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Ohne Bohunice kein Wohlstand

FURCHE: Die veraltete Industrie der CSFR hat einen viel zu hohen Energieverbrauch. Welche Wege aus der gegenwärtigen Situation werden überlegt?

JAROSLAV MAROUSEK: Zweifellos sind in jeder Sparte der Produktion in der CSFR große Einsparungen möglich. Um diese Einsparungen zu realisieren, bedarf es aber vorerst größerer Investitionen. Aber in der gegenwärtigen Phase des Überganges zur Marktwirtschaft ist es schon einmal schwierig zu sagen, welche Betriebe überhaupt überleben werden. Denn dann erst kann man sagen, wo man diese Investitionen machen soll. Eine zusätzliche Last ist dadurch gegeben, daß diese Sparmaßnahmen erst nach ein paar Jahren greifen und finanziell ins Gewicht fallen. Die Umstrukturierung der Wirtschaft zu Lasten der Schwerindustrie bringt uns ebenfalls wesentlichen Einsparungen näher. Problematisch ist, daß beim gegenwärtigen Kurs der Krone gegenüber den westlichen Währungen die Erzeugung von Rohmaterialien, wie Rohstahl, rentabler ist als die von Fertigwaren. Rohstahl aber ist energieintensiv. Also muß die Produktion ebenfalls umgestellt werden.

FURCHE: Wie steht es in der CSFR mit der Nutzung von alternativen Energien. Gibt es da eine Möglichkeit für den Ausstieg aus der Atomenergie?

MAROUSEK: Als alternative Energien kommen in der CSFR vor allem Biogas, Thermalwärme, Windmühlen und kleine Wasserkraftwerke in Frage. Die Berechnungen für den Einsatz dieser Quellen ergeben folgendes Bild: Diese Energien können Ersatz für

vier Millionen Tonnen herkömmlicher Brennstoffe bilden. Die Berechnungen schwanken da zwischen 100 bis 300 Beta-Joule. Aber selbst dann würden sie nur zwei bis drei Prozent des gesamten Bedarfs decken. Daraus ergibt sich, daß die alternativen Energiequellen keinen Ersatz für die Kernkraft bieten können.

FURCHE: Also müssen, aus Ihrer Sicht gesehen, weiter Atomkraftwerke gebaut werden?

MAROUSEK: Das hängt von der gesamt-ökonomischen Entwicklung ab. Wenn die industrielle Produktivität wie im Vorjahr absinkt -da verzeichnete man ein Minus von drei Prozent - könnte man sogar Kraftwerke zusperren müssen. Es gibt dazu zwei verschiedene Prognosen. Die „Katastrophenprognose" sieht so ein Absinken, auch das des Lebensstandards, für die nächsten Jahre voraus. Demgemäß wird der Energiebedarf nicht wachsen. Kann sich die Wirtschaft hingegen erholen, ist es für die CSFR nicht möglich, ohne Kernenergie auszukommen. Ich möchte mich nicht direkt zur Atomkraft äußern. Aber unser Zentrum prognostiziert, daß im Jahr 2000 der Höhepunkt des Energiebedarfs erreicht sein wird und danach ein Absinken folgt.

FURCHE: Welche Schritte werden derzeit in Ihrem Land unternommen, um den Energiebedarf zu reduzieren?

MAROUSEK: Was unser Zentrum betrifft, ist es unsere Aufgabe, Unternehmen - vor allem Privatunternehmen - zu suchen, die bereit sind, uns Messungen in ihren Betrieben machen zu lassen, damit wir wirksame Maßnahmen für

Sparprogramme erstellen können. Weiters möchten wir bei der Finanzierung der Sanierungsmaßnahmen durch Vermittlung von Geldgebern, wie etwa Banken, helfen. Die resultierenden Einsparungen sollen die Investitionen wieder ausgleichen, nach drei oder vier Jahren sogar vielleicht Gewinne erbringen. Als eine Art „pressure group" versuchen wir, das Parlament zu entsprechender Gesetzgebung anzuspornen: Es fehlen Gesetze oder Verordnungen, die das Energiesparen fördern. Es gibt keine Kredite, die den Unternehmern für diesen Zweck gewährt werden. Jetzt suchen wir vor allem ausländische Investoren. Die Energie ist hier sehr teuer, der Verbrauch groß. Für ausländische Firmen, die bei uns in die Betriebe investieren, bietet sich hier die Möglichkeit, enorme Einsparungen mitzuplanen. Die Rentabilität erhöht sich beträchtlich, die Profite wachsen.

FURCHE: Gibt es konkrete Fälle der Zusammenarbeit mit westlichen Firmen in dieser Sache?

MAROUSEK: Derzeit gibt es hauptsächlich kleinere Projekte. In Zusammenarbeit mit der amerikanischen „Agency for Progress" (Agentur für den Fortschritt) machen wir Untersuchungen in acht Betrieben. Es werden verschiedene Varianten untersucht, um die finanziell sparsamste zu finden. Diese Fälle gelten als Demonstrationsobjekte, wie man mit den möglichst

(Peter Müller Verlagf

einfachsten Maßnahmen Energie sparen kann. Größere Projekte sind in Zusammenarbeit mit der Weltbank, vor allem im Bereich der Glasindustrie, im Anlaufen. Die Europäische Gemeinschaft hat dänische Firmen beauftragt, Pläne für die Wärmedämmung und Beheizung von Gebäuden auszuarbeiten. Unser Zentrum steht auch in Verhandlungen mit der österreichischen Seite. Wir hoffen, daß wir mit Unterstützung des österreichischen Umweltministeriums ebenfalls ähnliche Projekte ausarbeiten können. Nach unserer Meinung geht dies alles sehr langsam voran. Wir versuchen, da zu forcieren.

Mit Ing. Jaroslav Marousek, dem Leiter des Zentrums für effektive Energienutzung, sprach Charlotte Grabner. Das Zentrum mit Sitz in Prag ist eineGründung von Batteile Memorial Institute, Washington D. C. Derzeit wird an einem umfassenden Energiesparprogramm für die Regierung der CSFR gearbeitet.

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