Der Feind in meinem Bett

1945 1960 1980 2000 2020

Bärenhöhlen, Räuberbanden und ein Deutschland-Stammtisch im Wien. Über Glück, feindselige Liebe und ein Leben im Zauberwald.

1945 1960 1980 2000 2020

Bärenhöhlen, Räuberbanden und ein Deutschland-Stammtisch im Wien. Über Glück, feindselige Liebe und ein Leben im Zauberwald.

Als ich nach Wien kam, hatte ich so eine Art Stammtisch. Genau genommen hieß er „Deutschland-Stammtisch“. Wir waren rund acht Frauen, die ursprünglich aus Deutschland stammten und sich regelmäßig auf ein, zwei Gläser Wein trafen.

Uns verband vor allem die Erfahrung, Deutsche in Österreich zu sein. Besser gesagt die Erkenntnis, dass alle auf einem herumhacken dürfen. Für die links Gesottenen sind wir keine echten Ausländer, und daher ist es für sie unproblematisch und politisch korrekt, über Wörter wie „lecker“ oder „Tüte“ abzulästern. Die Konservativen mögen uns nicht, weil es eben Tradition hat, Deutsche nicht zu mögen.

Das ist wie bei Lindgrens Ronja Räubertochter. Der wird auch eingebläut, die Borka-Bande missbilligen zu müssen, Birk zu meiden. Obwohl die Borkas auch Räuber sind. Oder vielleicht gerade deshalb.

Jedenfalls hat sich dieser „Deutschland-Stammtisch“ in Luft aufgelöst. Sämtliche deutsche Frauen sind mit ihren deutschen Männern wieder abgedampft. Bis auf Sarah und mich. Wir blieben zurück bei den Wilddruden und Rumpelwichten im Zauberwald.

Zu den Weggezogenen brach der Kontakt irgendwann ab. Die Basis - also der gemeinsame Feind - fehlte einfach. Der Feind liegt ohnehin mittlerweile in meinem Bett. Und in Sarahs auch. Wir haben beide Wiener geheiratet und mit ihnen Familien gegründet.

Wir haben uns in die Hände Borkas begeben – oder in der Bärenhöhle Unterschlupf gefunden. Wie man es nimmt.

„War es nicht sonderbar, dass so wenig so glücklich machen konnte?“, habe ich jüngst meinem Kind aus „Ronja Räubertochter“ vorgelesen. Astrid Lindgren sollte zur Pflichtlektüre für Hiesige und Zugezogene werden. Dann bräuchte es keine zweifelhaften Stammtische mehr.

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