Quint-Essenz

Trost mit Hut

1945 1960 1980 2000 2020

Kolumnistin Brigitte Quint hat unterschätzt, welche Wirkung XXL-Sombreros in der Straßenbahn haben.

1945 1960 1980 2000 2020

Kolumnistin Brigitte Quint hat unterschätzt, welche Wirkung XXL-Sombreros in der Straßenbahn haben.

Jüngst saß ich in der Straßenbahn. Mit einem schlechten Gewissen. Ich war auf direktem Weg zu einer Freundin, der gekündigt worden war. Sie gehört nicht zu meiner epidemiologische Einheit und ich wusste genau, dass ich sie trotzdem in den Arm nehmen werde. Und das, obwohl kurz zuvor landesweit ausgerufen worden war, man solle seine Kontakte – erst recht seine körperlichen – auf ein Minimum beschränken.

Und während ich da so saß, stieg ein Mann ein. Er wirkte bieder. Fahler Teint, schlammfarbene Cordhose, braune Outdoorjacke, graue Haube. Und doch war er nicht zu übersehen. Er trug einen gigantischen Sombrero mit sich herum. Dieser Hut war breit wie zwei Sitzplätze und die Hutkappe hatte die Dimension eines Kleinkindhockers. Der Mann und sein Zugepäck regten meine Fantasie an. Warum fährt man mit einem XXL-Sombrero durch die Gegend? Steuerte der Mann etwa eine dieser illegalen Kostümpartys an? Oder aber seine Freundin hatte ihn samt Kopfbedeckung rausgeworfen. Am Ende war sie der Grund der Trennung. Stichwort Sombrero-Fetisch.

Denkbar wäre auch, dass der Mann shoppen war und sich mit dem Hut die Leute vom Leib gehalten hat. Als mir dieser Gedanke kam, meldete sich mein schlechtes Gewissen zurück. Während die einen keine Mühe scheuen und sogar einen Sombrero durch die Gegend schleppen, um die Abstandsregeln einzuhalten, öffnete ich einer Ansteckung Tür und Tor.

Nachdem sich meine Freundin in meinem Arm ausgeweint hatte, erzählte ich ihr von meiner Begegnung. Auch sie spekulierte und fing dann plötzlich an zu lachen. So ein Sombrero-Mann ist wirklich Gold wert. Das habe ich unterschätzt.

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