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Reagans neue Asienpolitik

Als Henry Kissinger Anfang der siebziger Jahre erste direkte Kontakte mit der Volksrepublik China aufnahm und den historischen Besuch Nixons in China im Jahre 1972 vorbereitete, beherrschte die Vorstellung vom strategischen Dreieck China- USA-Sowjetunion die amerikanische Außenpolitik in Asien. Kissingers strategisches Weitwinkelobjektiv sollte der Sowjetunion in Friedenszeiten genügend Druck auferlegen, um die Abenteuerlust Moskaus einzudämmen.

Damals tobte noch der Vietnamkrieg, in China war die Kulturrevolution zu Ende gegangen, die antisowjetische Haltung Pekings hatte einen Höhepunkt er-

reicht. Die Theorie der sogenannten „Chinakarte“ schien durchaus angebracht, nicht zuletzt auch als strategisches Gegengewicht zu den NATO-Staaten im Westen des sowjetischen Imperiums.

Die Watergate-Affäre und ihr Nachspiel jedoch veranlaßten die USA, ihre globale Rolle einzuschränken. In China starb Mao Dzedong und machte in den darauffolgenden Jahren der pragmatischen und liberaleren Führungs- linie um Deng Xiaoping Platz. Nicht nur die Vereinigten Staaten hofften auf ein neues China, die ganze Welt wartete staunend, was nun vom Reich der Mitte zu erwarten sei.

In den Jahren zwischen 1977 und 1980 schien China auch bis zu einem gewissen Maße die kühnsten Erwartungen des Westens in wirt schaftlichen wie auch strategischen Bereichen durchaus zu erfüllen. Mit der diplomatischen Anerkennung der Volksrepublik durch Washington im Jänner 1979 war dann der Höhepunkt chinesisch-westlicher Annäherung erreicht.

Bei allen gemeinsamen Kommuniques durfte das Wort „Hegemonismus“ von nun an nicht mehr fehlen, ein Schlüsselwort für die Sowjetunion und ihre Weltmachtbestrebungen, die es galt, durch die chinesisch-westliche Freundschaft einzudämmen.

China wurde als Weltmacht akzeptiert, und der Regierung in Peking gelang es auch, diese dem Reich der Mitte durch die Außenwelt auferlegte Rolle zu seinen Gunsten auszunützen. Japan, das wirtschaftlich nun wirklich zur Weltmacht geworden war, genoß in der Außenpolitik Nixons, Fords und Carters eine im Verhältnis zu China nur geringe Rolle.

Seit dem Amtsantritt Ronald Reagans und der damit verbundenen Umwälzung des Beamtenapparats in Washington hat sich in der amerikanischen Asienperspektive einiges geändert. Abgesehen davon hat die Reagan-Administration beinahe zwei Jahre gebraucht, um überhaupt eine halbwegs koordinierte Außenpolitik für Asien zusammenzuhämmern.

Die entscheidende Wende kam mit dem Abtritt Alexander Haigs als Außenminister und dem Einzug George Shultz’ ins Außenamt. Haig war selbst ein Schüler Kissingers, für ihn war die Dreieckstheorie der strategischen/Ba- lance USA-China-Sowjetünion nach wie vor von Bedeutung. Doch mit dieser Theorie geriet der ehemalige General in Konflikt mit dem ehrgeizigen Caspar Weinberger im Pentagon, der Japans Rolle für wichtiger hielt.

Shultz jedoch ist Ökonom, und seine Außenpolitik richtet sich vielmehr nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Darin ist das ausschlaggebende Moment für die Richtungsänderung der amerikanischen Asienpolitik zu suchen. \

Was China anbetrifft, hat es in den letzten zwei Jahren den allzu großen Optimismus der westlichen Welt enttäuscht. Das Verhältnis Amerika-China mußte schwer unter der stark pro-taiwa- nesischen Politik Reagans leiden, was das gegenseitige Mißtrauen gesteigert hat.

Die USA glauben nicht mehr an die Brauchbarkeit Chinas als Druckmittel gegen die Sowjetunion. Die Wiederaufnahme von Gesprächen zwischen Moskau und Peking und der Versuch beider kommunistischer Großreiche, die bilateralen Beziehungen auf dem schnellsten Wege zu verbessern, haben in Washington einige Beunruhigung ausgelöst.

Das scheinbare Bestreben Chinas, einen neutralen Kurs zwi schen den beiden Supermächten zu steuern, verbunden mit der überaus langsamen Modernisierung der chinesischen Streitkräfte und der wirtschaftlichen Infrastruktur, haben die USA offensichtlich veranlaßt, die Volksrepublik China nicht mehr als globale, sondern nur mehr als lokale Macht anzusehen.

Im Gegensatz dazu gewinnt Japan mit seiner Superwirtschaft und seinen sich immer weiter ausdehnenden internationalen Verbindungen zusehends an Bedeutung im strategischen Denken Washingtons.

Japan ist eine freie Demokratie, ganz nach .amerikanischem Muster aufgebaut. Es ist die zweite Wirtschaftsmacht des Westens, die droht, ihren Lehrmeister zu überrunden. Und, ein ganz entscheidender Punkt: japanische globale Interessen stimmen zumeist mit denen Washingtons überein.

Daß Japan nicht unbedingt glücklich über das neuerwachte amerikanische Interesse ist, bleibt eine wichtige Sache. Japan, das sich durch seine Verfassung dem Pazifismus verschrieben hat, sieht sich dadurch immer mehr in die Arme der westlichen Supermacht getrieben. Die Leitlinien japanischer Außenpolitik — Neutralität, Beschwichtigung und Abwarten — scheinen nun bedroht.

Washington wünscht sich ein aufgerüstetes Japan, daß der be drohlichen Pazifikflotte der UdSSR glaubhaft gegenüberstehen kann. Außerdem soll Tokio — so der Wunsch vieler Verantwortlicher in Washington - mit den USA zusammen wirtschaftlichen Einfluß für politische Zwecke international einsetzen.

Wenngleich viele globale Interessen der beiden Wirtschaftsgiganten Japan und USA tatsächlich übereinstimmen, ist dennoch zu erwarten, daß Tokio in Zukunft diesen allzu leidenschaftlichen Bestrebungen Washingtons zum Teil passiven Widerstand leisten wird.

Für die Zukunft des Kräfteverhältnisses in Ostasien werden vor allem die folgenden Faktoren entscheidend sein:

• Einfühlungsvermögen Washingtons in die asiatische Realität, vor allem aber Sensibilität bei der Verwirklichung amerikanischer Wunschvorstellungen für Japan;

• die Entwicklung amerikanisch-chinesischer Beziehungen, insbesondere unter Berücksichtigung der Taiwan-Frage, wenngleich hier wenig Neues in naher Zukunft zu erwarten ist;

• dieHaltungderSowjetunionin Fragen der Aufrüstung in Fernost. Die geplante Stationierung weiterer SS-20-Raketen in Ostsibirien dürfte nicht zur Stabilität in der Region beitragen;

• die weitere Entwicklung der si- no-sowjetischen Annäherungsversuche. Wenngleich die Chancen für eine neuerliche Verbrüderung der beiden sozialistischen Staaten gering sind, könnte eine drastische Verschlechterung der chinesischen Beziehungen zu den USA doch wie ein diplomatischer Erdrutsch wirken.

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