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Panslawismus zählt nicht mehr -Ökonomie ist das neue Zauberwort

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Angesteckt von der panslawistischen Ideologie verbreiteten slowenische Zeitungen in den Zeiten der Monarchie unverblümt Propagandasprüche über das „allslawistische Mütterchen Rußland“. Die Zeiten haben sich geändert, und geändert hat sich auch die Einstellung der Slowenen zu eben diesem „Mütterchen“. Panslawismus zählt nicht mehr - „Ökonomie“ ist das neue Zauberwort. Denn jetzt gilt es für die politische Führung in Laibach, die prekären wirtschaftspolitischen und sozialen Probleme Sloweniens zu überwinden.

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Angesteckt von der panslawistischen Ideologie verbreiteten slowenische Zeitungen in den Zeiten der Monarchie unverblümt Propagandasprüche über das „allslawistische Mütterchen Rußland“. Die Zeiten haben sich geändert, und geändert hat sich auch die Einstellung der Slowenen zu eben diesem „Mütterchen“. Panslawismus zählt nicht mehr - „Ökonomie“ ist das neue Zauberwort. Denn jetzt gilt es für die politische Führung in Laibach, die prekären wirtschaftspolitischen und sozialen Probleme Sloweniens zu überwinden.

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Vor dem Ersten Weltkrieg stellten Parolen wie „Hoch die Slawen“ oder „Von Triest bis Wladiwostok“ für die Slowenen gewissermaßen ein psychologisches Gegengewicht zum großdeutschen Expansionsdrang nach Süden und dem späteren italienischen Expansionsversuch in Richtung Donauraum dar. Der Panslawismus widerspiegelte sich aber auch in den illyrischen und später südslawischen Bestrebungen, die Ende des Ersten Weltkrieges in der jugoslawischen Staatsidee und in der Gründung des jugoslawischen Staates - des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen -ihren Niederschlag fanden.

Die Germanisierungspolitik des liberalen großdeutschen Bürgertums in der Monarchie bestärkte im slowenischen Volk das Gefühl der deutschen Gefahr - ein Gefühl, das im Zweiten Weltkrieg durch Hitlers Einmarsch in Jugoslawien dann auch bestätigt wurde. Die „deutsche Gefahr“ war für die Slowenen aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch akut: Beweis dafür war die ständig rückgängige Zahl der Kärntner Slowenen.

In den Nachkriegsjahren, als Jugoslawien bis zum Bruch zwischen Tito und Stalin im Jahre 1949 nach sowjetischem Vorbild verwaltet wurde, verloren die prorussischen und panslawisti-schen Sympathien allerdings auf die Slowenen jeden Einfluß.

Kürzlich brachten die „New York Times“ einen Artikel, in dem auf sowjetische Angebote an Slowenen und Kroaten hingewiesen wurde: Moskau wollte die Trennung dieser beiden Teilstaaten vom restlichen Jugoslawien unterstützen, freilich unter der Bedingung, daß sie die Sowjetunion als Schutzmacht anerkennen würden. Zumindest die Slowenen dachten aber überhaupt nicht daran, mit Hilfe des „großen slawischen Bruders“ ihre politischen Probleme zu lösen. Heute ist für naiven Panslawismus und Bewun-

derer des großen slawischen Rußlands in Slowenien endgültig kein Platz mehr.

Was die Slowenen heute beschäftigt, ist ihre äußerst ungünstige wirtschaftspolitische und soziale Lage im föderativen Staat Jugoslawien. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Slowenien wirtschaftlich und steuerüch weit über seine Leistungsmöglichkeiten belastet. In diesem Jahr wird es im Vergleich zu seinem Anteil von 8,4 Prozent an der gesamten jugoslawischen Bevölkerung nicht weniger als 16,8 Prozent der Beträge der Teilrepubliken zum Bundesbudget abführen müssen; Kroatien beispielsweise 26,5 Prozent (Bevölkerungsanteil 21,1 Prozent), inneres Serbien 23,4 (25,3), Bosnien und Herzegowina 13,3 (18,5), Mazedonien 5,7 (8,2), Montenegro bzw. Crna gora 1,85 (2,5), Wojwodina 12,4 (9,2) und Ko-sowa 0,4 (6,3). Und so sieht man in Slowenien schon die Fehlbeträge für das laufende Jahr: 700 Millionen in seinem Beitrag zum Bundesbudget und eine Milliarde in seinem eigenen.

Die Beiträge der Teilrepubliken zum Bundesbudget richten sich nach der Höhe ihres Anteils im gesamten jugoslawischen Sozialprodukt. Die weniger entwickelten Teilrepubliken zeigen aber kein Interesse daran, ihre Produktivitätsstufe dem jugoslawischen Durchschnitt anzupassen, sie müßten sonst höhere Verpflichtungen übernehmen. Slowenien bekommt darüber hinaus so gut wie keine Investitionen seitens des Bundes. Es mußte als einzige unter den Teilrepubliken für den Ausbau der kostspieligen Hafenanlagen in Köper (Capodistria) und den dazugehörigen Eisenbahnanschluß aufkommen. Ebenso für seine Autobahn und Straßen, obwohl 90 Prozent des gesamten jugoslawischen Verkehrs mit dem Westen über dieses Verkehrsnetz rollt.

Slowenien fehlen ferner Gelder für die Kinderbeihilfe, Kindergärten und soziale Leistungen aller Art. Die niedrige Geburtenziffer In den Nachkriegsjahren (heute rund 16 pro 1000 Einwohner) schaffte zusätzlich Probleme. Die Zahl der Slowenen in Jugoslawien beträgt heute nicht ganz 2 Millionen im Vergleich zu fast 4 Millionen Kroaten und 8 Millionen Serben. Zudem gibt es einen unaufhörlichen Zufluß nichtslowenischer Ansiedler in Slowenien selbst. Ihre Zahl liegt schon bei fast 200.000, beinahe ebenso viele Slowenen befinden sich zeitweise auf Arbeit im Ausland. Diese Tatsachen erwek-ken in Slowenien geradezu die Furcht vor einer „südslawischen Unterwanderung“.

Die „deutsche Gefahr“ wurde unter solchen Umständen schon längst zu einem veralteten Begriff. Daher brachte der Sturz der liberalen slowenischen Parteiführung, mit dem slowenischen Regierungschef Stave Kavcic an der Spitze, die die Zusammenarbeit mit dem Westen - etwa mit dem konservativen Bayern- angeblich zu weit getrieben hat, keine Erleichterung der slowenischen Probleme. Bald danach wurde die Zusammenarbeit Sloweniens mit dem Westen und nun auch mit dem Osten wieder aufgenommen. Sie sollte die Opfer Sloweniens im Vergleich zu den anderen Teilrepubliken ersetzen und das slowenische Unbehagen mildern.

Solange sich die Parteibürokratie in den südlichen Teilrepubliken aber nicht bereit zeigt, auf Privilegien der „Unentwickelten“ zu verzichten, wird man in Slowenien das unangenehme Gefühl der Hintanstellung und Ausbeutung nicht los. Eine dementsprechend neue und zweifellos notwendige Regelung der innerjugoslawischen Beziehungen dürfte daher auch künftig die härteste Nuß in der Innenpolitik darstellen.

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