humanitärer Ebene.

Überlegungen und Projekte gibt es in diesem Bereich noch viel zu wenige. Nicht nur Umschulungen, sondern auch Schulungen der Persönlichkeit sind erforderlich, nicht nur Arbeitslosenunterstützung und Notstandshilfe, sondern auch Sinnfindung und Anerkennung.

Diese Aufgabe ist eine Herausforderung für jedes einzelne Mitglied unserer Gesellschaft. Menschliche Probleme können nicht allein durch Aktivitäten der herkömmlichen Institutionen, wie Kirche und Parteien gelöst werden. Sie verlangen viel mehr nach Engagement in der kleinen Gemeinschaft. Nehmen wir diese Herausforderung an.

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