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Ohne Heiligenschein

Die Säulen der Sowjetmacht be- ruhen seit jeher auf drei Faktoren, die man zwar offiziell nie mitein- ander erwähnt, aber um deren Be- deutung der Kreml weiß. Das sind der Parteiapparat (die Parteibüro- kratie), das KGB (die bestinfor- mierte Institution der Union) und die Sowjetarmee - Hätschelkind der Obrigkeit und bis vor kurzem auch der (russischen) Bevölkerung.

Die Rote Armee wurde als eine internationale Kampf Organisation zur Befreiung der Proletarier aller Länder 1918 ins Leben gerufen und unter dem Georgier J. W. Stalin zu einer mit russischer Militärtradi- tion durchdrungenen Streitmacht umfunktioniert. Nach dem Krieg auch Kolonialmacht, avancierte die Sowjetarmee unter Breschnew zu einer „Universität der Sowjetuni- on", das heißt, sie wurde zum Schmelztiegel der 100 Nationen des Riesenreiches, aber auch zum poli- tischen Kampfverband mit be- stimmten inneren und äußeren Aufgaben.

Perestrojka und Glasnost waren nach 1985 lange Zeit Fremdwörter im Vokabular der Sowjetmilitärs. Das Offizierskorps der Sowjetar- mee besitzt Privilegien, die heute bei allen anderen bewaffneten Streitkräften der Welt völlig un- möglich wären: Eigene Läden, Er- holungsheime und bevorzugte Be- handlung durch die Behörden kenn- zeichnen das Alltagsleben der Offi- ziere. Ihr Gehalt ist im Vergleich mit den üblichen Verdienstmöglich- keiten in der Sowjetunion hoch. In den Ruhestand können sie viel frü- her als andere Sterbliche der So- wjetgesellschaftgehen. Sie vermen- gen sich auch nicht mit der Bevöl- kerung. Ihre Klubs und Sanatorien sind Sperrgebiete für die Zivilisten. Den Militärs stehen außerdem die besten Ingenieure und Techniker an der Seite: Für die Rüstung war - bis vor nicht allzu langer Zeit - nichts zu teuer und nichts unmög- lich, was die Beschaffung der In- strumente betraf.

Anfang der achtziger Jahre war die Welt der Sowjetmilitärs noch in Ordnung. Waren die Weltmeere nicht Domänen der Kriegsflotte? Und hatte man es den „Imperiali- sten" nicht gezeigt - in Ägypten gegen die Israelis 1967 oder in Viet- nam 1969, von Strafexpeditionen wie 1968 in die CSSR, wo man auch den „westdeutschen Revanchis- mus" in die Schranken verwies, gar nicht zu reden. Und erst Afghani- stan: Das werktätige Volk der Af- ghanen sollte vor einer Intervention der Imperialisten geschützt werden!

Der Niedergang der Sowjetarmee - besser gesagt: ihres inneren Gef ü- ges, ihrer Kampfmoral - begann im Grunde genommen mit dem Afgha- nistan-Abenteuer. Vorher konnte die Armee alle ihre Aufgaben mei- stern - wenn auch mit etlichen Fra- gezeichen (was ihre Rechtmäßig- keit betrifft) versehen: In Berlin 1953, Budapest 1956, CSSR 1968 war man siegreich, und wenn Bre- schnew 1981 grünes Licht gegeben hätte, wären die Rotarmisten auch in Polen ihrer „internationalen Pflicht" (wie diese Feldzüge nach marxistisch-leninistischem Sprachgebrauch hießen) gerecht geworden.

Aber Afghanistan, der fast zehn Jahre dauernde Krieg, hat die bis- her als unbesiegbar geltende So- wjetarmee schwer angeschlagen. Moskau hatte den internationalen Warnungen - auch unter Hinweis auf das Debakel der Amerikaner in Vietnam - kein Gehör geschenkt. Generalsekretär Breschnew, da- mals bereits ein alter, verbrauchter und kranker Mann, hatte noch jene Sowjetarmee in Erinnerung, in der auch er als stolzer General am Endkampf gegen die deutsche Wehrmacht teilgenommen hat. Ungeachtet der modernen Technik der Sowjetarmee wurden die Sol- daten mit den Realitäten des Ge- birgskrieges in Afghanistan nicht fertig. Das Offizierskorps und die langdienenden Soldaten, die aus Afghanistan zurückkehrten und nicht weiterhin im Armeedienst verblieben, waren schon nicht mehr dieselben Befehlsempfänger wie früher. Auch die Sowjetgesellschaft hatte sich gewandelt. Glasnost und Perestrojka erlebten ihre ersten Erfolge. In diversen Zeitungen meldeten sich Afghanistan-Vetera- nen zu Wort. Kritische Stimmen bestürmten die Militär-Obrigkeit, forderten Antworten auf Fragen, die man in den vorangegangenen Jahrzehnten nicht einmal im Traum formulieren durfte. Und auch ein anderes Problem wurde sichtbar: Das der Nationalitäten innerhalb der Sowjetarmee.

