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Polen darf Hoffnung schöpfen

„Jetzt haben wir sogar unsere Opposition verloren.“ Unmißverständlich hat da jemand auf einer Hauswand in Krakau seine Hoffnungslosigkeit hingepinselt.

Und in der Tat, viele Polen bewegt die Frage, was die Gespräche am Runden Tisch der Opposition, insbesondere der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnošč, gebracht haben. War der Preis für die Legalisierung die Stützung des verhaßten bankrotten kommunistischen Systems?

Kein Triumphgeheul in Polen, wie 1980, als viele meinten, das Al-les-oder-nichts-Spiel durch Verträge mit dem Regime bereits gewonnen zu haben. Im achten Jahr der Herrschaft General Wojciech Jaruzelskis dominiert Resignation — auch darin können Polen maßlos sein: Daß jetzt ein neuer Anfang gesetzt worden sein könnte, will angesichts der 38 Milliarden Dollar Auslandsschulden, leerer Geschäfte, einer — wie auch polnische Zeitschriften beklagen — immer mehr um sich greifenden geistigen Verarmung und Per-spektivenlosigkeit noch nicht in die Köpfe der Polen.

Die pluriform gewordene Solidarnošč hat aber den Augenblick genützt: Stabilität ist wichtiger als ein Polit-Experiment mit im-gewissem Ausgang. Noch einmal erhält die Evolution eine Chance. Nicht die Kommunisten wolle man unterstützen, sondern jene Kräfte in der Partei, die erkermen, daß ohne Reformen Polen stirbt.

Den Blick für die Realität hat Solidarnošč in den vergangenen bitteren Jahren offenbar geschärft. Der Warschauer Historiker und Solidamošč-Berater Adam Michnik kann also mit Recht behaupten, nun sei das Argument der Kraft durch die Kraft der Argumente ersetzt worden.

Solidarnošč ist ein großes Risiko eingegangen. Die Reorganisation der auseinanderdriftenden Gewerkschaft steht erst bevor. Gleichzeitig muß sich die führende Kraft der Opposition, als die sich die Bewegung versteht und die sie wohl auch ist, auf die Wahlen zum Sejm und ziun neugeschaffenen Senat im Jimi vorbereiten. Und dabei muß der Bevölkerung einsichtig gemacht werden, daß aufkeimender Optimismus trotz leerer Regale berechtigt ist.

Wahrscheinlich haben die Ver-handler um Lech Walesa wirklich ein Maximum dessen, was heute an Mitverantwortung und Mitbestimmung im kommunistischen Polen möglich ist, herausgeholt. Und die Amerikaner werten die Wiederanerkennung von Solidarnošč als politisches Signal, das mit Umschuldungsmöglichkeiten und neuen Krediten für Polen -unter Mit-KontroUe der Opposition — belohnt werden soll.

Die Zähigkeit der Leute um Lech Walesa nötigt Respekt ab. Das Regime muß dankbar sein, daß Walesas Autorität in der Solidarnošč noch viel wiegt. Die Polen dürfen wieder einmal Hoffnung schöpfen. Jetzt wurde ein erster konkreter Schritt in Richtung Demokratisierung gesetzt.

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