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Partikularsynode

Eine falsche Antwort der Theologie auf die Herausforderung der modernen Welt könnte das Ende des Christentums zur Folge haben. Die christliche Gemeinde könnte dann einem inneren Zwiespalt verfallen, der das Ende anzeigt. Sollte die Zeit kommen, in der die „Rechtfertigung" durch den Begriff „Bedürfnis" abgelöst würde, ginge die Einheit verloren und wäre „im Glauben nichts gerechtfertigt".

Diese Gedanken Hegels, sie sind in seiner Religionsphilosophie nachzulesen, erhalten durch den inneren Zwiespalt in der niederländischen Kirchenprovinz Aktualität. Eine Partikularsynode im Vatikan soll Wege der Versöhnung und des Neubeginns bahnen helfen. Sie tagt unter dem Vorsitz Johannes Paul II. vom 14. bis zum 26. Jänner unter dem Generalthema „Die Ausübung der Seelsorge in der niederländischen Kirchenprovinz unter den gegenwärtigen Bedingungen".

Immer wieder hört man in diesen ' Tagen in Rom die Frage, was der jrTSÄS dierartjltujm chmu: fige, Disweilen aber auch unduldsame Entwicklung in der holländischen Kirche während der vergangenen zwanzig Jahre ist. Die gesellschaftliche Entwicklung ist es nur vordergründig. Jahrhunderte lebten die niederländischen Katholiken streng abgetrennt von ihren kalvini-stischen, liberalen und sozialistischen Landsleuten. Ein beeindruk-kend durchorganisiertes Verbandswesen unter Führung der Priester und der Bischöfe leitete und sicherte nicht nur das religiöse, sondern auch das kulturelle, ja selbst das wirtschaftliche Leben.

Ab 1960 setzte ein jäher Umbruch ein, nicht etwa, weil sich dieses Verbandswesen als überholt erwiesen hätte, ganz im Gegenteil, damals besuchten fast alle Kinder katholischer Eltern katholische Volksschulen und achtzig Prozent höhere katholische Schulen.

Unter den katholischen Arbeitern in den Niederlanden gab es keinen Glaubensabfall in Massen. Priester waren die großen Pioniere auf sozialem Gebiet, Auch war zur Zeit des Umbruchs das religiöse Leben sehr lebendig. Die Besucherzahl der Sonntagsmesse lag höher als in fast allen anderen Ländern Europas.

Der Umschwung wurde zielbewußt betrieben, und zwar von einer Gruppe, niederländischer Laien und Priester, die von dem wirtschaftlichen Aufschwung der fünfziger Jahre am meisten profitierte. Die aufblühende Wirtschaft förderte vor allem die ärmeren Schichten im Volk, zu denen viele Katholiken zählten. Fleißig, redlich und ambitioniert arbeiteten sie sich hoch, wobei sie viele Initiativen entfalten, ein ausgesprochenes Gefühl für das Machbare und Wesentliche besitzen und dieses dann auch durchzusetzen verstehen.

Von entscheidender Bedeutung für die stürmische und da und dort auch unduldsame Entwicklung in der holländischen Kirche ist die Feststellung, daß diese Gruppe von Priestern und Laien das ausgezeichnet funktionierende katholische Verbandswesen in die Hand bekam, es teilweise bewußt zerstörte, teilweise

aber auch für sich in Anspruch nahm. Viele Priester unter ihnen empfanden aus ihrer unbefriedigenden Ausbildung das Bedürfnis, sich neu zu bilden. Mit großem Eifer studierten sie vielfach evangelische Theologie, doch diese nur oberflächlich. Dadurch verfielen viele unter ihnen Modeströmungen. Einmal in Besitz der Massenmedien gekommen, stellten sie diese in den Dienst der Theologie, die den Herausforderungen der modernen Welt besser entsprechen wollte, doch nur allzuoft - um mit Hegel zu sprechen - die zentralen religiösen Anliegen durch den Begriff „Bedürfnis" ablösten, wodurch die Einheit unter den Gläubigen in Gefahr geriet und vielfach auch der Glaube seine wirkliche Kraft verlor.

Soweit bisher bekanntgegeben wurde, konzentrieren sich die Beratungen auf drei Themen. Erstens: Die Möglichkeiten und Grenzen in der Ausübung der bischöflichen Autorität in einer modernen Gesellschaft und die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft unter den niederländischen Bischöfen.' ,

Zweitens: Die Sorge um die richtige Glaubenslehre. Um das Anliegen möglichst gut zu vertreten, ernannte der Papst den aus Holland stammenden und in Loewen lehrenden Professor für die Sakramentenlehre und Liturgie, P. Joseph Lescrauwaet, zum Sondersekretär der Synode. Lescrauwaet gilt als hervorragender Theologe.

Drittens: die Priesterausbildung. Niemand bestreitet heute, daß in den vielen, oft recht kleinen Ausbildungsstätten der Vergangenheit eine mangelhafte Theologie und eine oft recht weltfremde Mentalität vermittelt wurde. Daher ließ man diese auf und errichtete fünf philosophischtheologische Hochschulen. Das war richtig gedacht.

Die konkrete Durchführung aber erwies sich als fehlerhaft. Heute studieren dort 1100 Studentinnen und Studenten, aber nur wenige bereiten sich auf die Priesterweihe vor und erhalten dafür auch keine besondere Ausbildung. Dies bewirkte einen katastrophalen Rückgang. Wurden 1960 in Holland 318 Priesterweihen erteilt, so 1976 nur noch vier.

Eine umstrittene Initiative ergriff angesichts dieser Entwicklung der ebenso umstrittene Bischof von Roermond, Johannes Gijsen, durch die Errichtung eines eigenen Seminars. 1970 bereiteten sich dort 20 Theologen auf die Priesterweihe vor, 1979 waren es 60 und in diesem Jahr sind es bereits 82. Inzwischen haben auch Kardinal Willebrands und Bischof Möller mit ähnlichen Initiativen begonnen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist eine Voraussage der Ergebnisse nicht möglich. Kardinal Willebrands versicherte den holländischen Katholiken in einem Interview, daß der Papst keine Entscheidungen aufzwingen werde. Das einzige was man heute schon mit Sicherheit sagen kann, erklärte Bischof Josef Tomko, der Generalsekretär der Synode, daß die Problemlage dieser Kirche und der Versuch, ihr gerecht zu werden, Bedeutung für die gesamte Weltkirche hat.

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