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Protestantisch im Dreivierteltakt?

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Sind Österreichs Protestanten nicht mehr „diasporafähig“? Finden sie nach dem Abschied von dem Bewußtsein, eine geistige Elite darzustellen, zu einer neuen Identität?

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Sind Österreichs Protestanten nicht mehr „diasporafähig“? Finden sie nach dem Abschied von dem Bewußtsein, eine geistige Elite darzustellen, zu einer neuen Identität?

Seit den Aphorismen Franz Grillparzers weiß man, daß der österreichische Katholik Komplexe gegenüber der geistigen und sonstigen Entwicklung des protestantischen Deutschland entwik-kelt. Viele, die aufgrund der wirtschaftlichen Situation der habs-burgischen Länder gerufen worden oder gekommen waren, erwiesen sich schon vor Josephs II. Toleranzpatent und erst recht danach als der „Augsburgischen (oder Helvetischen) Confession Verwandte“.

Gerade dieser, bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein festzustellende Zug von Evangelischen in die kaiserliche „Haupt-und Residenzstadt“, aber auch ins Land, war dafür bestimmend, daß es in Österreich immer wieder Personen gab, die durch herausragende geistige oder künstlerische Leistungen aufgefallen sind und mehr oder weniger eindeutig im evangelischen Bekenntnis standen.

Diese Personen hat man immer wieder sorgfältig registriert. Der Altmeister der Protestantengeschichtsschreibung, Georg Loe-sche, gibt in seinem Standardwerk „Geschichte des Protestantismus“ eine imposante, freilich nicht einmal vollständige Liste derartiger Männer (nur selten werden Frauen genannt); die erst vor kurzem verstorbene Historikerin Grete von Mecenseffy unternahm es 1965, „Evangelische Lehrer an der Universität Wien“ ausfindig zu machen und biographisch darzustellen. Und der jetzige „Landeshistoriker“ an der Theologischen Fakultät, Peter Barton, wandelt in einem demnächst gedruckten Manuskript „Geschichte der Evangelischen in Österreich“ (in: Dieter Knall: „Evang. Kirche in Österreich“, Arbeitstitel) gewissermaßen auf Loesches Spuren.

Eben wenn man von diesem hohen Anteil an Evangelischen an der Entwicklung der geistigen Kultur Österreichs überzeugt ist, trifft einen ein Blick in das Inhaltsverzeichnis des Zwei-Bänders „österreichische Porträts. Leben und Werke bedeutender Persönlichkeiten von Maria Theresia bis Ingeborg Bachmann“, herausgegeben von Jochen Jung (Salzburg 1985), doch wie eine kalte Dusche. Unter den 22 Persönlichkeiten des ersten Bandes werden Karl von Bruck und Johann Strauß genannt, die (Strauß wenigstens für eine gewisse Zeit seines Lebens) evangelisch waren; unter den 21 Personen des zweiten Bandes befindet sich niemand, den man als evangelisch bezeichnen würde, selbst wenn er vielleicht durch einige Zeit (aus welchem Grund immer) der evangelischen Kirche angehört haben sollte.

Es sieht also so aus, als ob diese von evangelischen Historikern erstellten Angaben und Listen evangelischer Intellektueller, Künstler und Wissenschaftler doch in gewisser Hinsicht relativiert werden müßten.

In einer neuen „Sozialgeschichte Österreichs“ von Ernst Bruckmüller (Wien 1985) wurde weder für die Zeit der Toleranz noch nachher das Stichwort „Protestantismus“ erwähnt. Also war die Bedeutung auch auf einem anderen Gebiet der historischen Entwicklung so, daß ein gewissenhafter Chronist ohne Schwierigkeiten darüber hinweggehen kann.

Schließlich ist auch noch auf eine Untersuchung über das Bildungsbewußtsein der Evangelischen in Österreich zu verweisen, in der Ulli Trinks, Johannes Dan-tine und Robert Kissinger nachgewiesen haben, daß nichts darauf hindeutet, daß über einen schichtenspezifischen höheren Anteil von Protestanten an der Schulbildung hinaus je eine besondere evangelische Profilierung im Bereich des Bildungsbewußtseins gegeben war.

Auch an dieser Stelle heißt es also, von einer bisher fast als feststehend angenommenen Uberzeugung Abschied zu nehmen; die genannten Verfasser wiesen auch ausdrücklich auf ihre eigene Überraschung in diesem Zusammenhang hin.

Es gilt, nüchtern einigen Fakten ins Auge zu sehen. Ein erster Faktor ist der, daß der politische Aufschwung des habsburgischen Staates, der seit 1804 das Kaiserreich Österreich bildete, für sehr viele hochqualifizierte Persönlichkeiten zum Anlaß wurde, nach Österreich zu kommen. Unter diesen Immigranten war ein hoher Teil von Evangelischen.

