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Quint-Essenz: Kind, Kegel und Co.

Quint-Essenz

Buben in Röcken

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Eine Fortbildung. In der Pause erzählt ein Kollege, dass sein Bub jüngst einen Rock in den Kindergarten anziehen wollte. Selbstverständlich hatte er es ihm erlaubt. Jede andere Reaktion würde der Entwicklung seines Kindes schaden. Die anderen Teilnehmer nicken. Zustimmend. Auch ich. Der Dozent erwähnt, dass auch sein Sohn vor Jahren ein Kleid getragen hätte. Er erzählt es mit einer Leichtigkeit, als wäre es darum gegangen, einmal eine schwarze statt einer blauen Jeans zu tragen.

Es zerreißt mich. Einerseits gebe ich Judith Butler zu 100 Prozent recht mit ihrer Analyse, dass
„Geschlecht“ und Rollenbilder gesellschaftlich konstruiert sind. Andererseits bete ich, dass mein Sohn keinen Rock anziehen will. Die Erste, die seinen Aufzug zu Gesicht bekäme, wäre die Verkäuferin in der Bäckerei nebenan. Manchmal kaufe ich morgens zwei Croissants. Jedes Mal sagt sie: „Verwöhnen Sie heute ihre Männer?“ Dass die süßen Dinger für mich sind und der große Mann dem kleinen gerade Bio-Müsli anrührt, würde ihr Weltbild zerstören.

Was sagen die Leut? Wurscht ist mir das nicht. Mein Mann behauptet, dies käme davon, weil ich auf dem Land aufgewachsen bin. 800 Einwohner zählt das Dorf. Jeder kennt jeden. Dass man sich der Gruppe anpassen muss, wussten ja schon unsere Vorfahren in der Höhle. Außenseiter holte der Säbelzahntiger.

Als Löwenmutter werfe ich mein Kind niemandem zum Fraß vor. Deshalb werde ich stark sein, wenn der Bub den Wunsch mit dem Rock äußern sollte. Zunächst kaufe ich einen. Mit Glitzersteinen und Feenmotiv. Damit gehen wir dann los – um den Säbelzahntiger zu bekämpfen. Es wird Zeit, die Geister meiner Dorf-Vergangenheit zu vertreiben.