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Osthilfe auf Kosten des Südens

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„Ihr werdet auf uns vergessen", riefen Afrikaner und Lateinamerikaner dem industrialisierten Westen zu, als ab 1989 in Osteuropa der Eiserne Vorhang Stück für Stück hochgezogen wurde. Der Schluß lag nahe, daß die Industriestaaten, vor allem Europa, sich nun verstärkt dem „befreiten" Ostblock zuwenden würden.

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„Ihr werdet auf uns vergessen", riefen Afrikaner und Lateinamerikaner dem industrialisierten Westen zu, als ab 1989 in Osteuropa der Eiserne Vorhang Stück für Stück hochgezogen wurde. Der Schluß lag nahe, daß die Industriestaaten, vor allem Europa, sich nun verstärkt dem „befreiten" Ostblock zuwenden würden.

Auf den ersten Blick vermitteln die Daten über Auszahlungen der Ersten Welt an Afrika ein durchaus positives Bild: Die OECD-Länder leisteten 1989 an Afrikahilfe 18,2 Milliarden Dollar, 1990 hingegen 24,9 Milliarden Dollar. Dies ist insofern bemerkenswert, als im selben Zeitraum die weltweite OECD-Entwicklungshilfe von knapp über 47 Milliarden Dollar auf 58,9 Milliarden Dollar stieg, die Steigerung um 11,9 Milliarden Dollar somit zum Großteil (6,7 Milliarden Dollar) den afrikanischen Staaten zugute kam.

Verglichen mit den aktuellen Geldflüssen in den früheren Ostblock nehmen sich die Zahlungen an Afrika in jedem Fall bescheiden aus: Die OECD-Staaten haben im April dieses Jahres der russischen Republik 24 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern zugesagt, nachdem bereits im Jänner der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) Zahlungen in Höhe von 80 Milliarden Dollar versprochen worden waren. Für Osteuropa existieren OECD-Zusagen aus dem November 1991 über weitere 45 Milliarden Dollar. Aber nicht nur Entwicklungshilfegelder gehen vermehrt in den ehemals kommunistischen Osten: Auch die direkten Investitionen in Wirtschaftsprojekte klettern rasant in die Höhe. Sie stiegen von 6,8 Millionen Dollar (1989) auf 13 Millionen Dollar (1990) und 23,5 Millionen Dollar im vergangenen Jahr. Der größte Teil hievon ging nach Ungarn mit 10,6 Millionen Dollar im Jahr 1991, Hauptinvestoren waren die EG-Staaten und danach die EFTA-Länder.

Auch die Kreditvergaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) sprechen eine klare Sprache: Wurden fünf osteuropäischen Ländern im Vorjahr .4,7 Milliarden Dollar zugesagt, so mußten, sich demgegenüber 13 afrikanische Staaten mit 1,8 Milliarden Dollar begnügen. Ganz deutlich wird die Umschichtung von Hilfszahlungen am Beispiel Deutschlands. Umgerechnet 120 Milliarden Dollar gingen seit Juni 1990 in die frühere DDR, zwischen 25 und 30 Milliarden Dollar an die GUS-Staaten - die jährliche Afrikahilfe Deutschlands beträgt derzeit rund zwei Milliarden Dollar.

Doch nicht nur die Entwicklung in den industrialisierten Ländern bereitet den afrikanischen Staaten Sorgen. Eine unmittelbare Folge des Niedergangs des Kommunismus in Europa und in der Sowjetunion war der Zusammenbruch der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Afrika und dem Ostblock. 5,5 Prozent der afrikanischen Exporte gingen in die Warschauer-Pakt-Staaten, zehn Prozent der gesamtafrikanischen Entwicklungshilfe leisteten die Ostblockländer. Der überwiegende Teil davon floß nach Algerien, Äthiopien, Angola, Ägypten, Libyen, Mozambique und Nigeria. Seit dem Umbruch im Ostblock sind Handel und Technologietransfer großteils zum Erliegen gekommen.

Nicht nur, daß die Unterstützungen der ehemals kommunistischen Staaten ausbleiben- der Osten fordert von Afrika zurück: „Die afrikanischen Staaten beklagen sich in jüngster Zeit, daß die GUS-Länder ihre seinerzeitigen Rubel-Geschenke nun als Dollar-Kredite titulieren", berichtet der Wiener Politologe Michael Neugebauer, Afrika-Experte der Osterreichischen Forschungsstiftung für Entwicklungshilfe (ÖFSE). „Alles, was früher in die .kommunistischen' Länder Afrikas geflossen ist, kostet heute Geld."