Das hatte zur Folge, daß der Protestantismus als Ganzes, nach 1781 jedoch der österreichische insbesondere, in den Ruf kam, ein besonders guter Nährboden für geistige und kulturelle Fortschritte zu sein. Freilich waren nur wenige dieser ins Land gekommenen evangelischen Personen und Familien imstande, länger als zwei oder drei Generationen an ihrem mitgebrachten Bekenntnis festzuhalten. Durch Eheschließungen mit Katholiken vollzog sich der Ubergang zur Mehrheitskirche, wenn nicht eine Abwanderung oder ein Absinker. in weniger f ührende Schichten die Frage der Religionszugehörigkeit als unwichtig erscheinen ließ, wenigstens was den österreichischen Protestantismus und seine Position im geistigen oder öffentlichen Leben betraf.

Die massenweisen Judentaufen in der Zeit um die Jahrhundertwende bedeuteten, daß nicht wenige literarisch oder wissenschaftlich tätige Österreicher evangelisch wurden. Insgesamt muß aber festgestellt werden, daß diese Aufgenommenen zwar gelegentlich ein protestantisches, also vorwiegend antikatholisches Gefühl entwickelten, aber nur selten positive Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche gaben. Und seit dem Zweiten Weltkrieg sind auch jene persönlichen Beziehungen, die vordem evangelische Pfarrer zu Künstlern, Wissenschaftern und Intellektuellen hatten, fast in jenem Maße geschrumpft, als der Katholizismus für diesen Personenkreis wieder „salonfähig“ wurde.

Das alles ist zu bedenken, wenn man nach dem Anteil der Evangelischen an der geistigen Entwicklung Österreichs fragt. Er war sicher größer als es dem unmittelbaren Anteil an der Bevölkerung entsprach.

Gefragt wird sicher aus einer Abwehrstellung heraus. Es ging darum, deutlich zu zeigen, daß die österreichische Kultur und die geistige Entwicklung im Lande eben nicht so ausschließlich vom Katholizismus und seinem Geist geprägt waren, wie das auch die offizielle Geschichtsschreibung zuweilen behauptete und damit den Protestantismus als einen „dem österreichischen“ zutiefst wesensfremden Geist zu erweisen suchte. Dagegen wehrte man sich — wohl zu Recht. Dieses Fragen vermochte zur Stärkung eines protestantischen Elitebewußtseins für die Minderheit im Lande beizutragen. Daraus erwuchs durch einen nicht unbeträchtlichen Zeitraum die Identität eines erheblichen Teiles der Evangelischen in Österreich.

Man hat heute die Frage nach dem Selbstbewußtsein des evangelischen Österreichers und seiner Kirche anders zu beantworten, weil sie sich nicht mehr als Antwort auf katholische Alleinvertretungsansprüche zu ergeben braucht, weil sie auch von anderem als von einem einfachen An-tikatholizismus bestimmt werden kann.

Das bedeutet aber zum Beispiel auch, daß aus der Tatsache, daß eine bedeutende Persönlichkeit mehr oder weniger zufällig der evangelischen Kirche angehört, niemand mehr ein protestantisches Bewußtsein herholen wird; das ist doch ziemlich uninteressant geworden. Außerdem weiß man es von den allermeisten der gegenwärtig Lebenden gar nicht, ob und in welcher Kirche sie getauft wurden, oder ob sie überhaupt noch einer Kirche angehören.

Diese Kultur wird längst von anderen Faktoren denn durch eine Beziehung zum „christlichabendländischen Erbe“, oder wie man das immer ausdrücken möchte, bestimmt. Österreich ist

geistig alles andere als ein „katholisches“ Land. Gerade das kann aber doch herausfordern, tatsächlich jene Beiträge, die aus einer Verbundenheit mit dem Evangelium herrühren, zu schätzen und auf sie hinzuweisen.

Es ist doch so, daß derartige Beiträge, die aus einem biblisch-reformatorischen Menschenbild ersprießen, nicht wertlos, sondern als Literatur, Kunst oder wissenschaftliches Werk von besonderer Würde sind, weil sie einfach nicht den oberflächlich-optimistischen Zeitgeist in sich tragen. Es gibt evangelische Intellektuelle, Forscher und Künstler; und zwar auch solche, denen ihre kirchliche Zugehörigkeit mehr ist als ein Zufall. Warum fragt man nicht mehr nach ihnen? Warum geht man nicht auf sie zu?

Wenn geklagt wird, (übrigens weithin zu Recht), daß die „Diasporafähigkeit“ der österreichischen Protestanten nicht mehr gegeben ist, dann ist zwar damit zunächst ein unechtes Elite-Bewußtsein dahingegangen, aber auch die Bereitschaft, bestimmte Konsequenzen an der Tatsache zu tragen, einer Minderheit anzugehören. Dann wird in neuer Weise zu fragen sein, wie kann das Land und die Verkündigung dieser Kirche ihren Angehörigen (oder wenigstens einem erheblichen Teil derselben) das Erleben evangelischer Identität vermitteln? Wieweit ist man imstande, vom Bekenntnis ausgehend und nicht irgendeiner verwaschenen simplen „christlichen“ Ideologie folgend, zu sagen, zu zeigen und auch geistig fruchtbar zu machen, was „evangelisch sein“ bedeutet. Es geht darum, vom biblisch-reformatorischen Menschenbild aus das Gefühl der Verantwortung, der Freiheit und der Gewissenhaftigkeit zu vermitteln, das allein Grundlage evangelischer Identität sein kann.

Der Autor ist Superintendent des Burgenlandes.

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