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Provokation Polen

Die Aufregungen um den Jahrestag der Gründung der Solidar- nošč, den 31. August, sind abgeflaut, die westlichen Medien sind zur Tagesordnung übergegangen, ab und zu wird es einen Kommentar geben, ob Jaruzelski etwa stark, Lech Walesa abgetreten und die Kirche mächtig ist.

Mehrmalige Aufenthalte und eine längere Reise in Polen haben in mir den Eindruck verstärkt, daß wir überhaupt falsche Beurteilungen gegenüber diesem Land im Westen an den Tag legen. In einigen Punkten sei der Versuch unternommen, diese Irrtümer zusammenzufassen:

• Der Westen wartet ständig auf Sensationen, auf einen Generalstreik, den Aufstand, den Zusam-

menbruch des Regimes, die Erschießung Lech Walesas oder was es sonst noch gibt, um die müden Sinne aufzuwecken. Wir unterliegen hier dem Irrtum, daß es unbedingt immer Klarheit über Zielvorstellungen geben muß.

Der Westen fragt ständig, ob etwa die Solidarnošč oder andere Kräfte wollen, daß Polen aus dem Warschauer Pakt ausschert, wie das Wirtschaftssystem sein soll und ähnliches mehr. Die Polen wissen nur, daß sie dort nicht stehenbleiben können wo sie sind; daß der Warschauer Pakt ihre Wirklichkeit ist; daß sie es sich aber dennoch leisten können, westlich zu denken; daß das Problem nicht darin liegt, ein kapitalistisches Wirtschaftssystem zu haben oder Anleihen bei Jugoslawien zu nehmen, sondern solche Wirtschaftsstrukturen zu schaffen, die dem Land und seinen Menschen Zukunft geben.

• Der Westen ist der Meinung, daß der Kriegszustand beendet ist. Die Polen dagegen sagen, daß die neuen Gesetze das aufgehobene Kriegsrecht fortsetzen und man über deren Anwendung noch nicht Bescheid weiß. Die Amnestie ist keine vollständige und daher keine Rückkehr zum Zustand vor der Erklärung des Kriegszustandes, und der angekündigte gesellschaftliche Pluralismus ist mit PRON, dem Komitee zur nationalen Erneuerung — nicht garantiert. Die Aufhebung des Schriftstellerverbandes und die Einsetzung eines oktroyierten Vorstandes beim PEN-Club werden allen Erklärungen der Regierung Hohn lachen.

• Dem Westen gefällt es, Schicksale zu besiegeln. Von „L’Osservatore Romano“ bis zu allen betulichen Kommentaren ist Lech Walesa zu dem gestempelt worden, wozu ihn die Jaruzelski-Regierung gern machen möchte: zu einer Privatperson

„Der Westen muß die Lage in Polen neu beurteilen“, faßt Wiens Vizebürgermeister Erhard Busek seine Eindrücke einer Polen- Reise zusammen. Busek leitete eine Delegation der Wiener ÖVP, die im August das Land an der Weichsel mehrere Tage bereiste.

ohne Zukunft. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Lech Walesa ist zum Zeichen geworden, zum Zeichen der Hoffnung, der Auseinandersetzung und der Solidarität. Und dieses Zeichen steht über jedem Gespräch, denn jeder Regierungsvertreter kommt mindestens im vierten Satz auf die Person Walesas zu sprechen, um einem dann zu versichern, daß er völlig ohne Bedeutung sei. Es ist geradezu eine Ironie, wenn die polnischen Medien ständig seine Stellungnahmen referieren, um dann dazu ihre Kritiken abgeben zu können.

Imponierend ist ein Mann, der sich mit seiner Rolle abgefunden hat, dem es nicht darum geht, Sieger zu sein, sondern der weiß, daß er zu einem Symbol geworden ist und dennoch dabei das Maß behält.

