6934774-1983_05_13.jpg
Digital In Arbeit

Patientenrechte fur Ungeborene!

19451960198020002020

Wie weit kann die moderne Medizin schon vor der Geburt Mißbildungen erkennen und sogar therapeutische Maßnahmen einleiten? Dieser Frage stellte sich kürzlich ein Kongreß in Rom.

19451960198020002020

Wie weit kann die moderne Medizin schon vor der Geburt Mißbildungen erkennen und sogar therapeutische Maßnahmen einleiten? Dieser Frage stellte sich kürzlich ein Kongreß in Rom.

• Kaiserschnitt in einer geburtshilflichen Klinik. Keine außergewöhnliche Sache. Ungewöhnlich ist, daß nebenan im chirurgischen Operationssaal schon ein Team von hochspezialisierten Kinderchirurgen bereitsteht, um das Neugeborene in Empfang zu nehmen. Schon im Mutterleib sind für den kleinen Patienten die Diagnose und die Operationsindikation gestellt worden: es handelt sich um einen angeborenen Defekt der

Bauchwand, sodaß die Gedärme frei im Fruchtwasser schwimmen. Die unmittelbar nach dem Kaiserschnitt vorgenommene Operation verhindert eine Infektion und sichert dem Kind die besten Chancen, völlig gesund und beschwerdefrei zu überleben.

• Eine werdende Mutter stammt aus einer Familie, in der mehrfach Herzfehler aufgetreten sind. Sie ist in begreiflicher Sorge um ihr Kind. In der 18. Schwangerschaftswoche wird sie in einem auf Herzerkrankungen spezialisiertem Ultraschallzentrum untersucht. Dem Spezialisten gelingt es, im Ultraschallbild alle vier Herzkammern darzustellen, ebenso den Abgang der großen Gefäße, der Hauptschlagader und der Lungenarterie, die sich kurz nach dem Abgang vom Herzen teilt. Er vergleicht den Durchmesser des rechten und linken Ventrikels und überprüft an einer Tabelle, ob die Herzgröße dem Alter des ungeborenen Kindes entspricht. Nein, dieses Kind wird keinen

Herzfehler haben. Die Mutter kann beruhigt werden. — Ander renfalls würde - durch Kontrolle der weiteren Entwicklung überprüft - schon vor dem Geburtstermin die genaue Diagnose eines angeborenen Herzfehlers feststehen und die nach der Geburt nötige Herzoperation an einem in der kindlichen Herzchirurgie erfahrenen Zentrum vorbereitet werden.

• Bei einer Ultraschalluntersuchung vor der Mitte der Schwangerschaft werden auffallend weite Gehirnventrikel gefunden. Weitere Kontrollen erweisen, daß das Verhältnis der Ventrikelgröße zum Durchmesser der Gehirnhälften noch größer wird. Es besteht die Gefahr, daß sich ein Hy- drokephalus ausbildet, weil die Flüssigkeit aus den Hirnkammern nicht abfließen kann, und daß durch den steigenden Druck die Hirnsubstanz atrophisch wird. Schon in der 24. Schwangerschaftswoche wird durch die Bauchwand der Mutter und die Gebärmutterwand hindurch das Ventrikelsystem des Kindes punktiert, und es wird ein Spezialkatheter eingeführt, der die Ableitung der Gehirnflüssigkeit in das Fruchtwasser ermöglicht, ohne daß umgekehrt Fruchtwasser in die Ventrikel eindringen kann. Regelmäßige Ultraschallkontrollen überprüfen in der Folgezeit das Funktionieren des Katheters.

Nach der Geburt des Kindes kann der Neurochirurg die endgültige Shunt-Operation vornehmen. So kann die gesunde geistige Entwicklung eines sonst unweigerlich schwerstbehinderten Kindes sichergestellt werden.

