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Digital In Arbeit

Protest durch Schweigen

Sie arbeitet täglich vier Stunden, zu einem Stundenlohn von 30 Schilling. Drei Stunden sitzt sie in der Straßenbahn, um zu ihrem Arbeitsplatz zu fahren. Vier Kinder, der Ehemann ist Trinker. „Es ist bei mir schon so weit gekommen, daß ich daran denke, Selbstmord zu begehen und meine Kinder umzubringen. Ich muß das einfach sagen, weil ich voller Leid bin.“

Sie ist Türkin. Eine von rund 25.000 türkischen Staatsbürgern, die zur Zeit in Wien polizeilich gemeldet sind. Und die ihr Brot als Gastarbeiter verdienen müssen.

Von den rund 180.000 ausländischen Arbeitern in Österreich sind rund 70.000 Frauen. Von denen aber im Zusammenhang mit Gastarbeitern fast nie gesprochen wird. Wenn man Gastarbeitern den geringsten sozialen Status zuschreibt, so stehen deren Frauen noch eine Stufe weiter unten. So weit unten, daß sie fast schon unsichtbar sind.

Sie arbeiten hauptsächlich in den Branchen Reinigung, Metall und Textil — zu den schlechtesten Arbeitsbedingungen, zu den niedrigsten Löhnen, im Akkord- und im Schichtbetrieb. „Wir können uns nicht wehren, wir müssen alles akzeptieren, weil wir die Arbeit brauchen“, meint eine 42jäh- rige Türkin, derzeit arbeitslos.

Das Gelobte Land der siebziger Jahre ist zur Hölle auf Erden geworden. Jugoslawen und Türken, die dem Ruf nach Arbeitskräften in die Industrieländer gefolgt sind, sind ihrer Illusion beraubt. Der vorgezeichnete Weg, den sie nicht wahrhaben wollten: vom Bahnhof direkt ab ins Getto.

Sie sind gekommen, um hierzulande viel Geld zu verdienen, um sich dann nach ihrer Rückkehr selbständig machen zu können. Doch auch der Traum von Geld und Geschäft in der Heimat war bald ausgeträumt.

Die Situation der Gastarbeiterfrau kann man erst dann richtig einschätzen, wenn man den sozialen Hintergrund kennt, aus dem sie kommt. 90 Prozent der türkischen Einwandererfamilien stammen aus ländlichen Gebieten. Das Leben ist streng nach patriarchalischen Gesichtspunkten organisiert, läuft in geordneten Bahnen ab und räumt der Frau nur die Rechte der Haushaltsführung, der Kindererziehung und der gemeinsamen Arbeit mit den anderen Frauen des Dorfes ein.

In der Fremde sind sie aus ihrem gewohnten sozialen Netz geworfen und finden sich nicht mehr zurecht.

In der türkischen Heimat sind die Frauen von ihren Ehemännern abhängig. Das Leben in der Fremde ändert nichts daran, verstärkt manchmal sogar die Abhängigkeit. „Durch die gesellschaftliche Isolation des Mannes bedingt, sind die patriarchalischen Formen manchmal sogar stärker als in der Türkei zu spüren“, weiß Gerda Neyer vom Institut für Höhere Studien in Wien, die sich mit der Situation ausländischer Arbeiterinnen beschäftigt hat.

Die österreichischen Frauen wären in den Augen der türkischen Männer zu freizügig, hätten zu viele Freiheiten — sie könnten daher „Vorbilder“ für ihre Gattinnen sein, „die dann ebenfalls auf Rechte pochen könnten“ (Neyer). Den Frauen wird der Kontakt zu Österreichern verboten, sie werden innerhalb ihrer Familien isoliert und in die eigenen vier Wände verbannt.

Doch der von den türkischen Männern gefürchtete Kontakt mit österreichischen Frauen am Arbeitsplatz findet in Wirklichkeit gar nicht statt. Einerseits bedingt durch die Art ihrer untergeordneten Tätigkeiten, die nur von ihren Landsleuten durchgeführt werden, andererseits weil durch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes Solidarität mit den ausländischen Kolleginnen bei österreichischen Frauen eher kleingeschrieben wird.

„Die Freundlichkeit der Österreicherinnen hört bei der Wohnungstür auf, Einladung und Besuch sind Fremdworte“, konnte die Politikwissenschafterin Neyer bei ihren Gesprächen mit Gastarbeiterinnen feststellen. Den türkischen Frauen bleibt somit nur mehr das Zusammensein mit ihresgleichen. Denn am Arbeitsplatz besteht nur wenig Kontakt zu Österreicherinnen, der Gebrauch der fremden Sprache ist auf ein Minimum beschränkt — Sprachlosigkeit ist die Folge.

• „Diese wird aber sehr oft auch absichtlich herbeigeführt“, weiß Neyer. Die Sprachlosigkeit ist zu einer Form des Widerstandes geworden: Widerstand gegen das fremde Land, gegen die fremden Menschen, gegen die eigene Familie. Sie reagieren mit Depressionen, werden krank. Die türkische Frau protestiert durch Schweigen.

Kann sich die berufstätige Gastarbeiterfrau noch durch ihre Arbeit teilweise emanzipieren, so bleiben für die türkische Hausfrau nur mehr ihre Kinder, auf die sie ihre Hoffnungen setzen kann. Die zweite Generation kann durch ihre Erfahrungen im fremden Land auf den Familienpatriarchen einwirken, die türkischen Strukturen den österreichischen Verhältnissen anzupassen — Befreiung und Emanzipation auf dem Umweg über Arbeit und Kinder.

Um den Menschen auf der untersten Stufe der Sozialordnung eine Chance zu geben, sind ausreichende und adäquate Bildungsangebote sowie medizinische, Rechts- und Sozialberatung notwendig.

Noch mehr notwendig ist jedoch Verständnis. Verständnis für jene, die „nur“ das Pech haben, tausend Kilometer südlich der „Zivilisation“ geboren worden zu sein.

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