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Psychologie kann auch Trost spenden

1945 1960 1980 2000 2020

Österreich ist das sechste Land, in dem ein Logothe- rapie-lnstitut, das nach der Methode des bekannten Wiener Neurologen Viktor Frankl arbeitet, seine Tätigkeit aufnimmt. Der folgende Beitrag - ein Auszug aus der Festrede anläßlich der Institutseröffnung - kennzeichnet einige wesentliche Aspekte der Logotherapie.

1945 1960 1980 2000 2020

Österreich ist das sechste Land, in dem ein Logothe- rapie-lnstitut, das nach der Methode des bekannten Wiener Neurologen Viktor Frankl arbeitet, seine Tätigkeit aufnimmt. Der folgende Beitrag - ein Auszug aus der Festrede anläßlich der Institutseröffnung - kennzeichnet einige wesentliche Aspekte der Logotherapie.

Wir alle wissen, daß sich die Tiefenpsychologie in einem langen und unermüdlichen Forschungsprozeß bemüht hat, die wahre Natur des Menschen bloßzulegen, ja auch jede kleinste seiner seelischen Regungen zu deuten, und daß sie tatsächlich vieles aufdecken und erklären konnte, was bis dahin ein Rätsel gewesen war. Dennoch blieb ein unerklärlicher Rest übrig, einer - weißen Flecken auf der Landkarte gleich —, der sich dem tiefenpsychologischen Zugriff entzieht. Eine Grenzschwelle, die mit den Erkenntnissen der Triebdynamik allein nicht überschritten werden kann, weil jenseits von ihr ein anderer Maßstab gilt als der von Bedürfnis und Befriedigung.

Es war das unbestreitbare Verdienst der Logotherapie, zu zei-

gen, daß es dem Menschen auf geistigem Niveau nicht mehr vorrangig um die Befriedigung von Bedürfnissen geht, sondern vielmehr um die Wahrnehmung von Aufgaben, um die Erreichung von selbstgesteckten Zielen, um die Verwirklichung von Werten, kurz um die Erfüllung von so etwas wie einem persönlichen Lebenssinn, und daß er, um diesem „Willen zum Sinn“ (Frankl) zu folgen, sogar auf Bedürfnisbefriedigung jedweder Art zu verzichten bereit ist.

Das große Werk der Tiefenpsychologie ist weitergeführt, ergänzt und überarbeitet worden durch das Werk der „Höhenpsychologie“, wie die Logotherapie gerne genannt wird, und wenn wir heute imstande sind, ein Bild des Menschen zu skizzieren, das annähernd wirklichkeitsgetreu ist, und wenn wir dementsprechend Hilfen für Korrekturen anbieten können, die überall dort vonnöten sind, wo menschliches Dasein vom Bild seinerselbst in krankhafter Weise abweicht, dann müssen wir beiden danken: der Tiefenpsychologie dafür, daß sie die Psyche des Menschen bis an ihre Grenze ausgeleuchtet hat, und der „Höhenpsychologie“ dafür, daß sie selbst jene Grenze noch aufzubrechen vermochte mit dem Nachweis, daß Menschsein immer zugleich auch schon über die psychologische Dimension hinausreicht in eine geistige Dimension.

Ein Beispiel für ein psychologisches Problem, hinsichtlich dessen wir ohne logotherapeutische Kenntnisse nicht mehr auskom- mėn, ist das Problem der Hyperreflexion. Der Arzt, Berater und Seelsorger kennt es zur Genüge, und nichts fürchtet er bei seinen Schützlingen mehr als dies, denn die Hyperreflexion macht aus jeder Mücke den berühmten Elefanten und läßt den Patienten niemals zur Ruhe kommen und niemals mit etwas zufrieden sein.

So klein die Sorgen auch sein mögen, die er hat, durch sein ständiges gedankliches Kreisen um sie bauscht er sie auf zu einer überdimensionalen, riesigen Last, unter deren Gewicht er schließlich zusammenbricht. Hyperreflexion könnte man daher definieren als das Wichtignehmen einer unangenehmen Sache, die es gar nicht lohnt, wichtig genommen zu werden, oder als eine gedankliche Fixierung an einen an sich bedeutungslosen negativen Inhalt, der nur durch diese Fixierung allein immer mehr und immer negativere Bedeutung erhält.

Da stellt sich die Frage, wie denn da therapeutisch geholfen werden kann, wenn doch jeder Kummer, der, vielleicht unter großem therapeutischen Aufwand, endlich verringert worden ist, durch die Neigung des Patienten, ihn zu hyperreflektieren, neuerlich massiv vergrößert wird? Wer sprengt den circulus vitiosus?

