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Psychiater für Psychopathen spielen

FURCHE: Sind Sie der Ansicht, daß ein internationaler Gerichtshof über die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien urteilen sollte?

MILO DOR: Na sicher, es gibt zwar Gerichte, sowohl in Serbien als auch in Kroatien, aber die drücken ein Auge zu, beide Seiten. Ich habe genug davon, daß die Serben über die Kroaten schimpfen und die Kroaten über die Serben. Es sollte jeder von seiner eigenen Schande sprechen, die eigene Schuld eingestehen.

FURCHE: Wie sehen Sie die Kritik an der sogenannten österreichischen und deutschen Anerkennungspolitik?

DOR: Ich finde die Politik des österreichischen und deutschen Außenministers ungeschickt und nicht differenziert genug. Man hätte beim Ausbruch der Konflikte, die zuerst verbal waren, in einem beruhigenden Sinne eingreifen sollen, man hätte auf den Dialog beharren müssen. Man hätte mit mehr Fingerspitzengefühl und mehr Kenntnis der lokalen Gegebenheiten agieren sollen. So hat man Öl ins Feuer gegossen.

Dagegen hätte man Bosnien früher anerkennen sollen und die Parteien dazu zwingen, miteinander zu verhandeln. Wie Karacic in einem Interview mit einer Belgrader Zeitung sagte, hätten Vance und Owen ein leichtes Spiel mit uns, aber wir alle sind nicht normal. Man hätte also bei der Außenpolitik Deutschlands und Österreichs berücksichtigen müssen, daß man mit nicht normalen Leuten reden muß, sondern Psychiater für Psychopathen spielen muß.

FURCHE: Aber es gibt doch auch eine Opposition.

DOR: Die Jugend hat gegen das Regime votiert, weil es über 100.000

Deserteure gibt, die nicht vor Gericht gestellt werden können, weil es so viele sind. Die demokratische Partei hat sogar vorgeschlagen, daß diese Menschen amnestiert werden. Die anderen waren dagegen, weil so viele gefallen sind im Krieg, man sagt aber nicht in welchem Krieg. Jeder redet von Verteidigungskrieg, und führt einen offensiven Eroberungskrieg.

FURCHE: Aber Tudjmann wurde doch demokratisch wiedergewählt?

DOR: Ja weil er davon lebt; solang Milosevic da ist,

reichische, beziehungsweise eine europäische Politik ausschauen?

DOR: Sie müßte mit derOpposition rechnen, sie müßte zum Beispiel Milan Panic, der am Anfang eine lächerliche Figur war, stark unterstützen, weil er der einzige ist, der die Opposition vereinigen kann. Man muß die Demokraten unterstützen.

FURCHE: Sie halten also einen militärischen Einsatz nicht für sinnvoll?

DOR: Was ich davon halte, weiß ich nicht, aber die Militärs sind dagegen, weil sie das ganze realistischer

wird Tudjmann wieder gewählt. Beide, Kroatien und Serbien, sind keine demokratischen Staaten. Man kann von einem faschistoiden Staat sprechen in Kroatien und einem nationalsozialistisch gefärbten Land in Serbien.

FURCHE: Wie glauben Sie, müßte in der gegebenen Situation eine öster-

betrachten als die Politiker. Auch Milosevic weiß, daß es in diesem Krieg weder Sieger noch Besiegte, sondern nur Besiegte gegen wird. Die Nationalisten führen ihre Völker in den Selbstmord so wie Hitler. Ein echter Patriot überlegt j a, was er tun soll im Interesse seines Volkes. Aber auch in Kroatien gibt es Kräfte, die vernünftig denken,

und die müßte man unterstützen.

ROBERT SCHINDEL: Durch die Anerkennung von Bosnien-Herzegowina ist es ja eigentlich zum Bürgerkrieg gekommen. Da haben sie dann versucht mit der Kantonalisierung ihre Stücke herauszureißen. Hätte man das nicht anerkannt und Makedonien nicht anerkannt und diese Länder unter internationalem Druck gezwungen, daß diese Parteien eine Verfassung aushandeln, dann hätte es vielleicht keinen Bürgerkrieg gegeben?

DOR: Bosnien ist unmöglich zu teilen, die Kantonisierung ist nicht möglich. Der brutale Versuch, das mit ethnischen Säuberungen zu machen, ist ein internationales Verbrechen.

SCHINDEL: Ist der Bestand Bosnien-Herzegowinas, das nie ein eigener Staat war, die vielen Toten wert?

DOR: Die einzige Lösung wäre gewesen, Bosnien als demokratischen Staat anzuerkennen. Durch die rasche Teilung haben die westlichen Staaten eigentlich den Krieg in Bosnien mit verursacht. Nach diesen vielen Verbrechen, die dort begangen worden sind, ist der Friede dort auf Jahrzehnte nicht mehr möglich.

FURCHE: Und wie sieht jetzt die Situation für den Kosovo aus?

DOR: Die Albaner verhalten sich ruhig. Was ich von den Serben erwarte, ist das Eingeständnis ihrer eigenen Schuld. Für mich sind die bürgerlichen Freiheiten und die Menschenrechte viel wichtiger als die Frage der Grenzen. Es geht um den Inhalt dieser Staaten und es wäre die Aufgabe der westlichen Mächte gewesen, ihnen die Idee von einem Inhalt zu geben.

Das Gespräch mit Professor Milo Dor und Robert Schindel führte Harald Klauhs.

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