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Realexistierender Surrealismus

Durch seine Vorreiterrolle bei den Unabhängigkeitsbestrebungen der Balten und durch die Todesopfer beim Putschversuch der Sowjetarmee ist Litauen aus dem toten Winkel medialer Berichterstattung herausgetreten. Die Kunst- und Musikszene wie auch die Literatur dieses Landes, das politisch und intellektuell nach Europa zurückkehren will, sind aber nach wie vor weiße Flecken in der Landkarte unseres Bewußtseins.

Dabei kann Litauen mit einer interessanten Literaturtradition aufwarten, beginnend mit dem Epos „Die Jahreszeiten” des protestantischen Landpfarrers Donelaitis (1714-80); dieses Werk, das (vor Klopstock!) auf den Hexameter zurückgriff und durch eine gar nicht epochentypische realistische Schilderung der leibeigenen Bauern auffällt, liegt in drei deutschen Übersetzungen vor und wurde 1977 von der internationalen Assoziation der Literaturkritiker in Paris in die Meisterwerke der europäischen Literatur aufgenommen.

Ins Deutsche übersetzt wurde auch das 1860/61 erschienene Poem „Der Hain von Anyk&äai” von Antanas Baranauskas, der damit der polonisierten Oberschicht und Intelligenz seiner Zeit beweisen konnte, daß Litauisch ebenso literaturfähig war wie Polnisch. Die Schilderung eines Waldes und seiner Abhol-zung ist nicht nur genau und subtil, wo es um die Natur, ihre Farben, Stimmen, Gerüche und Geräusche geht, sondern auch in der Darstellung der ökonomischen Gegebenheiten.

Überhaupt ist die Lyrik eine besondere Domäne der Litauer; sie wurzelt in den dainos, den litauischen Volksliedern, die schon Lessing in seinen Literaturbriefen begeistert erwähnte und Herder in seine Sammlung „ Stimmen der Völker in Liedern” aufnahm. Aus ihrer Tradition kommt der bedeutende Lyriker der litauischen Romantik, der katholische Priester Maironis, mit seinen erstmals 1895 in Tilsit erschienenen „Frühlingsstimmen”, von ihr ist zumindest die ältere Generation der heutigen Lyriker noch geprägt.

Von 1864 bis 1904 mußte sich Litauen, seit der dritten polnischen Teilung von 1795 dem Zarenreich eingegliedert, ein Druckverbot für litauische Bücher gefallen lassen. Freilich sind in diesen 40 Jahren mehr Bücher und Zeitschriften erschienen als je zuvor - gedruckt in Ostpreußen, ins Land gebracht von heimlichen „Bücherträgern”.

Mit der Aufhebung des Druckverbotes begann eine neue Etappe der litauischen Literatur, die zu einer Blütezeit in der Periode Litauens als selbständiger Staat (1918-1939) führte: Neue Verlage und Zeitschriften wurden gegründet, die Literaturszene konnte sich weltanschaulich wie stilistisch differenzieren, neue Leserschichten wuchsen heran. In diese Periode fällt die durch die Lebensumstände bedingte späte literarische Tätigkeit der Erzählerin Zemait6 (1845-1921), deren Porträt Johannes Bobrowski - der mit der litauischen Tradition vertrauteste unter den deutschen Schriftstellern - in wenigen Sätzen festgehalten hat. Der in St. Petersburg, München und Freiburg ausgebildete Theologe und spätere Literaturprofessor Mykolaitis-Putinas schuf mit „Im Schatten der Altäre” ein wichtiges Beispiel des psychologischen Romans; er handelt von der mühsamen Loslösung vom Priestertum und ist 1987 auf deutsch erschienen.

Jäh hat die sowjetische Okkupation 1940 die Vielfalt der litauischen Literatur beendet. Zwei Drittel der Mitglieder des Schriftstellerverbandes emigrierten, viele Autoren wurden nach Sibirien deportiert. Andere ließen sich einreihen in die neue Sowjetliteratur: So der vielfältig talentierte Prosaschriftsteller Petras Cvirka, der unter anderem zwei wichtige Romane und mit den „Märchen aus dem Memel-land” die bedeutendsten und sprachlich ambitioniertesten litauischen Kunstmärchen geschaffen hat, oder die populäre Lyrikerin Salomeja Neris. Sie konnten an ihre früheren Leistungen nicht mehr anschließen, Propagandasprache erstickte das Talent.

