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Ostasien drängt unaufhaltsam nach oben

1945 1960 1980 2000 2020

Die Weltwirtschaft wird 1992 nur sehr schwach wachsen, die realen Pro-Kopf-Einkommen werden im dritten Jahr in ununterbrochener Reihenfolge fallen. Zwar wird sich das Wachstum wahrscheinlich noch im vierten Quartal dieses Jahres etwas beleben und 1993 deutlich stärker ausfallen, von einer Auslastung der Kapazitäten aber dennoch weit entfernt bleiben.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Weltwirtschaft wird 1992 nur sehr schwach wachsen, die realen Pro-Kopf-Einkommen werden im dritten Jahr in ununterbrochener Reihenfolge fallen. Zwar wird sich das Wachstum wahrscheinlich noch im vierten Quartal dieses Jahres etwas beleben und 1993 deutlich stärker ausfallen, von einer Auslastung der Kapazitäten aber dennoch weit entfernt bleiben.

Das sind einige der wichtigsten Ergebnisse der Herbsttagung des Projekts LINK, die kürzlich in Ankara stattfand. Weiter wurd efestgestellt: Die expansiven Fiskalmaßnahmen, die kürzlich von Japan angekündigt wurden, und die - wenn auch geringen - Zinssenkungen in Europa haben die Gefahr eines weiteren Ab-gleitens in die Rezession vermindert; die Notwendigkeit einer koordinierten Vorgangsweise der wichtigsten weltwirtschaftlichen Entscheidungsträger zur Stützung der Erholung hat sich aber gerade angesichts der Währungskrise der letzten Wochen nur noch deutlicher gezeigt.

Dieses Projekt besteht seit mehr als 20 Jahren und versucht, durch das Zusammenfügen der Prognosemodelle einzelner Länder und Regionen zu konsistenten Aussagen über die weltwirtschaftliche Entwicklung zu kommen. Initiator dieses Projekts war der spätere Nobelpreisträger Lawrence Klein; unter seinem Vorsitz tagten in Ankara Experten und Prognostiker aus rund 50 Ländern.

Neben der weltwirtschaftlichen Vorhersage standen diesmal insbesondere Fragen des Umweltschutzes und die Möglichkeiten einer ökonomisch sinnvollen Ausgestaltung von Öko-Steuern, die europäische Währungsunion, die Probleme der Migration, die Tendenzen zur wirtschaftlichen Blockbildung (siehe Grafik) und die Währungsturbulenzen im Mittelpunkt.

Hohe reale Zinssätze und in einigen Ländern eine zurückhaltende Kreditvergabepolitik stellen, so wurde festgehalten, ein Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung dar. Trotz hoher und steigender Arbeitslosenquoten sehen sich andere Staaten durch überhöhte Staatsdefizite außerstande, belebende Impulse zu setzen. In anderen Ökonomien wiederum, wie etwa der amerikanischen und der britischen, würden solche Impulse auch verpuffen, weil sie in einer Art „Schuldenfalle" gefangen sind. Das heißt, Konsumenten und Unternehmer würden zusätzliche Einkommen nicht verbrauchen oder investieren, sondern zur Reduktion ihrer bei der gegenwärtigen Stimmungslage offenbar als zu hoch erachteten Schulden verwenden.

In dieser Situation schwachen Vertrauens bei Konsumenten und Investoren in die weitere Entwicklung und bei den gegebenen wirtschaftspolitischen Beschränkungen, denen sich die Regierungen gegenübersehen, kann nach einem weltwirtschaftlichen Nullwachstum im Jahr 1991 auch für heuer nicht mehr als ein Prozent real erwartet werden. In den Vereinigten Staaten wird es in der Folge zu einem langsamen, aber stetigen Wachstum des Outputs kommen, wozu die steigende Bautätigkeit, zunehmende Ausgabefreudigkeit der Konsumenten sowie eine Belebung des Exports beitragen werden. Großbritannien hingegen wird erst 1993 aus dem Konjunkturtal auftauchen können, während sich das Wachstum in Deutschland und Japan deutlich abschwächt. Die Kosten der deutschen Vereinigung werden als Hauptgrund für hohe Zinssätze und die schwache wirtschaftliche Vorstellung in Europa angesehen.

