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Ost-Kompetenz

Die Stellung Wiens im Ost-West-Handel hat das Kuratorium der Deutschen Handelskammer in Österreich zu ergründen versucht. Eine vom Fessel-Institut durchgeführte Umfrage bei 164 Firmen (ein Drittel deutscher, ein Drittel österreichischer Provenienz, ein Drittel aus anderen Staaten; siehe Kasten) ergab Standortvorteile für Wien aus der Akzeptanz der Stadt für Partner aus Ost und West, aus der Mentalitätsnähe und der Vertrautheit der Kontaktpersonen mit der Denkweise in Ost und West.

Jan Stankovsky vom Institut für Wirtschaftsforschung in Wien, der die kaum an die Öffentlichkeit gedrungene Umfrage in der Zeitschrift „Internationale Wirtschaft“ kommentierte, verweist auf Wiens verkehrstechnische und geographische Nähe zum Osten, auf die Tradition im Osthandel, auf das Know-how der Banken und Handelshäuser sowie auf das hiesige Angebot bei der Auflösung von Gegengeschäften als bedeutende Standortfaktoren.

Die währungspolitische Stabilität sowie die liberalen Handelsbestimmungen werden von den befragten Firmen positiv bewertet, wenngleich gewisse Mängel bei den Handelsbestimmungen festgehalten werden.

Uberraschend für Stankovsky ist die Bewertung des zukünftigen Einflusses der EG auf den Osthandel: „Die Vollendung des EG-Binnenmarktes sowie auch eine eventuelle EG-Mitgliedschaft Österreichs werden nach Meinung der meisten Firmen keinen Einfluß auf den Osthandel haben. Immerhin erwarten 27 Prozent der befragten Unternehmen einen positiven (und nur acht Prozent einen negativen) Einfluß auf den Osthandel nach einem EG-Beitritt Österreichs“, konstatiert Stankovsky in der „Internationalen Wirtschaft“.

Gegenüber der FURCHE analysierte Stankovsky die Ergebnisse der Umfrage auf dem Hintergrund der Annäherung von EG und COMECON. Er konzipiert auf der Basis dieser Veränderungen die künftige neue Rolle Wiens.

Aufgrund der relativ hohen Zölle Österreichs — so Stankovsky — werde der Zugang der Oststaaten zum österreichischen Markt im Vergleich zu den EG-Staaten eher erschwert. Anders sei es bei den Importkontingenten: Hier betreibe Österreich eine liberale Handelspolitik, während die einzelnen EG-Staaten gegenüber dem Osten Importquoten in unterschiedlichem Ausmaß festgelegt haben.

Dem Abkommen zwischen EG und den RGW-Staaten, wirtschaftlich zusammenzuarbeiten und diplomatische Beziehungen aufzunehmen, billigt Stankovsky psychologische Relevanz zu. Dieses Abkommen ermöglicht den Oststaaten Einzelabkommen mit der EG. So sollen beispielsweise bis 1995 die Importkontingente der EG gegenüber Ungarn vollständig abgebaut werden.

Stankovsky: „Die EG wendet jetzt gegenüber Ungarn dieselbe Liberalisierung an wie Österreich. Das bedeutet eine Annäherung an das österreichische System, wobei die EG deutlich gesagt hat, daß ihr Verhalten anderen Oststaaten gegenüber nicht notwendigerweise so sein muß wie gegenüber Ungarn.“

Die Regelung des Verhältnisses Österreichs zur EG wird damit für Stankovsky zur vordringlichen

Frage. Der Wirtschaftsforscher ist für eine Vollintegration Österreichs, wobei er die weitere Beziehung zu Osteuropa als ein „essentielles Problem“ für Österreichs Wirtschaft bezeichnet.

„Wären wir in der EG“, so Stankovsky, „müßten wir ihre Handelspolitik übernehmen, das heißt auch ihre Osthandelspolitik. Wir müßten damit unsere freie Gestaltung der Osthandelspolitik aufgeben und uns in den Chor der EG-Osthandelspolitik einfügen.“ Aufs Ganze gesehen, dürfte sich aber diese Anpassung für Österreich nicht negativ auswirken.

Zunächst würde der Import aus Oststaaten aufgrund der niedrigen EG-Zölle nach Österreich erleichtert. Obwohl das manchen österreichischen Firmen nicht gefallen würde, stellt für Stankovsky Importliberalisierung einen Wert an sich dar. Auch bei den Exporten befürchtet Stankovsky keine Verschlechterung.

Und das große Atout Wiens und Österreichs: „Wir haben in der EG eine anerkannte Ost-Kompetenz. Schon die seinerzeitigen EG-Verhandlungen in den sechziger Jahren haben das gezeigt. Als EG-Mitglied würde uns ein überproportionales Mitspracherecht bei der Gestaltung der EG-Ostbeziehungen zugebilligt.“ Für Stankovsky besteht daher die reale Möglichkeit, daß sich Österreich zum Botschafter der EG im Osten mausert — analog zur Rolle Spaniens in der EG gegenüber Lateinamerika.

„Heute spielen wir unsere Brückenrolle dank der Tatsache, daß es noch viele Barrieren zwischen Ost und West gibt. Es entspricht Österreichs Stil, Barrieren zu überwinden. Wenn der Graben aber einmal zugeschüttet ist, brauchen wir keine Brük-ke mehr.“

In einer kooperativen Welt müßte Österreich eine neue Funktion suchen: „Zugmaschine spielen für eine aktive Gestaltung des Ost-West-Verhältnisses“, meint Stankovsky. Es gehe darum, den Oststaaten zu helfen, für den Markt geeignete Produkte zu entwik-keln. Auch bei der heute noch^ immer notwendigen Auflösung von Gegengeschäften mit dem Osten — eine Last für westliche Firmen — könnten österreichische Transithändler Dienste leisten.

Es gibt also Stärken, die nur Österreich und Wien zu bieten haben. Man muß sie nur sehen.

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