7172678-1982_51_22.jpg
Digital In Arbeit

Privatvorsorge -echtes Bedürfnis

Schon vor mehr als 184 Jahren — also im Jahre 1798—, so alt ist nämlich die älteste Private Krankenversicherungsanstalt Österreichs, war es das Bedürfnis der Menschen in unserem Lande, für den Fall einer Erkrankung finanzielle Vorsorge zu treffen. Damals gab es noch keine gesetzliche Krankenversicherung. Erkrankte mußten sich daher mit den primitivsten Mitteln begnügen.

Meist fehlte das Geld für einen Arzt, erst recht für das Aufsuchen eines Krankenhauses. In dieser Situation wurde die erste, heute noch bestehende Selbsthilfeein-

richtung in Graz errichtet. Dies war aber auch zugleich die Geburtsstunde der Privaten Krankenversicherung Österreichs. Obwohl nach wie vor eine große Bereitschaft besteht, im Falle einer Erkrankung die Sonderklasse aufzusuchen, sind es die Höhe der Spitalskosten und davon abhängig die Höhe der Prämie für die Private Krankenversicherung sowie die derzeitige wirtschaftliche Situation in unserem Land, die sich für den Abschluß einer Versicherung hemmend auswirken. Und es sind letztlich die vielen Unsicherheiten, die die privaten Haushalte belasten. Der Wille allein ist also nicht genug, es müssen auch die übrigen Voraussetzungen zutreffen.

Die Private Krankenversicherung erlebte trotz sehr wechselhafter politischer und gesellschaftlicher Veränderungen seit ihrer Gründung immer wieder neue Vertrauensbeweise, die darin gipfeln, daß heute trotz verschiedener Rückschläge rund 2,8 Millionen Österreicher, also etwa ein Drittel unserer Bevölkerung, freiwillig eine Private Krankenversicherung abgeschlossen haben. Diese Menschen sind bereit, immer wieder finanzielle Opfer auf sich zu nehmen, um im Falle einer Erkrankung nicht auf einen gewissen Komfort verzichten zu müssen.

Des weiteren verbinden fast alle Privatversicherten mit dem Abschluß einer Versicherung die Vorstellung, daß sie im Falle eines Krankenhausaufenthaltes vom zuständigen Primarius, seinem Stellvertreter oder überhaupt vom Arzt ihres Vertrauens behandelt werden. Aber auch die bessere Unterbringung, die bessere Ausstattung und Lage der Krankenzimmer, individuellere Besuchszeiten veranlassen unsere Mitglieder, privat vorzusorgen.

Das ist ein Faktum, das wir alle zur Kenntnis nehmen müssen.

Nach wie vor widerspricht die für die österreichischen Krankenanstalten gewählte Finanzierungsform sowohl dem Gleichheitsprinzip als auch wirtschaftlich vernünftigen Überlegungen. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß der Sonderklassepatient, der ja auch wie die anderen Österreicher seine Sozialversicherungsbeiträge bezahlt, über seine Zusatzversicherung eigentlich nur jenes „Mehr" zu bezahlen hätte, das er als Patient der Sonderklasse genießt. Das ist jedoch mit Ausnahme von zwei Bundesländern nicht der Fall. Bis jetzt ist diesbezüglichen Anträgen der Privaten Krankenversicherungen in den betreffenden Bundesländern noch kein Erfolg beschieden gewesen.

Dabei gebe ich zu, daß wir in Österreich eine gute Sozialversicherung haben, die die Grundversorgung zufriedenstellend sicherstellt. Es bleibt Aufgabe der Privaten Krankenversicherung, für das individuelle Anliegen von Millionen Menschen Vorsorge zu treffen.

Während diese Bereitschaft also weiter besteht, gibt es doch eine Reihe von Umständen, die sich diesem erfreulichen Trend entgegenstellen.

Die Ursachen dieser Schwierigkeiten liegen weitestgehend außerhalb unseres unmittelbaren Einflusses. Dabei ist die Private Krankenversicherung bemüht, durch größte Wirtschaftlichkeit beispielgebend voranzugehen.

Darüber hinaus bemühen wir uns mit allen zu Gebote stehenden Kräften, die auf uns zukommende Kostenexplosion im Interesse der Versicherten abzuwehren und appellieren immer wieder an das Verständnis der Politiker, Spitalerhalter, Ärzte und Verwaltungen. Trotz mancher Einsicht sind die Kostensteigerungen derart hoch, daß sich viele Menschen den Abschluß einer Privaten Krankenversicherung gut überlegen, wobei die zu erwartende Leistung natürlich zu den zu zahlenden Prämien in Relation gestellt wird. Die von fast allen Privaten Krankenversicherungsunternehmen gewährte Kostendeckungsgarantie bringt es mit sich, daß alle Kostensteigerungen im Wege der Anpassung zumindest partiell weitergegeben werden müssen.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse in unserem Lande erachte ich zwar für besser als in manchem Nachbarstaat, dennoch sind sie Anlaß für Zurückhaltung bei Neuabschlüssen. Diese überwiegen nicht mehr gegenüber den Austritten von Versicherten, die oft jahrzehntelang ihre private Vorsorge hatten, sich nun aber im Alter die Beiträge nicht mehr leisten können. Dies stellt nicht nur einen großen Verlust für die Versichertengemeinschaft dar, sondern ist auch ein nicht zu übersehendes menschliches Problem. Was sich bei notwendigen Anpassungen oft an persönlichem Leid offenbart, ist nicht wiederzugeben.