Nun, der Logotherapeut hat ein Instrument zur Hand, das er von allem Anfang an gezielt einsetzt, um der unglücklichen Hyperreflexionstendenz entgegenzuwirken: die sogenannte Methode der

Dereflexion. Dabei geht es kurzgefaßt darum, die Aufmerksamkeit des Patienten in genau dosiertem Maße auf einen anderen Inhalt aus dessen Leben zu lenken, der so positiv, wichtig und sinnvoll ist, daß der Patient von seinem hyperreflektierten Kummer vorübergehend ablassen kann, woraufhin dieser, eine gewisse Zeit lang unbeachtet, in sich zusammenschrumpft und mitunter sogar ganz verschwindet.

Und damit kommen wir gleich zum nächsten weißen Fleck auf der psychologischen Landkarte, der sich der Seelenheilkunde lange entzog, bis er von der „Höhenpsychologie“ erobert wurde, nämlich dem Drama um die Egozentrierung des modernen Menschen. Der Hyperreflexion verfallen kann eigentlich nur jemand, der sich dauernd mit sich selbst beschäftigt.

Und wer sich dauernd mit sich selbst beschäftigt, der findet auch sonst kein Glück, denn Glück ist stets an eine Spur von Selbstvergessenheit gebunden, an ein Uber-sich-selbst-Hinauslangen, etwa im erfüllten Schaffen, in der Hingabe an eine Liebe, im Dasein für etwas oder für jemanden, aber nicht bloß für sich selbst. Dieses Konzept der „Selbst-Transzendenz“, also der geistigen Fähigkeit des Menschen, über sich selbst hinauswachsen zu können, wurde erstmalig in der Logotherapie formuliert, und zwar lange schon, bevor das Konzept von der Selbstverwirklichung ihre Runde um die Welt machte und manches Mißverständnis heraufbeschworen hat.

Heute ist das Selbstverwirklichungskonzept mehr als fragwürdig geworden, was die Kollegen und Kolleginnen bestätigen werden, die wie ich in der Beratungsarbeit stehen und mit einem ebenfalls „chronisch Kranken“ zu tun haben, nämlich mit der Familie. Wieviel Streben nach Selbstverwirklichung hat vor dem Scheidungsrichter geendet, wieviel krampfhafte Betonung der Eigeninteressen hat zur Liebesunfähig- keit geführt, wie viele Familienzusammenbrüche gehen auf das Konto einer psychologisch untermauerten, übersteigerten Emanzipationsbewegung, wie viele Kinder — und da kann uns angst und bange werden — haben gelitten unter dem unreifen Egoismus ihrer Eltern, denen zwar beigebracht wurde, sich von ihren sexuellen Hemmungen zu befreien, aber nicht beigebracht wurde, Verantwortung zu tragen.

Ohne die Rückkehr zum logo- therapeutischen Konzept der Selbst-Transzendenz, ohne das Wissen um ein Füreinander-Da- sein ist die Familie nicht zu heilen und nicht zu retten! Und schon

Trostbedürftig sind nicht nur Kinder.

mehren sich die Anzeichen, daß es allerhöchste Zeit wird für, ein Umdenken, soll der Bestand der westlichen Kultur auf kommende Generationen übergehen.

Die Psychotherapie hat sich ja lange Zeit geweigert, für echte Notfälle und Schicksalsschläge überhaupt zuständig zu sein, sie wollte sich nie als Trostspenderin verstehen und diesen Wirkungskreis lieber den Priestern überlassen, die diesbezüglich auf eine jahrhundertealte Erfahrung zurückblicken.

Dadurch kommt es, daß die Wissenschaft der Psychologie bis heute keine Ahnung hat, wie man tröstet; das menschlichste aller menschlichen Phänomene, die berechtigte Sorge, die begründete Trauer, hat sie bloß als seelische Disharmoniefaktoren betrachtet, die es „aufzuarbeften“ gilt, aber sie hat sie nie als objektive Tatbestände akzeptiert, die zum menschlichen Dasein unausweichlich dazugehören und psychologisch mitgetragen werden müssen.

Hätten wir nicht das logotherapeutische Konzept der „ärztlichen Seelsorge“, das sich mit der „tragischen Trias“ von Leid, Schuld und Tod auseinandersetzt, dann hätten wir all jenen Ratsuchenden gegenüber, die ein heftiger Schicksalssturm in unsere Praxis hereinweht, leere Hände, und das wäre bei dem gegenwärtigen Trend, der von den Beichtstühlen weg zu den therapeutischen Zentren führt, katastrophal.

