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Plädoyer für Erwachsenenkatechese

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Können die Bemühungen um Glaubensverkündigung für Kinder im Religionsunterricht und bei der Sakramentenvorbereitung überhaupt Erfolg haben, wenn die Eltern dabei nicht mitspielen?

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Können die Bemühungen um Glaubensverkündigung für Kinder im Religionsunterricht und bei der Sakramentenvorbereitung überhaupt Erfolg haben, wenn die Eltern dabei nicht mitspielen?

Katechetinnen, Religionslehrerinnen und Jugendleiterinnen klagen immer häufiger darüber, daß sie sich in ihrem alltäglichen Engagement für die Glaubensverkündigung an die nachwachsende Generation in einer Zwickmühle befinden: Denn immer mehr Erwachsene (Eltern, alleinerziehende Mütter beziehungsweise Väter), die ihre Kinder in den schulischen Religionsunterricht und zur Sakramentenkatechese „schicken", bezeichnen sich zwar selber als „nicht (mehr) praktizierende Christen", verlangen aber von ihnen als den „Expertinnen" fürdie religiöse Erziehung, ihre Kinder und Jugendlichen zu einem Leben, das vom christlichen Glauben geprägt ist, anzuleiten.

Die so agierenden Erwachsenen erweisen sich dabei als von einer Gesellschaft geprägt, die für alle anfallenden Probleme und Bedürfnisse - auch für solche religiöser Natur -Experten parat hat, denen die kompetente Erfüllung des persönlichen Wunsches beruhigt übertragen werden kann. Daß der Wunsch nach einer religiösen Erziehung der eigenen Kinder - zum Teil trotz persönlicher Gleichgültigkeit dem christlichen Glauben gegenüber - in breiten Schichten der Bevölkerung noch tief verwurzelt ist, belegen jüngere empirische Befunde sehr deutlich.

So konstatiert beispielsweise Renate Köcher für den Bereich der ehemaligen BRD, daß die Mehrheit der Eltern einer religiösen Erziehung aufgeschlossen gegenübersteht. „Doch bleibt es bei vielen Eltern bei dem Wunsch und bei der Absichtserklärung, während die Umsetzung nicht gelingt oder gar nicht versucht wird."1 Ahnliche Ergebnisse lassen sich auch für die Deutschschweiz nennen: Auf die Frage nach dem „Stellenwert der religiösen Erziehung" ihrer Kinder antworten immerhin 68 Prozent der befragten jungen Eltern, diese sei ihnen ein „großes Anliegen". Auf die Zusatzfrage nach den Motiven, warum ihnen das ein großes Anliegen sei, beziehen sich aber nur sechs (!) Prozent ausdrückl ich auf die eigene Glaubensüberzeugung.3

Auf eine Kurzformel gebracht, heißt das: Eltern wünschen sich mehrheitlich religiöse Erziehung für ihre Kinder, tun selbst aber nicht viel oder gar nichts dafür. Warum provoziert eine solche „Delegationsmentalität" Erwachsenereine religionspädagogisch paradoxe Situation, die in der Glaubensverkündigung Tätige als Zwickmühle erleben? Welche pastoralkate-chetischen Konsequenzen im Hinblick auf eine vorrangige katechetische Begleitung Erwachsener müssen aus dieser Situationsanalyse formuliert werden? Ich versuche thesenhaft aufzuzeigen, in welche Richtung Antworten auf diese beiden Fragen gehen können.

1. Es besteht ein religionspädagogischer Konsens darüber, daß es für die religiöse Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wichtig und förderlich ist, wenn ihnen erwachsene Bezugspersonen glaubhaft (authentisch) vorleben, „was der Glaube zu leben, zu denken, zu hoffen und zu tun gibt" (Jürgen Werbick). Pastoralkatechetische Arbeit mit Erwachsenen muß einerseits den Wunsch von Vätern und Müttern, daß ihre Kinder religiös erzogen werden sollen, aufgreifen; andererseits ist es religionspädagogisch geboten, den Eltern einsichtig zu machen, daß ihre religiöse Einstellung und die (L'n-)Möglichkeit, daß ihre Kinder in den Glauben hineinwachsen, erwiesenermaßen hoch korrelieren. Läge im Wunsch nach einer religiösen Erziehung, wie immer er begründet sein mag, nicht ein günstiger Zeitpunkt, ein „kairos", Erwachsene dafür zu motivieren, sich selbst auf das einzulassen, was sie ihren Kindern nicht vorenthalten wollen?