Das ist ein kleiner Ausschnitt aus der Palette der medizinischen Errungenschaften, die im Dezember 1982 auf einem Internationa-

len medizinischen Kongreß über „Vorgeburtliche Diagnose und chirurgische Behandlung angeborener Mißbildungen“ in Rom vorgestellt worden sind. Die Einladung zu dem Kongreß und die organisatorische Vorbereitung war durch die italienische „Bewegung für das Leben“ erfolgt, für die wissenschaftliche Leitung waren die medizinischen Fakultäten der beiden römischen Universitäten, der (staatlichen) Universität von Rom und der „Universita Cattolica del Sacro Cuore“ verantwortlich.

An dem Kongreß nahmen 700 Mediziner, überwiegend Italiener, teil, die Vortragenden waren Gynäkologen, Kinderchirurgen, Neurochirurgen, Genetiker und Biologen aus sieben europäischen und amerikanischen Ländern. Die Zielsetzung des Kongresses war ausschließlich wissenschaftlich: einen Überblick über den derzeitigen Stand des Wissens und die sich abzeichnenden Entwicklungen zu geben. Moralische oder legale Konsequenzen sollten nicht im Rahmen des Symposiums erörtert werden.

Vor allem die Entwicklung der Ultraschall-Echographie hat die Möglichkeiten der vorgeburtlichen Diagnostik in einem Maß erweitert, das noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre.

Andere diagnostische Möglichkeiten hat die Fetoskopie eröffnet, bei der durch ein 1,7 mm weites Rohr eine Optik in die Gebärmutterhöhle eingeführt wird. So kann das ungeborene Kind auf äußere. Mißbildungen untersucht werden, es kann kindliches Blut

aus der Nabelschnur oder eine Gewebsprobe aus der Haut des Feten zur Untersuchung gewonnen werden. Haematologische Erkrankungen oder angeborene Enzymdefekte können auf diese Weise diagnostiziert werden.

Sensationelle Ergebnisse trug die englische Forscherin Dr. Seiler vor: Sowohl im Tierversuch als auch bei Menschen konnte durch prophylaktische Gabe von bestimmten Vitaminen vor und nach der Empfängnis die Rate an Verschlußstörungen des Nerven- rohres, die zu so schweren Mißbildungen wie Anenkephalie (Fehlen des Gehirnschädels) oder Me- ningomyelokele (Vorwölbung des Rückenmarkes am Rücken) führen, hochgradig verringert werden.

Der Kongreß hat aufgezeigt, daß im Vergleich zu der stürmischen Entfaltung der Diagnose die therapeutischen Bemühungen bei angeborenen Mißbildungen noch am Beginn einer Entwicklung stehen. Vor übertriebenen Hoffnungen und vor unkritischer Anwendung alles technisch Möglichen wurde eindringlich gewarnt. Alles in allem blieb nach auf hohem wissenschaftlichem Standard und mit großem Engagement geführter Diskussion das Ergebnis, das ein Debattenredner so zusammenfaßte: „Auch der ungeborene Patient ist ein eigenes Individuum und hat ein Recht auf seine eigene Diagnose, wenn möglich auch auf Therapie.“

Zum Abschluß des Symposiums wurden die Teilnehmer in einer Sonderaudienz vom Heiligen Vater empfangen. Der Papst verurteilte ausdrücklich alle diagnostischen Maßnahmen, deren Zweck die Abtreibung von Kindern mit erblichen Anomalien ist. Er ermutigte aber bei aller Mahnung zur Sorge um ein „erst vor kurzer Zeit zum Leben erwachtes Wesen, das noch besonders zart und zerbrechlich ist“, die Arbeit aller, die sich mit dem wichtigen Sektor der Untersuchung der ersten Monate der menschlichen Existenz und der nötigen Behandlung der Ungeborenen beschäftigen.

Der Autor ist Primarius (Gynäkologie) am Krankenhaus Grieskirchen (Oö) und nahm als einziger Österreicher an diesem Kongred teil.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau