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Politiker ohne Kultur

Der Autor, Wotruba-Schü-ler und einer der bedeutendsten Bildhauer Österreichs, beleuchtet in einer schonungslosen Analyse die Ursachen vieler folgenschwerer Entscheidungen.

Als schöpferischer Mensch macht man sich zwangsläufig immer sorgenvollere Gedanken über die Situation unserer Umwelt und über die Zukunft dieser Welt.

Wenn man heute Zeitungen liest oder Politiker hört, gleich welcher Couleur, so werden immer nur Äußerungen über monetäre oder ökonomische Schwierigkeiten gemacht, niemals jedoch über eine Kulturkrise und die daraus resultierenden wirtschaftlichen und sozialen Folgerungen. Kaum hat ein Parlamentarier jemals über die Probleme der Kunst und Wissenschaft sprochen, kaum einer über die schöpferische Kraft unserer Menschen oder über die ästhetische Gestaltung unserer Umwelt.

Wir wachsen in immer größere Schwierigkeiten hinein, wenn wir diese Probleme weiterhin ignorieren und die bewußtseinsbildende kulturelle Identität weiterhin vernachlässigen.

Eine öffentliche Diskussion über unsere wahre Kultursituation muß geweckt werden. Ein Leben auf höherer Ebene kann nur durch Verschmelzung aller kreativen Äußerungen und durch Förderung der ethischen Werte erzielt werden.

Die Vereinigung von Mensch und Natur, Architektur, Bildhauerei, Malerei, Musik, Bewegung, Licht und Technik, — die Förderung der Phantasie und der Forschung — können zu einer höheren Lebensqualität beitragen.

Es muß Aufgabe aller Politiker und Entscheidungsgewaltigen sein, nicht nur die materiellen Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen, sondern vor allem seine Menschenwürde zu fördern, ihm Schönheit zu übermitteln, das Leben und das Land als einziges künstlerisches Konzept zu sehen, — die uralte Erfahrung von der Einheit der Welt zu fördern.

Nur zu wissen, daß ein gesunder Mensch ohne gesunde Nahrung nicht existieren kann, daß die Entfaltung der Phantasie und die Gestaltung des Lebens ohne ästhetische Werte nicht denkbar ist, ist zuwenig. Man muß auch endlich danach handeln!

Was nützt alles „Reden", wenn die Machtausübenden, die Politiker, Bürgermeister, Gemeinderäte u.s.w., das Bildungsangebot, die Erkenntnisse der Wissenschaftler und Künstler gar nicht annehmen, sich gar nicht dafür interessieren. Bei jeder Kaufhauseröffnung sind sie anwesend, um sich dem Volk zu zeigen.

Bei Kulturtagungen, wo die geistige Problematik unserer Zeit analysiert und besprochen wird, sind nur einzelne dieser Herren anwesend, obwohl sie für diese Aufgabe vom Volk gewählt und mit Entscheidungsgewalt ausgestattet wurden, und dafür auch entsprechend honoriert werden. Aber auch unsere Pädagogen und Volksbildner haben kaum Bedürfnis nach der geistigen Bewältigung unserer Zeit. Sie alle glänzen in ihrer Selbstgefälligkeit und schmoren in ihrem eigenen Saft. Ergebnis ist eine weit verbreitete Unkultur.

Unsere Dorfkultur besteht zuerst aus der Versauung unserer Bäche, dann Zubetonierung derselben, weil der Gestank nicht mehr zu ertragen ist. Die entstandenen Betondecken werden als Abstellflächen für Traktoren, Anhänger und sonstige Mistkarren verwendet.

Die Dorfstraßen werden zu begradigten Durchzugs-Schnellstraßen für Auto- und Motorradrowdys.

Kinder und Tiere müssen unter Strafandrohung aus dem Dorfbild weichen — ein einziger Totentanz. Auf einigen Kinderspielplätzen stehen nun vulgäre Leichenhallen.

Verparzellierung und Verbauung alter blühender Gärten sind an der Tagesordnung. Weg mit den jahrhundertealten schönen Gartenmauern aus den Steinen der Umgebung, entsetzlich verkitschte Zierzäune und Zier-mäuerln werden errichtet. Der Bürgermeister als oberste Baubehörde, fast immer als leuchtendes Beispiel voran.

