Skandalöses Bedürfnis

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Immer wieder erzählen wildfremde Menschen Brigitte Quint geheime Skandal-Geschichten aus ihrem Leben. Die Kolumnistin fragt sich, wie sie das Schweigen wahren soll.

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Immer wieder erzählen wildfremde Menschen Brigitte Quint geheime Skandal-Geschichten aus ihrem Leben. Die Kolumnistin fragt sich, wie sie das Schweigen wahren soll.

Ich komme immer wieder in die Verlegenheit, dass mir quasi wildfremde Menschen heikle Dinge aus ihrem Leben erzählen. Eine heimliche Liebschaft hier, eine Schwärmerei, für die sich der Schwärmende schämt, dort, oder eine Brustvergrößerung in Ungarn. Zudem erfahre ich regelmäßig von Glücksspielern, Sadomaso-Praktizierenden, Scientology-Befürwortern oder untreuen Ehepartnern aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis, deren Laster oder Vorlieben bislang im Verborgenen blieben – und bleiben sollen. An Letzterem störe ich mich. Das Bedürfnis, mit mir eine Skandalgeschichte zu teilen, ehrt mich zwar, aber dieses anschließende „Bitte behalte es für dich“ geht mir auf den Geist. Ich werde gezwungen, meine Sensationsgier in mich hineinzufressen. Irgendwann ersticke ich daran. Was bringt mir eine Sensationsinfo, wenn ich mich darüber ausschweigen muss?

Mein Mann meint, ich würde (unbewusst) gezielte Fragen stellen, die Personen dazu brächten, Vertrauliches preiszugeben. Er führt diese Eigenschaft auf meinen Beruf zurück. Journalist(inn)en hätten ein Gespür für gute Storys, meint er. Da ist sicher etwas dran. Aber Journalist(inn)en möchten diese guten Storys auch in die Welt hinaustragen. Wir mögen keine Maulkörbe. Was ich persönlich allerdings noch weniger mag, ist, wenn mich jemand indiskret schimpft. Das triggert mich. In meiner Herkunftsfamilie waren und sind Ratschkathln verpönt.

Und nun? Nun habe ich in der Quint-Essenz Dampf abgelassen. Es fällt mir zwar schwer, aber ich werde weiterschweigen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass jene, die mich in etwas einweihen, auch andere eingeweiht haben. Vielleicht verplappert sich von denen jemand. Ein Skandal braucht eine Bühne. Und ich sitze in der ersten Reihe.

Lesen Sie auch die Quint-Essenz Augen auf, ein Kick! oder "Bieder und ungestüm".

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