Es geht dir gut! Aus die Maus.

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Unaufrichtigkeit ist eine Tugend, sagt Brigitte Quint. Über den Kitt in der Gesellschaft.

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Unaufrichtigkeit ist eine Tugend, sagt Brigitte Quint. Über den Kitt in der Gesellschaft.

Ich habe mit einer Mutter aus der Schule meines Kindes denselben Abholrhythmus. Grundsätzlich mag ich diese Frau. Doch jedes Mal, wenn ich sie frage, wie es ihr geht, beginnt sie über ihren Mann herzuziehen. Dieser scheint faul, gefühlskalt und kognitiv beschränkt zu sein. Das sagt sie nicht direkt, aber darauf läuft es hinaus.

„Wie geht‘s dir?“ – „Gut und selbst?“ – „Ja, auch gut, danke.“ Unsere Konversation in der Schulaula sollte genau so verlaufen. Aus die Maus. Ich möchte höflich sein, aber ansonsten meine Ruhe haben. Mir ist es wurscht, ob sie einen Vollidioten zuhause sitzen hat. Also ihrer Meinung nach. Ich habe keine Meinung zu ihm. Mein Fall wäre er nicht. Aber ich habe auch keine Kinder von ihm ausgetragen.

Was kann ich tun, damit diese Mutter checkt, dass mein „Wie geht’s dir?“ eine Phrase ist? Auf diese Frage antwortet man nicht ehrlich. Man macht gute Miene zum bösen Spiel, überspielt das Päckchen, das man zu tragen hat. Allen voran, wenn sie von einer Bekannten zwischen Tür und Angel gestellt wird.

Das ist eine Handlungsmaxime, an die es sich zu halten gilt. Nur so funktioniert Gesellschaft. Das hat schon der Soziologe Émile Durkheim festgestellt. Unser Zusammenleben besteht aus Verhaltensmaßregeln, die wir von klein auf akzeptieren. Ansonsten würden wir alle durchdrehen. So lautet meine Interpretation.

Wie ich auf die unerwünschte Offenheit reagiere? Indem ich kurz so tue, als würde ich die Mutter bemitleiden, um dann schnellstmöglich das Thema zu wechseln. Mein Mann rät mir ja, ihr zu raten, den Typen in den Wind zu schießen, abzuschießen. Was er natürlich nicht ernst meint. Er schätzt es, dass ich weiß, wann es angebracht ist, unaufrichtig zu sein.

Lesen Sie auch die Quint-Essenz "Grüß Gott, Sie Flegel" oder "Perfidie der Gegenwart".

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