Auch die Auflösung des Spannungsverhältnisses zwischen Ost und West hat die Lage Afrikas verschlechtert, gibt Neugebauer zu bedenken: „Nach 1989 fielen in der UNO verschiedene Allianzen. Afrika ist nicht mehr in der Lage, einen Ost-West-Konflikt auszunutzen, es kann politisch nichts mehr bieten." Neugebauer meint, daß selbst ein Einfrieren der Entwickungshilfe am Status Quo für Afrika einen Rückschritt bedeuten würde, schätzt jedoch, daß die laufenden EG-Projekte zwar ausgezahlt werden, die Neuzusagen an Entwicklungshilfe aus Europa nach Afrika aber abnehmen.

Politischer Niedergang Afrikas

Das mangelnde wirtschaftliche Engagement des Westens in Afrika ist jedoch nicht nur auf die jüngsten Entwicklungen in Osteuropa zurückzuführen, sondern zum großen Teil auf den ökonomischen und sozialen Niedergang und die unsichere politische Zukunft in Afrika selbst. „Die Schwierigkeiten mit Afrika sind groß", betont Alfred Schragl, Gruppenleiter der Länderreferate in der Bundeswirtschaftskammer. „Wir sagen unseren Firmen: ,Ihr dürft Afrika nicht vernachlässigen.' Aber in Osteuropa kann man mit wenig Kapital mehr erreichen als mit viel Kapital in Afrika."

Von Anfang 1989 bis Mitte 1990 sind die österreichischen Firmenengagements in Afrika sogar gestiegen: Ohne Südafrika mitzurechnen stiegen österreichische Produktionsniederlassungen und hundertprozentige Beteiligungen an einheimischen Unternehmen von 16 auf 23, die Vertriebsniederlassungen sowie die Komplettbeteiligungen daran erhöhten sich von 25 auf 32, wobei der Schwerpunkt auf Nigeria, Algerien, Libyen und Ägypten liegt. Unvergleichlich kräftiger wächst allerdings die wirtschaftliche Zusammenarbeit österreichischer Betriebe mit den mittel- und osteuropäischen Reformstaaten: Waren es zu Beginn 1989 gerade 930 Gemeinschaftsunternehmen, so betrug deren Anzahl zwei Jahre später bereits 18.556. Anfang 1992 zählte man über 33.000 Joint-Ventures, zur heurigen Jahresmitte lagen die Schätzungen bei fast 50.000.

Rückläufige Entwicklungshilfe

Österreichs Entwicklungshilfe nach Afrika zeigt sich leicht rückläufig: 1989 flössen 1,029 Milliarden Schilling in den schwarzen Kontinent, 796 Millionen Schilling davon in die subsaharischen Regionen, 1990 waren es insgesamt 929 Millionen Schilling, davon 736 Millionen Schilling nach Schwarzafrika, Schwerpunktländer heimischer Entwicklungshilfe sind Burkina Faso, Cap Verde, Uganda, Tansania, Kenia, Burundi, Ruanda und Senegal. Für die Dürrekatastrophe am afrikanischen Horn gibt das Bundeskanzleramt zusätzliche 20 bis 30 Millionen Schilling frei.

Einer Vermischung der Gelder wurde vorgebeugt, betont Peter Wilfling vom Bundeskanzleramt: „Die Gefahr des Zugriffs der Osthilfe auf unsere Mittel war uns bewußt, und wir haben es daher abgelehnt, die Mittel für Osteuropa zu verwalten. Die Afrika-Hilfe wurde in vollem Umfang aufrechterhalten, die Osthilfe kommt aus zusätzlichen Mitteln der B undesregierung."

Insgesamt bietet die internationale Entwicklungshilfe und Wirtschaftsunterstützung für Afrika ein uneinheitliches Bild. Der Wiederaufbau im ehemaligen Ostblock bindet namhafte finanzielle Mittel des Westens. Ob dies die Unterstützungsgelder für Afrika beeinträchtigen wird, hängt von der Wirtschaftspolitik des IWF und von der Entwicklungshilfepolitik der einzelnen OECD-Staaten ab.

Private Firmen werden in jedem Fall auch künftig massiv in die mittel- und osteuropäischen Reformstaaten investieren; Afrika ist hiefür aufgrund seines wirtschaftlichen Desasters und seiner politischen Unruhen zweifellos der weniger attraktive Platz.

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