• Wir haben uns im Westen daran gewöhnt, von der polnischen Wirtschaft zu reden und meinen damit nicht nur die Wirtschaftszustände, sondern auch die Schlamperei und das Nichtfunk- tionieren. Aber auch hier gibt es einen doppelten Boden.

Der Zloty ist zwar die offizielle Währung, aber in Dollar ist alles zu haben. Es sind zwar viele Dinge nicht zu kaufen, aber die meisten wissen einen Weg, sie sich zu beschaffen. Die Industrie wurde mit großen Mitteln aufgepumpt, aber die im Schatten blühenden „Polo- ninjo-Firmen“, die mit Privatkapital im Ausland kooperieren, blühen in Wirklichkeit. Man muß sich zwar immer noch anstellen, aber es gibt eine gewisse wirtschaftliche Besserung, wozu nicht zuletzt die kräftige Hilfe der Polen aus dem Westen beigetragen hat.

• Wir glauben immer, daß der Erfolg der polnischen Kirche darin liegt, daß sie eine alte traditionelle Kirche sei. Die fürstliche Figur des verstorbenen Primas Wyszinski mag zu diesem Bild beigetragen haben, das überhaupt nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. In Polen ist die Kirche lebendig auf allen Ebenen. Sie ist der bestimmende geistige und kulturelle Faktor, sie ist Sozialeinrichtung und Arbeitsamt, Ge

schichtslehrerin und Ort der Sicherheit.

, Es ist eine Kirche, die zwar über viele Geistliche verfügt, aber eigentlich von Laien getragen wird, die die Probleme der innerkirchlichen Demokratie nicht hat, weil hier ein jeder weiß, was seine Aufgabe ist und wie er seinen Dienst zu erfüllen hat. Es gibt zwar eine Kritik an Primas Glemp, aber diese gilt nicht dem Prinzip, sondern nur der Art der Ausführungen. Und vor allem ist es eine Kirche, die der Versuchung widersteht, sich als ein Dialogpartner der Jaruzelski-Regierung aufzuspielen. Sie will nur Mittlerin sein, wobei sie sich dessen bewußt ist, daß sich das Volk erst finden muß, entweder durch die Solidarnošč oder andere Organisationsformen, über die die Intelligenz in der katholischen Kirche intensiv nachdenkt.

Polen ist eigentlich eine Provokation für uns. Wir sollten stolz darauf sein, daß wir Freiheit halben und machen doch so wenig Gebrauch davon. Den Polen wieder ist sie vom politischen System verweigert, sie nehmen sie sich aber und wissen etwas damit anzufangen. Wir haben die Möglichkeit eines intensiven geistigen Lebens und die Chance zu internationalen Kontakten. Das polnische Geistesleben aber ist offener als in anderen westeuropäischen Staaten, der Lebendigkeit des Geistes wird eine Chance eingeräumt, weil man dort weiß, daß ohne Geist jedes Leben erstickt.

Die Polen haben zwar keine Hoffnung, aber sie leben sie, nicht nur weil sie eine jahrhundertelange historische Perspektive haben, sondern auch darum wissen, daß die Zukunft durch Handeln plötzlich eine andere Qualität haben kann. Mag uns manches von außen romantisch erscheinen, als eine Flucht aus der Wirklichkeit, so ist es gleichzeitig das überzeugendste „sperare contra spem“ — Hoffen gegen die Hoffnung — das ich als politische Manifestation erlebt habe, abgesehen davon, daß einem provokative Fragen nach unserem Verständnis vom politischen Engagement, ausgeübter Freiheit und Verantwortung für den Nächsten guttun.

Wenn wir uns in diesen Tagen gerade um den Frieden Sorgen machen, müßten wir ihn eigentlich auch in der Nachbarschaft suchen. Haben wir alles getan, daß Frieden auch für unsere Nachbarn möglich wird? Ich glaube nicht, denn es sollte uns Österreicher eigentlich belasten, daß ein polnischer Papst nach Wien hat kommen müssen, damit wir das ganze Europa am Heldenplatz wieder ent decken.

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