Die anhaltende Schwäche wird sich auch in einem langsamen Wachstum des Welthandels und in sich verschlechternden Austauschbedingungen für die Exporteure der meisten Rohstoffe und Primärgüter widerspiegeln. Damit wird die Lage der Entwicklungsländer weiter verschlechtert.

□ Die osteuropäischen Staaten und die Gebiete der ehemaligen Sowjetunion sahen sich 1992 im Zuge ihrer Transformationsbemühungen zu marktwirtschaftlichen Bedingungen einer Kontraktion ihrer Produktionen um etwa 14 Prozent gegenüber. 1993 könnte es in einigen dieser Länder wieder zu positiven Wachstumsraten kommen, jedoch nicht im Bereich der UdSSR-Nachfolgestaaten. □ In einigen Ländern Lateinamerikas haben sich die Wachstumsperspektiven verbessert, nachdem sich die Schuldenkrise etwas entspannt und der Zustrom von Auslandskapital wiedereingesetzt hat. In Brasilien, dem größten Land des Kontinents, wird es allerdings solange zu keiner Verbesserung kommen, als die Bekämpfung der Hyperinfla-tion im Vordergrund stehen muß.

□ In den meisten Ländern südlich der Sahara werden die Pro-Kopf-Einkommen stagnieren oder zurückgehen, weil wie erwähnt, die weltweite Flaute die Rohstoffpreise drückt und Trok-kenheit und soziale Unruhen in vielen dieser Länder die Lage noch verschlimmern.

□ Die Entwicklungsländer des asiatisch-pazifischen Raums einschließlich Chinas, das zuletzt eine ungewöhnlich starke Expansion zeigte, werden rascher als der Weltdurchschnitt weiterwachsen. Die Perspektiven könnten sich allerdings verschlechtern, wenn die Uruguay-Runde im GATT scheitern, protektioni-stische Tendenzen infolgedessen Wiederaufleben und die Bildung regionaler Handelsblöcke sich intensivieren sollten.

□ Im MittlerenOsten werden die Aufbauarbeiten nach dem Golfkrieg und die Wiederaufnahme der Ölförderung auch noch 1993 zu einem starken Wachstum bei den Ölproduzenten führen; für die anderen Länder dieser Region stellt sich die Situation eher bescheiden dar.

Angesichts der derzeitigen Situation wurden die Möglichkeiten und Konsequenzen fiskalischer Stimulierung, vor allem in den USA und in Japan, und von Zinssatzsenkungen in Europa diskutiert. Die Simulationen zeigten, daß bei geeigneter Wahl der Instrumente, solche konjunkturstützende Maßnahmen, die Erholung der Weltwirtschaft durchaus fördern könnten und in der gegenwärtigen Situation auch kein zusätzliches Inflationsrisiko nach sich ziehen würden. Das für 1993 erwartete weltwirtschaftliche Wachstum von rund drei Prozent soll zumindest bis 1996 anhalten, wobei sich die Pro-Kopf-Einkommen in allen Ländern mit Ausnahme der zentral- und osteuropäischen Region erhöhen werden, im Afrika südlich der Sahara allerdings nur geringfügig.

Die Investitionsmittel, die für den Wiederaufbau im Nahen Osten, für die Transformation und ökologische Sanierung in Zentral- und Osteuropa, für die Modernisierung der neuen deutschen Bundesländer, für die Entwicklungsländer und vieles andere auf mittlere Sicht erforderlich sind, werden den Umfang des angebotenen Sparkapitals bei weitem überschreiten.

Das bedeutet weiterhin hohe langfristige Zinssätze, die die Probleme der hoch verschuldeten Entwicklungsländer erschweren und die Investitionstätigkeit bremsen werden. Um die Kapitalmärkte zu entlasten, empfahlen die LINK-Experten, daß die entwickelten Länder weiter ihre Fiskaldefizite reduzieren sollten, sobald eine wirtschaftliche Belebung eingesetzt hat.

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