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Räumen die Väter das Feld?

1945 1960 1980 2000 2020

Nach der Zeitder „vaterlosen Gesellschaft“ scheint nun die der vaterlosen Familie angebrochen zu sein. Damit wird eine für die persönliche Entfaltung der Kinder gefährliche Entwicklung eingeleitet. Denn Väter haben eine unersetzbare Aufgabe. Näheres im folgenden Dossier.

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Nach der Zeitder „vaterlosen Gesellschaft“ scheint nun die der vaterlosen Familie angebrochen zu sein. Damit wird eine für die persönliche Entfaltung der Kinder gefährliche Entwicklung eingeleitet. Denn Väter haben eine unersetzbare Aufgabe. Näheres im folgenden Dossier.

Alexander Mitscherlich, der ■ deutsche Soziologe, hat schon Vorjahren das Wort von der „Vaterlosen Gesellschaft“ geprägt. Er wollte damit ein Merkmal der hochkomplexen, spezialisierten, demokratisierten, sich rasch wandelnden, pluralistischen Industriegesellschaft herausarbeiten: den Abbau von persönlicher Autorität, die „Verringerung der innerfamiliären wie überfamiliär enpotestasdes Vaters“.

Diese Art von Autoritätsschwund im öffentlichen Bereich zeigt sich nur allzu deutlich bei Befragungen über Vorbilder der Jugend. Da ist etwa das Image der Politiker unter den jungen Menschen schlicht und einfach miserabel.

Aber nicht von dieser Art von „Vaterlosigkeit“ soll im folgenden die Rede sein, sondern vom Verlust der persönlichen Beziehung der Kinder zu ihrem Vater. Dieser Verlust wird geprägt vom heutigen Lebensstil und vom Selbstverständnis einer überwiegenden Mehrheit von Männern: Ist für die meisten von uns nicht der alles entscheidende Lebensbereich der Beruf?

Auf beruflichen Erfolg wird man von klein auf ausgerichtet. Für ihn investiert man (immer mehr) Jahre der Ausbildung. Er liefert uns die materielle Basis für das Leben, eröffnet Kontakte, Anerkennung und Erfolgserlebnisse (und sei es nur die Aufbesserung des Kontostandes am Monatsende) und er ist Sinnstifter schlechthin in einer Welt, die wirtschaftlichen Fortschritt zum obersten Ziel proklamiert hat.

Trifft man daher nach längerer Zeit einen Bekannten und fragt ihn: „Wie geht es dir? Was machst du, seit wir uns zuletzt gesehenhaben?“, so werden die meisten Männer, ohne lang zu überlegen, ausführlich von ihrem Beruf, vielleicht noch von ihren Hobbies, von Reise und Urlaub, aber nur ganz selten etwas von ihrer Familie erzählen

Glaubt man allerdings Befragungen, die erheben, was den Österreichern im Leben am wichtigsten ist, so liegt ganz eindeutig die Familie an erster Stelle - nicht nur bei den Frauen. Ohne Familie kein Lebensglück lautet der Tenor (bei 74 Prozent der Österreicher laut Umfrage aus 1987). Aber - Hand auf's Herz - ist das nicht weitgehend Theorie?

Wer nämlich einen Blick in jene Statistiken wirft, die Auskunft über das konkrete Verhalten der Menschen geben, der entdeckt, daß dieses Ideal Familie doch immer häufiger nicht verwirklicht wird. Die Scheidungen belegen es: Ihre Zahl ist innerhalb der letzten Dekade um 25 Prozent gestiegen. Das ist insofern beachtlich, als im selben Zeiträum die Heiratsbereitschaft etwa gleich stark abgenommen hat Heute wird in Österreich etwa jede dritte, in Wien sogar jede zweite Ehe , geschieden und die Zahl der unverheiratet zusammenlebenden Paare nimmt zu.