Gerade im Alter aber erkrankt der Mensch bekanntlich leichter und öfter. Die Austrittsabsicht aus finanziellen Gründen ist natürlich bei einem Gesundgebliebenen weitaus größer als bei einem chronisch Kranken. Dieser wird sich im Sinne des Wortes das Geld für den Beitrag vom Mund absparen, um nicht den oft erprobten und bewährten Versicherungsschutz zu verlieren. Diese Entwicklung muß aber auch aus der Sicht der Selektion gesehen werden.

Gesunde, die die Private Krankenversicherung aus finanziellen Gründen verlassen, bringen dieser Gemeinschaft einen weiteren Verlust. Der Rest der verbleibenden Krankheitsanfälligen verursacht höhere Kosten und als Folge früher oder später höhere Beiträge. Junge Leute hingegen schrek-ken vielfach vor der Höhe der zu zahlenden Prämie zurück, ohne allerdings daran zu denken, daß im Krankheitsfall oder im späteren Alter ein Mehrfaches aufzuwenden ist. Die geringste Störung der Ausgewogenheit bringt also viele unangenehme Folgen mit sich.

Uber die Steigerungen bei den Krankenhauskosten wurde schon vieles gesagt. Die Private Krankenversicherung ist nicht gegen leistungsgerechte Arzthonorare und Pflegegebühren. Aber die sinnvolle Begrenzung ist dort zu finden, wo die finanzielle Kraft der Versicherte!} aufhört, und diese Grenze ist nicht nur erreicht, sondern, wie die Entwicklung beweist, bereits überschritten.

Dabei ist die Private Krankenversicherung ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Im Jahre 1981 wurden allein für Spitalsaufenthalte 3,7 Milliarden Schilling aufgewendet — mehr, als der Krankenanstaltenzusammenarbeitsfonds zur Verfügung hat. Übrigens, diesem KRAZAF gehört die Private Krankenversicherung noch immer nicht an, obwohl Zusagen vorliegen. Wir glauben, mit dieser gewaltigen Leistung allein im Spitalssektor eine Legitimation dafür zu haben, die Interessen der rund 2,8 Millionen Versicherten Österreichs dort zu vertreten.

Was ist also zu tun, um eine Umkehr zu erreichen?

Mehrere Male während dieses Jahres ersuchten wir die Landeshauptleute, Gesundheits- und Finanzreferenten aller Bundesländer sowie die Ärztekammern, maßvoll zu bleiben und keine weitere Belastung für die Versicherten zu bringen.

Dieses Ersuchen wiederhole ich namens der Privaten Krankenversicherung, weil wir aufgrund der Entwicklung sehen, daß weitere Belastungen unzumutbar sind und schließlich ein weiterer Einbruch im Versichertenbestand sich auch zum Nachteil der Spitalerhalter und Ärzte auswirken würde.

Es geht schon lange nicht mehr um die Privaten Krankenversicherungsunternehmen allein, aber ihre großen finanziellen Leistungen würden auch den Spitalerhaltern, Ärzten und indirekt auch der Sozialversicherung fehlen. Daß die entstehende Finanzierungslücke vom Bund und den Ländern übernommen werden müßte, liegt auf der Hand.

Darüber hinaus sollten Überlegungen angestellt und diskutiert werden, ob zum Beispiel ambulante Behandlungsformen anstelle eines Krankenhausaufenthaltes einen Ausweg bringen könnten. Dies wird aber nur bei gleichzeitiger Reduzierung der Bettenanzahl sinnvoll sein. Die ersten behutsamen Schritte waren allerdings nicht ermutigend, sie brachten nur eine Vermehrung der Kosten. Es schien, daß sich das vermehrte Angebot seine eigene Nachfrage schaffte.

Wir sollten alle diese Fragen, die uns gemeinsam berühren, diskutieren und nach einem Ausweg suchen. Wir dürfen nicht resignieren!

Ich weiß natürlich, daß dies alles kein nur österreichisches Problem ist. Weltweit gibt es im Gesundheitswesen Kostenexplosionen. Die Allgemeinheit ist aber der Meinung, daß die Kostenentwicklung im Gesundheits- und Sozialbereich gebremst werden muß. Kaum auf einem anderen Gebiet sind die gleichen Steigerungen im Laufe der letzten Jahre aufzuweisen.

Vielleicht sollten wir — Ärzte und Private Krankenversicherung — das Interesse der Versicherten an der Kostensituation vergrößern. Unsere deutschen Nachbarn haben ein solches Experiment versucht, das Kostenbewußtsein auch bei den Patienten zu wecken. Ubersehen wir schließlich auch nicht, daß es heute mehr Gründe für eine Erkrankung durch starke Inanspruchnahme der Menschen im Beruf, aber auch in der Freizeit gibt, die zusätzlich ein vermehrtes Aufsuchen sowohl der Ärzte als auch der Krankenhäuser mit sich bringen.

Zusammenfassend ist also zu sagen, daß ein Trend zur Privatvorsorge nach wie vor besteht, daß dieser aber nicht durch unkontrollierte Kostensteigerungen und übertriebene Honorarforderungen sich insoferne auf die Prämien der Versicherten niederschlagen darf, daß diese prohibitiv werden. Ein Rückgang der privaten Selbstvorsorge würde nicht nur den Versicherungen, sondern genauso den Ärzten und letzten Endes den Spitalserhaltern und somit der gesamten Volkswirtschaft schaden.

Gemeinsam kann und muß es uns gelingen, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Wir sollten ohne Vorbehalt und ohne Vorurteil immer wieder miteinander reden. Damit erfüllen wir nicht nur den von uns von den Mitgliedern erteilten Auftrag, sondern wir setzen auch sicherlich eine gute Tat zum Wohle der Menschen.

Oer Autor ist Generaldirektor der Wechselseitigen Versicherungsanstalt Merkur

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau