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Porträt mit V eilchen

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Die hier abgedruckte, bisher unveröffentlichte Novelle zeigt den achtzigjährigen Autor auf der Höhe seiner empfindsamen Erzählkunst.

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Die hier abgedruckte, bisher unveröffentlichte Novelle zeigt den achtzigjährigen Autor auf der Höhe seiner empfindsamen Erzählkunst.

Ich sah ihn vor einigen Tagen wieder. Er stand am Rande des Zimmers, an ein Möbelstück gelehnt. Das Gesicht von einer Blässe, die nicht einfach Eigenschaft des Gesichtes war, sondern von einem Druck in der Brust herrühren mußte; die Augen hinter den Horngläsern schienen gerötet in dieser Weiße, Öde, Graue der Haut ringsum, das Haar verschwand unscheinbar, das falbe Bärtchen wirkte wie ein gelber Fleck über den Lippen.

So stand er, an ein Möbelstück gelehnt, und nicht etwa angelehnt aus Largesse, sondern dem ihnern

Druck seiner Brust gehorsam, und hörte überaus aufmerksam zu, wenn man ihn ansprach. Die erstdn fünf Worte schien er noch fassen zu können, aber schon dann glitten seine Gedanken sichtbar auf den einen Gegenstand zurück, der sie beschäftigte. Wenn der Augenblick gekommen war, wo man eine Antwort von ihm erwarten durfte, schreckte er mit einem leichten Schütteln des Kopfes, einem Abschütteln sozusagen, auf, wir wiederholten von selbst unsere Frage, um ihm die Möglichkeit einer Antwort zu geben. Dieser junge Mann von dreißig lächelte dann hilflos wie ein Kind von zehn, wenn es nicht verstanden hat; sich entschuldigend; eben erwacht.

Bei diesem Lächeln, das uns beruhigen sollte, und seinen eignen Schmerz von unsern Schultern tröstend wegnahm, bei diesem

Lächeln, das nichts von Heiterkeit und nichts von Verlegenheit hatte, brach das Gesicht auseinander. Unter der grauen und schmerzvollen Front erschien wie eine Maske ein Jungengesicht mit weißblitzenden Zähnen und lachenden Augen; wie untergeschoben war dieses Gesicht, und das Entsetzliche war eben, daß dieses Jungengesicht das unechte war, daß überhaupt ein Kindergesicht für eine Maske hervorgeholt werden konnte.

Und doch war die Absicht eine gute: uns mit seinem Schmerz zu verschonen, es war eine tapfere Absicht dahinter und eine gute Haltung in dieser Maske. Diese Maske schien mir im letzten Grund auch echt; denn sie zeigte das wahre Gesicht darüber erst deutlich und seinen wahrhaftigen Schmerz dazu, den sie verbergen wollte; die wahrhafte Tapferkeit und die wirkliche Menschlichkeit seines Trägers.

Vor einem Jahr hatte ich ihn zum ersten Mal gesehen. Wir gingen damals zusammen in die Nachtvorstellung eines Theaters, die mehr ein gesellschaftliches- Ereignis als eine künstlerische Sensation war.

Die Pausen waren länger als die Stücke dazwischen. Viele der Besucher kannten sich untereinander und kannten auch ihre gegenseitigen Automobile genau, mit

denen der Platz vor dem Theater überschwemmt war; man rief sich zu, man freute sich über das Zusammentreffen, es wurde gemeinsame Fortsetzung des angebrochenen Abends verabredet. Die Leute wechselten ihre Plätze willkürlich aus, vor uns saß plötzlich eine junge Frau mit zärtlich rasiertem Nacken. Ich weiß nicht mehr, wie es kam, da wir uns nicht kannten, aber gerade als es wieder dunkel wurde, diesmal vor dem Schlußbild, sprachen wir mit dieser jungen Frau, die sich sehr deutlich jedoch an meine Adresse wandte. Ihm schien dies, wie ich bemerkte, eine gymna.siastenhaf- te Hochachtung vor mir einzuflößen.

Das Stück endete, indem eine hüftenschwingende Fee Blumensträuße ins Publikum warf, bei halberhelltem Raum, dessen Licht gerade noch genügte, um die duftenden Geschosse zu zeigen, dessen Dämmerung jedoch den Eifer der Parkettbesucher, die sich nach den billigen Blumensträußen reckten, freundlich verhüllte. Mein Begleiter gehörte zu den Glücklichen, die einen Strauß empfingen; der Strauß war von einer Bankreihe zur anderen gesprungen, von den huschenden Händen unabsichtlich weiterbefördert und in seinem Schoß gelandet.

Die junge Frau vor uns wandte ihren Kopf mit einem stillen Blick dem Empfänger zu, es wäre naheliegend gewesen, ihr den Strauß mit einer chevaleresken Gebärde zu überreichen. Mein Begleiter nahm ihn aber an sich; der Vorhang fiel, und noch ehe das letzte Wogen des Feenrückens verebbt war, strömten die Parkettbesucher in haushohen Wellen dem Ausgang zu, als hätten sie etwas Wichtiges zu ereilen.

Auf der Spitze derxgrsten Welle schwomm mein Begleiter und

schlug als erster auf dem Garderobentisch auf. Als ihm die alte Frau mit dem halb mißtrauischen Blick, den sie dem Ansturm entgegenwarf, seinen Paletot herüberreichte, stutzte er einen Augenblick. Dann führte er eine eigenartige Bewegung aus, er stieß den Arm mit dem bewahrten Blumenstrauß so von sich, als wollte er jemand rasch und herzlich die Hand schütteln — und reichte mit dieser spontanen und aus dem Herzen kommenden Bewegung, Kavalier zugleich und Knabe, der Garderobenfrau die süßblauen Veilchen, welche sie ungläubig erst und halb mit gerührten Beteuerungen entgegennahm.

Noch als wir schon die Ausgangstüre in Bewegung setzten, hörten wir das Staunen und die Freude der Alten. Ich sage: wir hörten es, ich glaube aber, daß ich allein es war, der noch darauf achtete. Denn mein Begleiter sprach lebhaft von andern Dingen.

Zwischen damals und jetzt spannt sich der Bogen eines Jahres. Eines Jahres, in dem wir alle um mehr als das älter geworden sind, eines Jahres, welches grau anfing und immer dunkler endete. Das allgemeine und das eigene Schicksal sind dabei nicht lichter geworden, und der Mut zum Glauben an eine Jahreswende ist vielen abhanden gekommen. Auch ihn, von dem ich hier gesprochen habe, hat dieses Jahr nicht unverschont gelassen, es hatte ihn dort am härtesten gepackt, wo wir alle fühlen: Man hatte ihn verdächtigt, ohne daß er sich wehren konnte. Ich habe ihn vor diesen Begebenheiten und zwischen ihnen mehrmals gesprochen. Jedoch gesehen, so über den mechanischen Anblick hinaus, jenseits der täglichen Freundschaft, so wirklich als Menschen gesehen habe ich ihn nur einmal damals und einmal letzt. Ich glaube, daß was dazwischen liegt und sein tägliches Leben ausmacht, ebenso wichtig ist, wie was ich bei diesem zweimaligen Zusammentreffen erkannte. Aber die beiden Male, wo ich ihn mit andern, mit inneren Aueen gesehen habe, scheinen mir wie ein freundliches bterngetunkel durch die Dunkelheit unserer Zeit, seines und meines Weges darin.

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