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Reine Araber

Saddam Hussein ist nicht nur ein blindwütiger Tyrann im Stile Idi Amins, sondern er hat sich einer Ideologie verschrieben, nämlich der des ba'th - der Partei der arabi- schen Auferstehung, auch Baath genannt, was man mit „Renaissan- ce" oder „Wiedergeburt" überset- zen kann. Der Gründer dieser Par- tei war ein syrischer Christ, Michel Aflaq. Die Partei ist in zwei Staa- ten, Syrien und Irak, am Ruder; es handelt sich jedoch um zwei mit- einander verfeindete Flügel. Aflaq starb letztes Jahr in Bagdad. Of- fensichtlich hielt er die irakische Auslegung für richtig, nicht die in seiner syrischen Heimat.

Kleine Gruppen von Anhängern der irakischen Richtung des ba'th sind in fast allen arabischen Staa- ten zu finden. Einflußreich sind sie jedoch allein in Mauretanien und im Sudan..Das manifestiert sich im Rassismus der Weißen (Araber) gegenüber den Schwarzen in jenen beiden Staaten - und zwar auf ver- heerende Weise.

Andere arabische Nationalisten haben das Arabertum stets großzü- gig definiert, nämlich als eine Sprachgemeinschaft, der Menschen unterschiedlichster Rassenzugehö- rigkeit angehören. Die irakische Baath Partei sieht in den Schwar- zen Mauretaniens und des Sudan eine Gefahr für den Bestand des Arabertums.

Dieser ba'th-Rassismus stellt auch die ideologische Grundlage für Saddams Völkermord an den irakischen Kurden dar, einer Min- derheit von nicht weniger als 20 Prozent in dem arabisch dominier- ten Staat. Der Krieg gegen den Iran wurde ebenfalls mit rassistischen Parolen begonnen. Der Irak hätte international mit Leichtigkeit viel Unterstützung gewinnen können, hätte die Bagdader Propaganda den Feldzug unter das Motto „Fort- schritt gegen Rückschritt" oder „Moderne gegen Mittelalter" ge- stellt. Stattdessen wurde ein „Krieg der Araber gegen die Perser" ge- führt. Das erschwerte es iranischen Khomeini-Gegnern auf seiten Bag- dads gegen die tyrannische Theo- kratie Teherans zu kämpfen.

Es bestehen also tatsächlich Pa- rallelen zum Nationalsozialismus. Die „reinen Araber" müssen heim ins Reich. Den Einmarsch Iraks in Kuweit kann man mit der Beset- zung des Sudetenlandes vergleichen oder gar mit dem „Anschluß" Öster- reichs. Kuweit ist von Bagdad stets als ein Fortsatz des Irak gesehen worden. Tatsächlich ist es nicht leicht zu sagen, welcher Kuweiti irakischer Herkunft und welcher stärker mit den Beduinen Saudi- Arabiens verwandt ist.

Die Baath Partei besteht in je- dem Fall auf der Einheit aller Araber und zwar auf nationaler Grundlage, nicht etwa auf religiö- ser. Ein Grundgedanke der Grün- der des ba'th war ja gerade, reli- giöse Gegensätze unter den Ara- bern zu überwinden.

Der Säkularismus der Baath Partei verschafft ihr Zulauf unter Intellektuellen, von Marokko bis zum Jemen. Gegenüber dem Fun- damentalismus der Islamisten ist das zweifellos eine fortschrittliche Komponente der ba'th-Ideologie. Das äußert sich auch in der Stel- lung der Frau, die im Irak weitaus besser ist als in den meisten ande- ren Staaten der arabischen Welt. Die verbesserte Stellung der Frau wirkt sich positiv auf die wirtschaft- liche Dynamik des Landes aus. Es gibt im Irak nur noch wenige An- alphabeten, das Land besitzt eine starke Bildungsschicht und hat Wissenschaftler von Format.

Mit anderen Worten, Saddams Apologeten haben starke Argumen- te, vergleichbar den Rechtfertigun- gen für Hitler: Er hat doch die Au- tobahn gebaut und die Arbeitslo- sen von der Straße geholt. Was zählen da schon die eine Million Toten des Krieges gegen den Iran? Selbst die Islamisten in Jordanien und Algerien begeistern sich für Saddam Hussein, obwohl die Baath Partei und die Islamisten bisher Todfeinde waren. Die Hauptsache ist doch schließlich, den USA (sprich auch: Israel) die Stirn zu bieten. Ironischerweise erlangt nun Sad- dam auf gleiche Weise Popularität wie zuvor Khomeini.

Bezüge auf den Islam sind in diesem Zusammenhang wenig ernst zu nehmen. Seit mehr als einem Jahrzehnt werden in Bagdad regel- mäßig islamische Kongresse abge- halten, um sich gegenüber den Theokraten Teherans als echtere Moslems auszuweisen. Das ist je- doch eine in vielen Staaten ver- breitete Routine.

In der Welt des Islam herrscht viel Unmut darüber, daß ausgerech- net der Alkoholiker Fahd Mekka und Medina verwaltet und sich auch noch als „Diener der beiden heiligen Stätten" bezeichnen läßt. Gaddafi war der .erste, der aus die- sem Unmut Kapital zu schlagen ver- suchte. Dann ging Khomeini mas- siv gegen die Saudis vor. Nun schlägt Saddam noch einmal in dieselbe Kerbe.

Beim ba'th haben wir es mit Na- tionalsozialismus im reinsten Sin- jie des Wortes zu tun. Die Ideolo- gen der Baath Partei sind nicht weniger romantisch als die Islami- sten, doch sind sie modernisti- scher und daher fähiger, einen funktionstüchtigen Staatsapparat aufzubauen und ihre Machtziele durchzusetzen. Der Irak war auf dem Wege, zur ersten wirklich substantiellen Herausforderung des Westens durch den islamischen Orient zu werden. Saddams Grö- ßenwahn hat aber vieles zunichte gemacht; nicht zuletzt den arabi- schen Traum von der „Ebenbür- tigkeit" in der Welt von morgen.

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