Unkultur und ästhetische Ärmlichkeit umgeben fast alle maßgeblichen Persönlichkeiten unserer Gesellschaft.

Der Mensch ist ein Lebewesen, das seine Welt in Farben und Formen wahrnimmt und danach stimuliert wird. Bei der Gestaltung unserer Lebensräume wurden nach dem entsetzlichen Krieg diese humanen Aspekte nicht berücksichtigt.

Die Folge ist eine Verbrutalisie-rung unserer Gesellschaft. Das aggressive Verhalten von manchen organisierten Jugendgruppen ist vielfach auf die auf reine Ratio hin ausgerichteten Wohnanlagen, Schulen und sonstiger verbauter Lebensräume zurückzuführen. Zivilisation ist nicht immer Kultur. Denn für die Zivilisation ist Kultur oft nur ein Geschäft.

Der Mensch befindet sich heute in einer Zwangssituation durch sein Ausgeliefertsein gegenüber. immer mächtiger werdenden Rationalisierungsapparaten. Der zunehmende Fremdenverkehr fördert die Güter der Zivilisation und verkauft und zerstört im gleichen Maße unsere Kultur. Dies bringt zwar alles einen materiellen Reichtum. Dieser Reichtum aber bringt Stumpfheit und Verarmung des Gefühlslebens und der Phantasie. Zeiten des Reichtums sind immer Zeiten kultureller Not. Rundum umgeben uns entsetzlich industriell gefertigte Schleuderwaren, welche ohne Gefühl gestaltet sind.

Der Mensch muß sich wieder der großartigen Fähigkeiten seiner Hände und seiner Phantasie bewußt werden. Es muß wieder ein sinnsicherndes Netzwerk der ausgewogenen Maße errichtet werden.

Dringend notwendig für die Gestaltung unserer Zukunft ist die Aktivierung aller unserer Fähigkeiten zur sinnlichen und intellektuellen Wahrnehmung. Die Einbeziehung von Bildhauerei und Malerei, Architektur, Graphik, Poesie, Bewegung und Ton, im weitesten Sinn aller künstlerisch-schöpferischen Aktivitäten, für die Gestaltung einer humanen Welt ist eine selbstverständliche Notwendigkeit.

Jede sinnliche und intellektuelle Wahrnehmung, jede künstlerische Gestaltung stimuliert und schafft Emotionen, erweckt Signale im Gehirn, aktiviert den Geist. — Aktivität macht glücklich!

Den Menschen fehlt die Erziehung zur Empfindung, zur Persönlichkeitsentfaltung. Nur der linken Gehirnhälfte, die auf die Ratio hin gerichtet ist, wird Rechnung getragen. Die rechte Gehirnhälfte, die die Kreativität ermöglicht, wird sträflichst vernachlässigt.

Kunst soll die verschlafene Gesellschaft wachrütteln und Zukunftsprobleme bewältigen helfen. Selbst die schlimmsten Machthaber der Geschichte haben dem einfachen Mann die Kunst nicht vorenthalten. Tempel, Kirchen, Volkshallen, öffentliche Versammlungsräume und Plätze, sowie Gärten und Parkanlagen wurden mit den besten Werken der Kunst ausgestaltet und waren für jedermann zugänglich. Auch der Kleinhäusler konnte sich am Feierabend erbauen.

Wir wurden in unserem Jahrhundert reichlichst mit Bedürfnisanstalten versorgt, sind aber kulturell verarmt. Selbst bei der Errichtung der Kulturzentren war Ästhetik fast nicht gefragt. Straßen für schnelleres Fahren, Parkplätze, Abstellplätze — Ruheplätze für Autos — die seelischen Bedürfnisse des Menschen wurden vergessen. Die Epoche einer wilden Materialschlacht geht dem Ende zu. Wir müssen die Welt wieder für den Menschen entdek-ken.

Das menschliche Wesen und das Wesen der gesamten Natur des Mikro- und Makrokosmos müssen wieder in Einklang gebracht werden.

Ein neues Licht für die Mensch-heit kann'nicht von den Politikern allein entfacht werden. Die Machthaber müssen endlich erkennen, daß dies nur in gemeinsamer Arbeit mit allen schöpferischen Persönlichkeiten geschehen kann.

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