Für Rudolf der Knaller

1945 1960 1980 2000 2020

Der Spalt in der Gesellschaft könne überwunden werden, meint Brigitte Quint. Zumindest für einen Augenblick.

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Der Spalt in der Gesellschaft könne überwunden werden, meint Brigitte Quint. Zumindest für einen Augenblick.

Mein Kind hat so ein Weihnachtshörspiel. Darin erzählt das rotnasige Rentier Rudolf die Weihnachtsgeschichte. Kindgerecht. Herodes beschreibt es als bösen Menschen. Den Part mit dem Kindsmord in Bethlehem lässt es weg. Dafür dichtet Rudolf ein paar Sachen dazu.

Etwa, dass der Esel sprechen konnte. Schon klar, genau genommen ist der Esel selbst eine Legende. Lukas erwähnt weder ihn noch den Ochs in seinem Weihnachtsevangelium. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Auch wenn Rudolfs Auslegung der Weihnachtsgeschichte nicht ganz lupenrein ist – einige zentrale Botschaften vermittelt das Rentier trotzdem. Etwa, dass das Jesukind durch seine Geburt Diversität und Dialog gefördert hat.

Rudolf erklärt seinen Zuhörern, wie erstaunlich es ist, wer da aller in Richtung Krippe marschiert war. Steinreiche. Gescheite. Bettelarme. Neugierige. Großzügige. Engel – gut, die sind geflogen. Einheimische. Fremde. Und dann wurde eine Geburtstagsparty gefeiert. Ein jeder, eine jede hat sich erfreut. Keiner wurde geschnitten. Oder gemobbt. Oder beschimpft. Laut Rudolf. Aber meines Wissens erwähnt davon auch Lukas kein Wort.

Nur mal so gesponnen: Würde im Dezember 2021 das Christkind erneut geboren werden – wer wäre vor Ort? Esoteriker. Schamanen. Theisten. Atheisten. Leute vom Land. Städter. Epidemiologen. Impfstofferfinder. FPÖ-Anhänger. Kurz-Jünger. Bobos. Hochbegabte. Solche mit ADHS-Diagnose. Xenophobiker. Die, die vor Spritzen Angst haben. Altruisten. Mitläufer. Individualisten. Typen, die einen Hieb haben. Gesellen, die normal ticken.

Der Clou dabei ist: Sämtliche Besucher würden für einen Augenblick fünf gerade sein lassen. Vielleicht würden sie einen Punsch oder Saft zusammen trinken. Anstoßen, sich zulächeln. Ihre Gedankengebäude stünden auf Energiesparmodus. Ideologien, Ängste, Einstellungen, Erfahrungen spielten für diesen Moment keine Rolle.

Würde Rudolf diese Geburtstagsparty via Hörspiel beschreiben – er würde sagen, sie sei ein Knaller. Andere schmähten die Vorstellung vielleicht als Legende. Oder aber sie nennten sie Weihnachtsfrieden.

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