Mit Vorliebe waren ab Mitte der achtziger Jahre junge Wehrpflich- tige aus den europäischen Randge- bieten nach Afghanistan verschickt worden: Balten, Ungarn aus der Karpatho-Ukraine, Rumänen aus Moldawien. Sie fühlten sich - be- greiflicherweise - fremd und un- passend in dieser Umgebung. Und während ihres langen Dienstes hatten sie Zeit, ihre Rolle im Dien- ste des Sowjetimperiums zu über- denken.

Als sie dann ihren Dienst in dem fremden Land quittierten und nach Hause entlassen wurden, wurden sie Propagandisten der neuen Ge- danken. Nicht nur in den Familien und in Schulen, auch in den Medien wurde darüber diskutiert. Und die- ser Trend brachte die sowjetische militärische Obrigkeit auf die Pal- me. Schon im Dezember 1987 wag- te eine sowjetische Zeitung in Westrußland, Korruptionsfälle im Gebiet von Kaliningrad (Königs- berg) offen darzustellen. Und dies blieb für die angeprangerten Mi- litärs nicht ohne Folgen. Etliche wurden vor Gericht gestellt, degra- diert oder versetzt. So etwas wäre unter Stalin oder Breschnew nicht möglich gewesen. Den Militärs wurde der „Heiligenschein" von den Köpfen gerissen.

Die „Bombe" platzte schließlich am 7. Dezember 1988. In New York teilte Gorbatschow - völlig überra- schend - mit, daß die Regierung be- absichtige, in den kommenden zwei Jahren die Gesamtzahl der So- wjetarmee um 500.000 Soldaten zu verringern. Auch bei den konven- tionellen Kampf techniken wird ab- gebaut: etwa 10.000 Panzer, 8.500 Artillerie-Systeme und 800 Kampf- flugzeuge. In den Jahren 1989/90 wurden und werden aus der DDR, der CSFR.und aus Ungarn sechs Panzerdivisionen, etwa 50.000 Mann und 5.300 Panzer abgezogen beziehungsweise ihre Verbände sogar aufgelöst.

In Kreisen hoher Militärs der So- wjetunion wurde das kaum mit Freuden aufgenommen. Marschall Viktor Kulikow, langjähriger Chef des Warschauer Paktes, erklärte be- reits Ende Jänner 1989seinenRück- tritt. Er wollte damals nicht mit- machen, als Gorbatschow einseitig wichtige Positionen der sowjeti- schen Verteidigung ohne zwingen- de Gründe aufgab. Kulikow hat sich geändert und sieht ein, daß heute ein großangelegter Überraschungs- angriff einfach nicht möglich ist. In Wien erklärte er vorige Woche, die Rote Armee unterstütze die Pere- strojka. Die Verteidigungsdoktrin seines Landes gehe davon aus, daß politische Ziele nicht mit militäri- schen oder atomaren Mitteln zu erreichen sei.

Deshalb stellt Gorbatschow die Armee auf ein Friedensniveau um, Militärausgaben werden gekürzt zugunsten ziviler Sparten. Die so- wjetischen Truppen in Osteuropa erhalten eine defensive Struktur und im Inneren des Reiches will man die bisherigen Militäreinrich- tungen, die noch aus der Stalin-Ära stammen, der neuen Zeit anpassen.

Ist nach all diesen Neuerungen Gorbatschow eigentlich von Seiten der Militärs gefährdet? Seine Stel- lung ist momentan mehr als prekär. Es droht ihm ein Chruschtschow- Schicksal, der auch unter Assistenz der Generalität im Oktober 1964 mittels einer Palastrevolte abgesetzt wurde.

Die Militärs könnten alles, wofür sie und ihre Väter gekämpft haben, die innere und äußere Integrität der Sowjetunion, gefährdet sehen. Deswegen ist Gorbatschows Posi- tion nicht unangefochten. Die Ge- fahr eines Staatsstreiches ist noch nicht gebannt. Aber in einem sol- chen Fall stellt sich sofort die Fra- ge, ob die Konservativen - in Zivil oder in Uniform - mit ihren her- kömmlichen Mitteln in der Lage wären, die Sowjetunion aus ihrer tiefen Krise zu retten. Im Wissen um die innere Lage des Imperiums kann man diese Frage nur mit ei- nem entschiedenen Nein beant- worten - und hoffen, daß das auch jene wissen, die sich offen oder ins- geheim gegen Gorbatschow stellen.

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