Flüchtlingskrise: Kind ertrunken

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Manche Nachrichten sind schwer auszuhalten. Sie lassen einen hilflos zurück. Wie damit umgehen? Eine Kolumne über Sprachlosigkeit.

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Manche Nachrichten sind schwer auszuhalten. Sie lassen einen hilflos zurück. Wie damit umgehen? Eine Kolumne über Sprachlosigkeit.

Am Ende der Sendung hatte ich mich gefragt, ob ich mir die Meldung nur eingebildet hatte. Die Nachricht war am Anfang der ZIB 1 gewesen. Nadja Bernhard hatte sie verkündet. Wie beiläufig. So schien es mir. Stattdessen dominierten die Bilder von Tränengas sprühenden Polizisten die Sendung. Grenzposten waren zu sehen. Innenminister. Auch die Analysen aus Brüssel oder Ankara nahmen viel Raum ein. Ich wartete darauf, dass diese eine Meldung noch einmal zur Sprache kommt. Ich wartete auf die Fortsetzung dieser einen Meldung, bei der sich alles in mir zusammengekrampft, die mich hilflos zurückgelassen hatte.

Ein Kleinkind. Niemand hat gesagt, wie alt es genau war. Niemand hat gesagt, ob es ein Bub oder ein Mädchen war. Niemand hat gesagt, wie es geheißen hat. Dass es ertrunken ist, das wurde gesagt. Vor der Insel Lesbos. Es war auf einem Schlauchboot voller Migranten gewesen. Die Insassen hatten das Boot zum Kentern gebracht, um von der Küstenwache gerettet zu werden. Das Kleinkind ist ertrunken. Woher war es gekommen? Wer war bei ihm gewesen? Wer hatte entschieden, dass es auf dieses Boot steigt? Warum wurde zugelassen, dass es stirbt?

Wir nehmen sein Schicksal hin. Wie beiläufig. Das Wort Kollateralschaden kommt mir in den Sinn. Als das gilt der Tod des Kindes wohl in der Debatte um die Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen. Auch wenn das niemand gesagt hat, kein seriöser Politiker öffentlich je sagen wird. Sprachlosigkeit. Ist das die Losung? Ist damit alles gesagt? Nein, ich habe mir die Meldung über den Tod des Kleinkindes nicht eingebildet. Nadja Bernhard hatte sie verkündet. Am Anfang der Sendung. Mehr Worte bedarf es nicht.

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