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Rattenberg: Kunstschätze aus Tiroler Pfarren

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Im Jahre 1848 flüchtete Ferdinand I. mit seiner Gemahlin Anna von Wien nach Innsbruck. Josef Guggenbichler, der damalige Dechant von St. Johann in Tirol, bot ihnen ein Nachtquartier. Zum Dank ließ Ferdinand I. einen Meßkelch in üppigem Neo-Rokoko anfertigen und seinem Helfer in der Not zwei Jahre später überreichen.

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Im Jahre 1848 flüchtete Ferdinand I. mit seiner Gemahlin Anna von Wien nach Innsbruck. Josef Guggenbichler, der damalige Dechant von St. Johann in Tirol, bot ihnen ein Nachtquartier. Zum Dank ließ Ferdinand I. einen Meßkelch in üppigem Neo-Rokoko anfertigen und seinem Helfer in der Not zwei Jahre später überreichen.

Dechant Guggenbichler vermachte das Stück seiner Heimatpfarre Hopfgarten, von wo es schließlich in das neugegründete Augustiner-Museum in Rattenberg übersiedelte.

Auf welchen Wegen die romanische Emailplakette, die ein graviertes und feuervergoldetes Altar- oder Vortragskreuz aus Kupfer ziert, von Niedersachsen nach Tirol gekommen ist, ist nicht vollständig nachzuvoll-ziehen. Diese Plakette auf der Rückseite des um 1 240 entstandenen Kreuzes mit einem gotischen Corpus Christi ist das älteste Stück der Ausstellung. Der Auferstandene, der sich mit erhobenen Armen zwischen Alpha und Omega von seinem blauen Email-Hintergrund abhebt, zieht sofort die Blicke jedes Ausstellungsbesuchers auf sich.

Diese Schatzkammer enthält nicht nur Objekte, von denen einige noch nicht von der Wissenschaft erfaßt worden sind, wie etwa das Bittgangkreuz von Kirchbichl. Sie ist auch ein herausragendes Beispiel dafür, mit wieviel Liebe und Gespür Kostbarkeiten ausgestellt und präsentiert werden können: Singulare Stücke, wie das eingangs beschriebene Kreuz mit der romanischen Plakette, oder die Turm-Monstranz aus dem 15. Jahrhundert, die eine Reliquie des Heiligen Virgil aus Salzburg birgt, nehmen in Einzelvitrinen die Mitte des Raumes ein.

Aus abenteuerlichen Depots

Auch aus der produktivsten Zeit des bedeutendsten Tiroler Gold- und Silberschmiedes, des Rattenberger Künstlers Dominikus Lang, sind nur so viele Stücke ausgestellt, daß der Betrachter jedem einzelnen seine volle Aufmerksamkeit schenken kann. Ein besonders beeindruckendes Beispiel für das Schaffen von Dominikus Lang ist die eucharistische Prunkmonstranz aus dem Jahr 1742.

Die Exponate dieses Museums, das im Tiroler Anteil der Erzdiözese Salzburg liegt, sind großteils Dauerleihgaben aus Pfarren des Tiroler Unterlandes. Das Museum besitzt kaum eigene Stücke. „Wir waren zu 90 Prozent auf die Mithilfe der Pfarren angewiesen”, berichtet Hermann Drexel, der Kustos des Augustiner-Museums Rattenberg. Die meisten Objekte konnten wegen des Diebstahlrisikos in den letzten Jahrzehnten nicht mehr in den Kirchen aufgestellt werden. Auch werden nach den Reformen des II. Vatikanums viele der Kultgegenstände nicht mehr benötigt. Die Museumsstük-ke wurden daher nicht der Liturgie entzogen, sondern aus ihren Depots, manchmal - so der Salzburger Diözesan-konservator Johannes Neuhardt - abenteuerlichen Lagerstätten auf Pfarrhausdachböden geborgen und der Vergessenheit entrissen.

Zwischen 1384 und 1430 wurde das Kloster in der aufstrebenden kleinen Handelsstadt errichtet und danach von Augustiner-Eremiten bezogen. Vom gotischen Bau sind zwei Flügel des Kreuzganges, einige Nebenräume und die Außenmauern der Klosterkirche erhalten. Im Zuge der Renovierung des

Kreuzganges wurde das Bodenniveau um 75 Zentimeter auf das ursprüngliche Niveau abgesenkt: Denn immer wenn der Inn nach einer Überschwemmung sich wieder in sein Bett zurückgezogen hat, habe man den neuen Boden einfach auf dem angeschwemmten Material verlegt, erzählt Prälat Neuhardt. Ein Flügel des stimmungsvollen Kreuzgangs mit seinen wunderschönen floralen Deckenverzierungen beherbergt nun Meisterwerke gotischer Plastik. So etwa eine Darstellung des Heili-gen Leonhard um 1520.

Der Kreuzgang ist ein weiteres Beispiel dafür, mit wieviel Gespür und Kenntnis dieses Museum eingerichtet wurde: Die Postamente für die Statuen wurden nicht direkt an der Mauer, sondern in Dreiergruppen an unauffälligen Platten angebracht, die auch je drei kleine Scheinwerfer tragen - so wird jede der goti sehen Pretio sen einzeln bestrahlt. In der Paramenten-

Kammer ist unter anderem das Meßgewand von Bischof Bräuner, einem der Oberhirten des Bistums Chiemsee zu sehen. Auch dieses liturgische Gewand hatte einen weiten Weg hinter sich, bevor es von Neuhardt in St. Johann in Tirol aufgefunden wurde: Die Chiemseer Bischöfe residierten meist in Salzburg, im heutigen Sitz der Landesregierung, dem Chiemseehof. Ihre Sommerferien verbrachten sie gerne in St. Johann in Tirol. So ist das prunkvolle barocke Meßkleid dort erhalten geblieben.

Ein Ausstellungsraum mit besonderem Flair ist der ehemalige Mönchs-Chor der Klosterkirche: Vor dem originalen, hervorragend renovierten Chorgestühl sind hier Zeugnisse der Volksfrömmigkeit zu sehen. So zum Beispiel die „Sesselfrau”: Maria als Rosenkranzkönigin wurde bei Fronleichnamsprozessionen in Kitzbühel mitgetragen. (Eine Rokoko-Fassung der „Sesselfrau” ist dort noch in Verwendung.) Hier steht auch jener Kasten, der in vielen Schubläden eine umfangreiche Sammlung von Gebetszetteln, Wallfahrtsbildern und „Denkzetteln” von Tiroler Bruderschaften des 18. und 19. Jahrhunderts enthält.

(Bis 31. Oktober täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet, vom 1. November bis 30. April nur für angemeldete Gruppen).

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