Die Angst- und Zwangsneurosen mögen kompliziert zu heilen sein, aber immerhin sind sie heilbar; ein unabänderliches Leiden dagegen, eine nicht wiedergutzumachende Schuld oder der nahende Tod sind nicht heilbar, sie sind nur bewältigbar, und auch das fällt unendlich schwer. Und doch gibt es eine Freiheit, eine einzige Freiheit, die wir auch solchen Gegebenheiten gegenüber noch besitzen bis zu unserem letzten Atemzug, und das ist die Freiheit unserer geistigen Einstellung. Wie wir uns zum Schicksalhaften einstellen, bleibt unsere ureigenste Sache.

Die Logotherapie hat nun diese letzte Freiheit noch aufgegriffen, um sie für ihre Patienten verfügbar zu machen und es ihnen zu ermöglichen, sich mit ihrem Schicksal auszusöhnen. Damit aber steht sie allein da auf weiter Flur, denn ein ähnlicher Versuch ist noch niemals von einer anderen psychologischen Richtung gewagt worden.

(Foto Petri)

Dazu ein Beispiel: Ein Schweizer Ehepaar kam extra zu mir nach München gefahren. Sie waren bereits bei sechs Schweizer Psychiatern gewesen ohne Erfolg. Das Ehepaar hatte vor einem Jahr den einzigen Sohn und Hoferben durch einen Autounfall verloren, und seitdem war der Mann in völliger Passivität versunken, ließ den Hof verkommen, sprach mit niemandem und äußerte nur gelegentlich, daß sowieso alles keinen Sinn mehr habe und er sich am liebsten eine Kugel in den Kopf jagen würde.

Der Mann saß nun mit unbeweglicher Miene teilnahmslos bei mir am Tisch. Ich wußte, es gab nichts, das ihn erreichen würde, außer einem, und deswegen fragte ich ihn: „Sagen Sie, wenn Sie noch etwas für Ihren Sohn tun könnten, wären Sie dazu bereit?“ Der Mann blickte auf und nickte: „Ich würde alles für ihn tun“, antwortete er.

„Es gibt etwas“, fuhr ich fort, „das niemand anderer für ihn tun kann als Sie. Bisher ist dem Tod Ihres Sohnes nur Unglück entsprungen: Sie sind krank vor

Schmerz, der Hof verwahrlost, Ihre Frau ist verzweifelt… Alles Gute, das Ihr Sohn im Leben schaffen wollte, ist durch seinen Tod gestoppt worden — es sei denn, auch seinem Tod würde noch etwas Gutes entspringen, etwas, das sein Leben und Sterben rückwirkend sinnvoll macht.

Aber er ist darauf angewiesen, daß ein anderer dieses Gute für ihn fortführt, sein Vater zum Beispiel …"

Die Augen des Mannes wurden feucht. „Wie kann Gutes aus seinem Tod entspringen?“ flüsterte er. Aber darauf mußte er selbst die Antwort finden, ich konnte ihm nur die Richtung weisen. Ich sagte: „Angenommen, Sie würden Ihr Land wieder zum Blühen bringen und Ihr Haus für Wanderer und Bedürftige öffnen. Jedem, der verwundert fragt, woher sie Ihre Barmherzigkeit nehmen, könnten Sie entgegnen: aus dem Andenken an meinen Sohn. Er ist jung von uns gegangen, doch ich möchte, daß viele Menschen mit Freude und Dankbarkeit seiner gedenken.“

Bei diesen meinen Worten beugte der Mann den Kopf in seine Hände und weinte eine halbe Stunde lang bitterlich, zum ersten Mal seit einem Jahr. Dann stand er auf und half seiner Frau in den Mantel. „Laß uns nach Hause fahren“, sagte er zu ihr, „wir haben viel versäumt… “ Der Mann war dem Leben zurückgegeben.

Ich habe in komprimierter Form einige Problemkreise dargestellt, denen gegenüber wir ohne die Erkenntnisse und ohne das Methodenrepertoire der „Höhenpsychologie“ machtlos sind, weil es sich nämlich um Probleme handelt, bei denen die geistige Einstellung des Menschen das ‘letzte, das entscheidende Wort spricht.

Die Logotherapie hat für diese Probleme Lösungsmöglichkeit^n parat, denn sie hat, wie keine Psychologie zuvor, den Zugang gefunden zum innersten Zentrum aller geistigen Einstellungen des Menschen überhaupt, zu seinem „Willen zum Sinn“.

Die Autorin leitet das Logotherapie-Institut in München und ist die Präsidentin des von 16. bis 19. Juni in Regensburg stattfindenden Weltkongresses für Logotherapie. Das Wiener Institut (Lainzer Straße 50) wird von Dr. med. Eva Kozdera geleitet.

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