Was das mit der Situation der Väter zu tun hat? Es liegt auf der Hand: In der überwiegenden Mehrzahl dieser Konstellationen fällt der Mann mehr oder weniger, früher oder später als Vater aus. Und davon sind viele Kinder in Österreich betroffen und sie werden zahlreicher. Allein 1987 gab es rund 20.000 unehelich geborene Kinder und etwa 16.000 Kinder wurden Scheidungswaisen. Und auch diese Zahlen weisen eine steigende Tendenz auf.

Derzeit liegt das Risiko für ein Kind Scheidungswaise zu werden im österreichischen Durchschnitt bei 14 Prozent. In Wien muß allerdings jedes vierte Kind damit rechnen, daß sich seine Eltern voneinander trennen, bevor es volljährig ist.

Und das bedeutet fast immer Verlust des Vaters. Denn unter den unvollständigen Familien in Österreich (mit nur einem Eltemteil) findet man in fast 90 Prozent der Fälle alleinerziehende Frauen, von denen etwa jede vierte ledig ist. Im Falle einer Scheidung bleiben die Kinder - besonders wenn sie klein sind -eben fast immer bei der Mutter. Nur 2.500 österreichische Väter ziehen allein Kinder unter drei Jahren auf. Bei den über 15 jährigen sind es immerhin 24.500.

Ein Blick in die Statistik zeigt also, daß Vaterlosigkeit immer mehr zu einer Massenerscheinung wird -übrigens nicht nur in Österreich, das diesbezüglich im internationalen Vergleich nicht einmal eine Spitzenstellung einnimmt.

Diese zweifellos bedenklichen Zahlen stellen jedoch nur die Spitze eines Eisberges dar. Man spricht zwar viel von den Alleinerziehern und meint damit im allgemeinen Konstellationen von Kindern mit ledigen, geschiedenen oder ver-witwetenMüttem. Aber wieviele Alleinerzieherhaushalte gibt es in unserem Land bei aufrechter Ehe I Das sind jene Haushalte, in denen die ganze Last der Erziehung auf den Schultern der Frau ruht und in denen der Mann nichts beiträgt Mir wurde diese Problematik immer wieder bei Seminaren zum Thema Familie bewußt Betroffen machen die Klage von Frauen: „Es ist einfach furchtbar mit unseren Männern. Sie sind von ihrem Beruf total ausgelaugt, landen am Abend ermattet vor dem Fernseher, bringen sich kaum mehr in die Familie ein, sind die Woche über beruflich ausgebucht und gieren am Wochenende nach Erholung auf dem Tennisoder Sportplatz...“

Fraglos ein Anlaß für uns Männer zur Selbstbesinnung: Was bleibt an Kapazität für unsere Kinder?

Nur diesen Aspekt zu sehen, wäre allerdings einseitig. Denn nicht zu übersehen sind auch Tendenzen, die ein stärkeres Engagement, vor allem bei jungen Vätern signalisieren. Auch diesbezüglich gibt es statistische Hinweise: Mikrozensus-Erhe-bung über die Betreuungssituation der Kinder lassen erkennen, daß es seit 1969 eine steigende väterliche Beteiligung gibt (siehe Tabelle). Dabei ist das Engagement bei der täglichen Versorgung (waschen, essen, anziehen) gering (nur fünf Prozent der Väter beteiligen sich daran) ebenso bei der Betreuung im Krankheitsfall, aber 20 Prozent der Kinder spielen mit ihrem Vater ebenso oft wie mit der Mutter und 15 Prozent werden gleich intensiv von beiden Eltern beim Lernen betreut

Und in dieselbe Richtung weist auch die (allerdings statistisch nicht erfaßte) Beobachtung, daß immer mehr junge Väter ihren Frauen bei der Geburt beistehen und dabei eine tiefe Erfahrung besonderer Verbundenheit sowohl zu ihrer Partnerin als zum neugeborenen Kind machen.

Es gibt also beides: Auf der einen Seite eine markante Absetzbewegung der Männer und auf der anderen Seite das Erwachen eines tieferen Verständnisses für die Notwendigkeit aber auch für die Freuden eines stärkeren Engagements des Vaters.

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