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„Rechts schaut!“ als Kommando?

Rechtzeitig vor der für 4. Mai angesetzten CV-Versammlung in Melk geraten die politischen Fronten innerhalb des Cartellverbandes in Bewegung: Anhaltende Linkstendenzen in der ÖSU sowie ein in manchen Passagen den SPÖ-Programmen nicht unähnlicher Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm des ÖCV haben die Altherrenschaft der Wiener Verbindung „Austria“ auf die Barrikaden steigen lassen: Sie wollen sich fast geschlossen dafür einsetzen, daß die Versammlung in Melk einen Antrag beschließt, der letztlich darauf hinausläuft, daß Mitglieder des CV nur ein Parteibuch der ÖVP besitzen dürfen.

Der Austria-Antrag, hinter dem der Vorsitzende der Altherrenschaft, Dr. Theodor Detter, sowie Philistersenior Dr. Dietbert Helbig-Neupauer stehen, lautet: „Sowohl die Mitgliedschaft als auch die aktive oder passive, tatsächliche oder ideelle Unterstützung einer Partei oder sonstigen Organisation, die entweder materialistisches oder marxistisch-sozialistisches oder utopisch-sozialistisches oder atheistisches, agnostisches oder religionsfeindliches Gedankengut direkt oder indirekt vertritt oder duldet... sind mit der Zugehörigkeit zu einer der im ÖCV zusammengeschlossenen Verbindungen (Aktivitas und Altherrenschaft) unvereinbar.“

In ähnlicher Richtung marschiert auch Walmöfer-Schwiegersohn Herwig van Staa, im CV für gesellschaftspolitische Grundsatzfragen zuständig, auf dessen Betreiben die Tiroler Alt-herrenschaft ebenfalls eine Empfehlung beschlossen hat, die letztlich auf einen Monopolanspruch der ÖVP auf die Wähler im CV hinausläuft.

Das Betreiben, neben der Treue zum Vaterland auch die Treue zur ÖVP dem CV-Mitglied zur Pflicht zu machen, rief innerhalb des Verbandes wie selbstverständlich lebhaften Widerstand hervor. Unabhängig voneinander bildeten sich in Wien und Graz Initiativen, die an der Uberparteilichkeit des CV unter allen Umständen festhalten wollen. In Wien scharte sich um Rechtsanwalt Dr. Michael Graff, der übrigens die ÖVP-Burgenland derzeit vor dem Verfassungsgerichtshof vertritt, eine Reihe von Persönlichkeiten, um ein „Manifest 1978 für Freiheit und Toleranz im CV“ zu entwerfen Demnach verwahren sich die Unterzeichner (Univ.-Prof. Ernst Bruckmüller, Dr. Peter Diem, Abt Burkhard Ellegast, Pater Isnard Frank, Taus-Sekretär Dr. Gottfried Marckhgott, Busek-Sekretär Dr. Peter Mahringer, Kurt

Vorhofer, Claus Raidl u. a.) gegen einen „CV der Eiferer und Säuberer“. Sie verweisen auf die Satzungen des ÖCV, worin es heißt: „Der ÖCV tritt für Freiheit, Recht und Menschenwürde ein. Parteipolitisch ist er nicht gebunden.“ Die Festlegung des ÖCV auf eine einzige politische Partei sei durch die Prinzipien nicht gedeckt und verstoße gegen die Satzungen.

Initiator der zweiten Aktion gegen den Austria-Vorstoß ist Styria-Mann Dr. Gerhard Hartmann. Er reicht folgenden Text unter seinen Cartellbrü-dern zur Unterschrift herum: „Die unterzeichneten Mitglieder einer ÖCV-Verbindung sind der Ansicht, daß die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, Gruppen und Parteien nicht durch bloß defensive Abgrenzungen und Ausschlußdrohung geführt werden darf, sondern durch offensive und positive Betonung und Vertretung unserer Grundsätze und Grundwerte erfolgen muß. Hiezu ist eine gelassene Atmosphäre der Offenheit und Toleranz erforderlich.“ ÖVP-Chef Josef Taus, der sich als prominentester CVer in der Volkspartei der Hartmann-Initiative bereits angeschlossen hat, signalisiert, wo nicht nur die Interessen des CV, sondern auch jene der ÖVP liegen dürften: Seine Unterstützung kann nur besagen, daß ein CV als Teil-Organisation der ÖVP weder der einen noch der anderen Organisation nützen kann. Die Initiative von Michael Graff ist weniger auf Unterschriften aus. Die rund zwei Dutzend unterstützenden Unterschriften wurden samt dem Manifest ohne Kommentar allen Verbindungen des C V zugesandt. Den CVern in der ÖVP wurde das Manifest nicht zum „Absegnen“ vorgelegt. Michael Graff: „Ich brauche keine Genehmigung von der ÖVP, weder von Taus, noch von Mock.“

In ähnlicher Form wie das Verhältnis zwischen Kirche und Parteien war auch stets das Verhältnis des CV zu den Parteien Gegenstand lebhafter Diskussionen. Außer Zweifel steht, daß sich seit 1945 immer wieder Mitglieder des CV in der Volkspartei sehr wesentlich engagiert haben und dabei auch zahlreiche Regierungsposten besetzten. Nach dem Sturz der ÖVP von den Höhen der Macht im März 1970 machte sich im Verhältnis des CV zur ÖVP eine möglicherweise heilsame Ernüchterung breit. Ob nach dieser Ernüchterung das neue Kommando „rechts schaut!“ die gewünschte Orientierung und auch neue Attraktion sein wird, bleibt zu bezweifeln.

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