Nehammers Autogipfel und das psychologische Alter

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Brigitte Quint über unerwünschte Helfer, die eigene Vergänglichkeit und was Bundeskanzler Nehammer und sein Verbrennungsmotor damit zu tun haben.

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Brigitte Quint über unerwünschte Helfer, die eigene Vergänglichkeit und was Bundeskanzler Nehammer und sein Verbrennungsmotor damit zu tun haben.

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Eine Bekannte in meinem Alter erzählte mir unlängst etwas Unerhörtes. In einer überfüllten U-Bahn hatte es ein junger Mann gewagt, aufzustehen und ihr einen Sitzplatz anzubieten. Sie hatte sein Angebot brüsk abgelehnt, wofür ich sie feiere. Dass der arme Kerl nicht wissen konnte, wie ihm geschieht, ist mir klar. Aber ich weiß dafür, was mit ihr geschehen war: Sie sah dem Alter mitten ins Auge, der Gebrechlichkeit, der Vergänglichkeit. Und das, obwohl sie doch erst 28 Jahre alt ist. Im Herzen.

Dieser Autogipfel des Kanzlers. „Gegen das Verbrenner-Aus“. Karl Nehammer behauptet, er wollte damit die Industrie in Österreich stärken, Arbeitsplätze halten. Dass er in Wahrheit den Grünen eins auswischen will, steht auf einem anderen Blatt. Kurioserweise haben über Nehammers Ansinnen nicht nur Kogler und Co. den Kopf geschüttelt, sondern auch Vertreter der Autoindustrie. Man ist sich dort längst einig, dass man auf Elektroautos setzen muss. Das Festhalten am Verbrenner sei zwar aus sentimentaler Sicht verständlich, sagte ein Experte im TV, aber es wäre wünschenswert, wenn auch die Politiker die Realitäten anerkennten.

Jene, die anderen zu Hilfe eilen, obwohl diese überhaupt keine Hilfe brauchen, ja diese als übergriffig empfinden, leiden laut Psychologen am „Helfersyndrom“. Man denke an die betagte Dame, die über die Straße geleitet wird, obwohl sie gar nicht hinüber will. Ja, und meine Bekannte machte auch Bekanntschaft mit einem Syndromträger. Ich bin überzeugt: Hätte sie den Sitzplatz angenommen, ihr Alterungsprozess hätte rapide an Fahrt aufgenommen. Psychologisch gesehen.

Zuerst hätte sie aufgehört, sich die Haare zu färben. Dann hätte sie sich ein Abo für die medizinische Fußpflege besorgt. Am Ende hätte sie sich die „Starnacht am Neusiedler See“ im Fernsehen angeschaut.

Und genau das will Nehammer. Mit der „Starnacht am Neusiedler See“ kann er mehr anfangen, als mit der Regenbogenparade. Mitte 40-Jährige, die als graue Mäuse herumlaufen, sind für ihn stimmiger als jene von der progressiven Sorte. Er wäre gerne der, der einen an der Hand nimmt und auf die andere Straßenseite führt – mit einem Verbrennungsmotor versteht sich. Es wäre fast rührend, wenn es nicht so traurig wäre.

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