2. Wenn sich Erwachsene aufgrund eines längeren kutechetischen Prozes; ses für den christ 1 ichen Weg entscheiden und so ihren Kindern ermöglichen, in diese Lebensdeutung und -praxis hineinzuwachsen, eröffnet sich für sie bezüglich der religiösen Erziehung ihrer Kinder und Jugendlichen eine Chance: Eltern können, weil sie die (Un-)Glaubensgeschichte ihrer Kinder am besten kennen, in Absprache mit ihnen e n scheiden, wann für sie der rechte Zi i i punkt, der „kairos", gekommen ist, um Beispiel die Sakramente der :Uiße, der Erstkommunion oder dei Firmung in der konkreten Ortsgemeinde zu empfangen.

Weg vom Jahrgangsdenken

Bisher entschied das volkskirchlich geprägte, aber entwicklungs- und religionspsychologisch untaugliche Jahrgangs- beziehungsweise Klassenkriterium über den Zeitpunkt des Sakramentenempfangs (zum Beispiel Kinder der 2. Klasse Volksschule werden zum Sakrament der Beichte und Erstkommunion geführt).

In der pastoralen Praxis existieren bereits einzelne innovative Ansätze, die genau ii liese Richtung gehen: Einem Beri der Zeitschrift „Katechetische B er" (Jänner 1990) zufolge hatte Pfarrgemeinderat einer schwär len Pfarre den Mut, volkskirchliche Gepflogenheiten rund um die Erstkommunion aufzubrechen:

Die gemeinsame, dem Jahrgangskriterium folgende und die Eltern „entlastende" Zusammenfassung aller Kinder in (Tischmütter-)Gruppen wird ausgesetzt und eine alternative Form, in der die Erwachsenenkatechese in das Zentrum der katechetischen Bemühungen rückt, wird angeboten. In diesem Sinn heißt es in einem an alle gerichteten Pfarrbrief: „DerKirchengemeinderat mußte sich mit der Tatsache auseinandersetzen, daß zwar alle Eltern das Fest der Erstkommunion für ihre Kinder wollen, aber die wenigsten Eltern den Grund und das Ziel dieses Festes bejahen. Sie zielen das Fest an, das als solches einen Anfang setzt, wollen aber von dem, was da .anfängt', im Emst und auf die Dauer gar nichts wissen -weder für sich noch für ihre Kinder, denen sie die erforderliche solide Weggefährtenschaft in dieser so wichtigen Sache verweigern."

Die Eltern selbst sollten sich im Rahmen von Gesprächskreisen einmal emsthaft fragen, was ihnen der christliche Weg bedeutet. Was hindert Pfarrgemeinderäte, den Eltern ihrer Erstkommunionkinder und Firm-kandidatlnnen kritische Rückfragen zu stellen? Es gibt viele Gründe, einen solchen Weg mit all seinen (auch unangenehmen) Konsequenzen zu wagen.

Dr. Bernhard F. Hofmann ist Universitätsassistent am Institut für Katechetik und Religionspädagogik der Universität Salzburg.

1) In: Köcher, Renate, Tradierungsprobleme in der modernen Gesellschaft; in: Feifei, Erich/ Kasper, Walter (Hg.), Tradierungskrise des Glaubens, München 1987, 168-182, hier 175 und 176f.

2) In: Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut (Hg.), Religiöse Lebenswelt junger Eltem. Ergebnisse einer schriftlichen Befragung in der Deutschschweiz, Zürich 1989, 134-144.

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