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PLO nicht Herr der Lage

Die Araber nennen es Volksaufstand. Vielleicht war es auch einer oder ist es noch, denn die Unruhen in den besetzten Gebieten Israels haben ein noch nie gekanntes Ausmaß angenommen, und noch weiß keiner genau, ob diese wirklich zu Ende gehen. Die israelische Regierung, aber auch die PLO wurden sowohl vom Ausbruch als auch vom Ausmaß dieser Unruhen überrascht.

Wer die Unruhen mit der Lupe in der Hand untersucht, wird einen großen Unterschied zwischen der Heftigkeit im Gaza-Streifen und dem gemäßigten Charakter in Cisjordanien beobachten können. Der Grund hierfür ist, daß an der Spitze der Unruhen im Gaza-Streifen junge Fundamentalisten stehen, die von den Predigern in den Moscheen jeden Freitag nach dem Gebet durch ihre Reden an das Volk unterstützt wurden. Uber Lautsprecher waren die aufpeitschenden Hetztiraden der Kadis zü hören, die die Massen zu Aktionen anfeuerten.

Nach der Ermordung Anwar el Sadats (im Jahr 1982) schickte sein Nachfolger, Hosni Mubarak, alle fundamentalistischen Studenten der religiösen El-Ashar-Universität in Kairo in den Gaza-Streifen zurück. Er wollte keine palästinensischen Extremisten, es genügten ihm „seine“ ägyptischen. Diese Studenten mischten sehr schnell im öffentlichen Leben des Gaza-Streifens mit. Sie griffen PLO-Aktivisten an und verprügelten sie öffentlich.

Der Grund zu den Unruhen war die Verzweiflung über die Lage im Gaza-Streifen, die Armut, die dort herrscht, die Aussichtslosigkeit, daß sich die Situation, die nun schon 20 Jahre lang andauert, verbessern wird. Ferner die Wut gegen die Israelis, die in ihren Augen an allem Unglück schuld sind. Diese haben die letzte Bodenreserve, die es noch gab, für jüdische Neuansiedlungen aufgespart und den Einwohnern des Gaza-Streifens keinerlei politische Rechte eingeräumt.

Als dann die Unruhen ausbrachen, waren die Demonstranten des Gaza-Streifens die „Soldaten Allahs“. Sie kämpften nicht nur gegen die Israelis, sondern gegen die Ungläubigen. Die vielen PLO-Anhänger im Gaza-Streifen schlössen mit den Fundamentalisten einen vorübergehenden Frieden, um gemeinsam an den Unruhen teilzunehmen. Doch tonangebend blieben die Fundamentalisten.

In Cisjordanien, wo die Bevölkerung gebildeter und wirtschaftlich viel besser situiert ist, nahmen die Unruhen einen palästinensischen Nationalcharakter an. Hier gingen die Massen nicht auf die Straße. Statt dessen gab es hier Handelsstreiks, und man sprach von passiver Resistenz, nahm sie jedoch nicht allzu ernst. Die PLO-Führung im Westjordanland versucht, den Unruhen einen politischen Charakter zu geben, obwohl dies nicht ganz gelungen ist.

Zur Zeit ist allen Beteiligten klar, daß nur durch Anstreben einer politischen Lösung die Unruhen endgültig zu Ende gehen werden. Noch ist es der PLO nicht gelungen, völlig Herr der Situation im arabischen Lager zu werden. Sie ist zur Zeit die einzige Organisation, die verhandlungsfähig ist. Eine andere Führung gibt es nicht. Im Gaza-Streifen hingegen wollen die Fundamentalisten momentan keinerlei Verhandlungen führen. Sie wollen die Israelis in die Knie zwingen und glauben, daß Allah ihnen die Kraft dazu geben wird.

Die israelische Regierung hingegen hat nicht viel zu bieten. Premier Jizchak Schamir und mit ihm der rechtskonservative Li-kud ist eventuell bereit, über eine begrenzte Autonomie zu verhandeln, findet hierfür aber keine Verhandlungspartner. Die Arbeiterpartei, mit Außenminister Schimon Peres an der Spitze, propagiert eine internationale Friedenskonferenz, kann aber dieses Vorhaben ohne Stimmenmehrheit im Kabinett nicht weiter vorantreiben.

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