Ein gängiges Verhaltens- und Äußerungsmodell sowjetlitauischer Schriftsteller kann mart so beschreiben: Man zollte mit einigen Werken dem Regime Tribut, man lieferte in Interviews pflichtschuldig Wortspenden zu Antifaschismus, Frieden und Fortschritt der breiten Masse der Werktätigen im Sowjetstaat, ansonsten aber suchte man die nationale Nische auf, soweit die Behandlung der eigenen Geschichte nicht gegen ein klares ideologisches Raster verstieß. So hat sich der Leninpreisträger und Sowjetabgeordnete MiesJelaitis, ein prominenter Lyriker, verhalten, so haben es andere getan. Die seit 1972 erscheinende „Chronik der litauischen Kirche” war zwar die am längsten erscheinende Samisda tpublikation der UdSSR überhaupt, die Kunst aber ging kaum in den Untergrund. Als die Zensur fiel, quollen die Schreibtischladen der Dichter nicht über von heimlich geschriebenen Texten. Nicht die Schriftsteller hatten das erste Wort, sondern einfache Menschen mit ihren Lebens-Dokumenten. Die ersten unzensu-rierten Bücher waren Schilderung gen aus den sibirischen Lagern.

Die eingehendste Bestandsaufnahme der Sowjetzeit hat der 1950 geborene Ricardas Gavelis nach zwei Erzählbänden 1989 in seinem Roman „Vilniaus pokeris” (Das Poker von Vilnius) geschaffen; das Buch, das in gekonntem Perspektivenwechsel Fakten verwertet und Grotesken entwirft, kleine Essays enthält und souverän über Ironie verfügt, ist ein Bestseller geworden (etwa 120.000 Exemplare in einem

Land mit der halben Einwohnerzahl Österreichs).

Darin wird folgendes Ritual des öffentlichen Lebens beschrieben: „Ein richtiger homo lithuanicus spielt pragmatisch Theater, erfüllt seine Pflicht, umso mehr als es nicht schwierig ist, die Behörden hinters Licht zu führen. Einer auf dem Podest spielt den Tribun, wohl wissend, daß er nur spielt. Tausende Menschen im Saal klatschen begeistert Beifall, wohl wissend, daß er spielt, und sie selbst genauso. Und der angebliche Tribun nickt, wohl wissend, daß diese Tausend sich nur verstellen.”

Dieses alltägliche Spiel hat im realexistierenden Surrealismus des Sowjetsystems offensichtlich zu so perfekter Unkenntlichkeit der Meinungen geführt, daß man gar nicht mehr auf die Idee kam, einer könnte seinen Part ernstnehmen: Der kürzlich verstorbene Verfasser nachrevolutionärer Dorfgeschichten (Kolchosenerzählungen) Bai tuäis, der mit gekonnter Zeichnung ländlicher Charaktere und realistischer Milieuschilderung, gewürzt mit sowjetüblichen Formeln und nach dem Muster „Sozialistischer Realismus” gestrickt, viele Leser gewinnen konnte, sprach konsequenterweise im sowjetischen Fernsehen gegen Litauens Unabhängigkeit, und plötzlich wollte man nichts mehr von ihm wissen.

Heute hat die Literatur einen schweren Stand zwischen Politik und Ökonomie. Der Politik gehört für einige Zeit das primäre Interesse der Menschen (das jetzt freilich langsam zu ermüden beginnt), die 1989 interessant gewordenen Medien rangieren vor der Literatur, auch wichtige Autoren werden als Parlamentsabgeordnete von der Politik absorbiert. Ökonomischer Druck kommt von den vielen neuen Privatverlagen, die Gewinnbringendes edieren Wollen; auch die Staats Verlage müssen zunehmend wirtschaftlich disponieren: der Zensor geht, der Buchhalter kommt. In dieser Situation hat sich der litauische Schriftstellerverband 1990 entschlossen, selbst einen Verlag zu gründen. Noch können Gedichtbände in einer Durchschnittsauflage von 10.000 Exemplaren verlegt werden. Aber es ist abzusehen, daß die bisher billigen Bücher sich um das Zwei- bis Dreifache verteuern werden. Niemand kann sagen, ob das Leseinteresse dann in ähnlichem Umfang aufrechtbleiben wird.

Jedenfalls aber wurden die in Sonderdepots verschwundenen Werke der Emigranten wieder zugänglich, die nach der Emigration erschienenen Werke können und müssen nun in Litauen nachgedruckt werden. Für dieses Jahr sind gesammelte Gedichte von Tomas Venclova, dem Vilenica-Preisträger des Vorjahres, angekündigt. Eine längerfristige Aufgabe ist das Neuschreiben der litauischen Literaturgeschichte, die nicht nur von ideologischen Formeln und Versatzstücken zu reinigen, sondern neu zu bewerten und zu gewichten ist.

Vorerst aber hängt alles von der politischen Zukunft ab: technisch, weil sowjetische Fallschirmjäger noch immer nicht nur das Fernsehgebäude, sondern auch das zentrale Papierlager besetzt halten; grundsätzlich aber, weil die Gespenster des alten Systems nicht gebannt sind, solange Litauen nicht unabhängig und demokratisch sein kann; am 11. März war es ein Jahr, daß Litauen sich dazu erklärt hat.

Blick von West- (Kurfürstendamm ) nach Ostberlin (Fernsehturm)

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