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Prüfungsmüh(l)en statt Praxisnähe

Über die Bedeutung einer hohen Qualifikation der Arbeitskräfte für die Wirtschaftsentwicklung kann es keine Diskussion geben. Schon die industrielle Revolution vermochte sich nur in jenen Ländern zu vollziehen, in welchen - neben anderen Voraussetzungen - ein ausreichend qualifiziertes Arbeitskräfteangebot vorhanden war. Wie sehr dessen Bedeutung schon damals erkannt wurde, ist daraus ersichtlich, daß viele Staaten durch hohe Löhne und zusätzliche Privilegien um diese Arbeitskräfte konkurrierten. Auch das Geheimnis des rasanten europäischen Wiederaufbaus nach 1945 geht, sieht man von der amerikanischen Hilfe ab, darauf zurück, daß hier ein großer Stock hochqualifizierter Arbeitskräfte existierte. Auf der anderen Seite kann man beobachten, daß selbst ein viele Jahrzehnte fließender Strom von Geld- und Sachkapital in manchen Entwicklungsländern keine sonderlichen Wirkungen zeitigte, weil das ausgebildete und disziplinierte Arbeitspotential fehlte, wogegen andere Regionen eben durch dessen Vorhandensein in einen stürmischen Wachstumsprozeß eingetreten sind. Und die Existenz einer großen Zahl relativ gut ausgebildeter Fachleute repräsentiert heute das größte Kapital der von Krisen geschüttelten Volkswirtschaften des Ostens.

Die Wirtschaftstheorie wandte sich Anfang der sechziger Jahreden Problemendes „humancapital" zu, und die Ergebnisse dieser Forschung führten zu wirtschafts-sowie bildungspolitischen Aktivitäten, die unter dem Schlagwort der „Bildungsexplosion" firmierten. Freilich trat in der Diskussion dieser Frage erstmals nach dem Krieg im Westen ein Phänomen hervor, welchem man in der Folge immer häufiger begegnen sollte: der Tendenz zu hysterischer Übertreibung! Insbesondere ein deutscher Professor machte mit seiner Behauptung Furore, selbst die größte Bildungsanstrengung käme zu spät, um dem Bedarf der Wirtschaft gerecht werden zu können. Und so wurden ungeheure Mittel in den Ausbau der Universitäten investier! und der Zugang zu ihnen erleichtert. Das Resultat war tatsächlich eine Bildungsexplosion, die sich aber keineswegs auf die von der Wirtschaft benötigten Kräfte beschränkte, sondern eine gewaltige Zunahme jener Studienabschlüsse vom Lehrer bis zum Politologen, die heute größte Schwierigkeiten haben, einen adäquaten Arbeitsplatz zu finden.

Dazu gesellt sich aber in Österreich wie auch in manchen anderen Ländern ein weiteres Problem, nämlich jenes der Überausbildung. Die relativ starren, zunftähnlichen Strukturen des österreichischen Berufslebens bringen es mit sich, daß qualifizierte Arbeitskräfte eine nicht enden wollende Kette von Prüfungen zu passieren haben. Nun sollen Prüfungen nicht grundsätzlich in Frage gestellt und beispielsweise dem angelsächsischen System völliger Gewerbefreiheit das Wort geredet werden. Prüfungen schützen sowohl den Konsumenten, wie sie für den Arbeitgeber eine Erleichterung darstellen, aber die österreichische Praxis - und etwa auch die französische - geht entschieden zu weit. So erhält ein Jurist heute an der Universität eine ausgezeichnete Ausbildung, deren Erfolg er durch entsprechende Prüfungen nachzuweisen hat. Erlangt er auch noch ein Doktorat, dann muß er über einen größeren Stoffbereich des Studiums abermals Prüfungen ablegen und eine Dissertation schreiben. Tritt er nun in einen Beruf ein, dann kann es ihm passieren, daß er über denselben Stoff ein drittes Mal geprüft wird, sei es durch die Verwaltungsprüfung im öffentlichen Dienst, sei es durch die Rechtsanwaltsprüfung oder ähnliches. Nun kann man gewiß sagen, es werde jeweils ein Teil des juristischen Wissens intensiver verarbeitet, doch äußert sich darin eine völlig unökonomische Betrachtungsweise: hier werden Arbeitszeit und Mittel für eine Verbesserung aufgewandt, die gegen Null tendiert. Denn niemand wird sagen können, daß diese Arbeitskräfte ihren Beruf nicht auch durch die Praxis ebenso gut erlernt hätten.

An diesem Beispiel dokumentieren sich zwei typische Schwächen des österreichischen Bildungssystems: die Überschätzung der formalen Ausbildung und die Unterschätzung des „on the job training". Beide hängen zusammen. Dem angeführten Beispiel ist zu entnehmen, daß das Hauptgewicht der Ausbildung auf die Berufseintrittskenntnisse gelegt wird. Relevant wird jedoch immer mehr die „edu-cation permanente", also die ständige, berufsbegleitende Ausbildung. Wenn eine Berufsgruppe oder ein Betrieb etwas für die Qualifikation seiner Angehörigen tun will, dann sollte er dafür sorgen, daß die Möglichkeit geschaffen wird, immer wieder Phasen der Ausbildung im Laufe des Berufslebens zwischen die Arbeit zu schalten.

Die Ablehnung der praktischen Ausbildung im Beruf führt - abgesehen von den Kosten der überflüssigen Eintrittsausbildung - zu der illusionären Erwartung, jene Arbeitskräfte auf dem Markt zu finden, welche den spezifischen Anforderungen des eigenen Betriebes entsprechen. Keine Ausbildung kann - und soll auch gar nicht - so detailliert sein, daß sie diese Wünsche befriedigen vermöchte. Die in den letzten Jahren immer wieder hörbare Klage über den „Mangel an Fachkräften" resultiert genau aus diesem Mißverständnis. Zwar sind in den beiden letzten Jahren generell die Arbeitskräfte auf dem Arbeitsmarkt in Österreich knapper geworden, aber jenes Angebot an Facharbeitern über das geklagt wird, hat es sicherlich nie gegeben!

Die Ausbildungsbemühungen des kommenden Jahrzehnts werden daher ganz allgemein unter diesen Aspekten zu sehen sein: sie müssen die Flexibilität der Arbeitskräfte sicherstellen, ihnen ein allgemeines Basiswissen vermitteln, auf welchem die speziellen Kenntnisse aufgebaut werden können. Diese aber werden wohl in erster Linie durch den einzelnen Betrieb - oder durch eine von diesem bereitgestellte Spezialausbildung - zustande kommen. Alle Arbeitskräfte werden aber verhalten sein müssen, ihre Kenntnisse permanent zu überprüfen und zu verbessern!

Der Autor ist stellvertretender Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) in Wien.

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