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Rettung in letzter Minute

Vielfalt statt Einfalt“, diese programmatische Parole möchte man all jenen zur Ermahnung zurufen, die in unserem Staat und vor allem in den betroffenen Bundesländern in der Volksgruppenfrage, aber auch sonst der Konformierung, Assimilierung und Uniformierung das Wort reden.

Uber 450 Jahre sind nun vergangen, seit die heutigen burgenländischen Kroaten im 16. Jahrhundert auf der Flucht vor den Türken ihre angestammte Heimat im nordöstlich verlaufenden Landstreifen vom Adria-Küstengebiet zwischen Krk und Zadar über die Lika, Krbava, über Bosnien, Sla-vonien bis hinauf zur Donau, zur Linie etwa zwischen Pees und No-visad, verlassen und sich in ihrem neuen Siedlungsgebiet, im damaligen Westungarn, dem heutigen Burgenland, niedergelassen haben. Viele kroatische Auswanderer haben sich damals auch in Niederösterreich, in Südmähren und der Slowakei angesiedelt; sie alle sind dort heute fast zur Gänze im Mehrheitsvolk aufgegangen und als eigenständige sprachlichkulturelle Volksgruppe untergegangen und verschwunden.

Einen Restbestand dieser Volksgruppe (18.700 Seelen, also sieben Prozent der Gesamtbevölkerung des Burgenlandes), die im Lauf der Jahrhunderte auch in der Diaspora ihre eigene Kultur erhalten und entfalten konnte, gibt es zum Teil noch in den einstmals fast rein kroatischen Dörfern des Burgenlandes. Dort ringt und kämpft diese sprachlich-kulturelle Minderheit um Erhaltung und Neufindung ihrer Identität, um die Rechte, die man ihr aus kultureller und gesellschaftspolitischer Kurzsichtigkeit und Ignoranz oft vorenthält, gegen den Druck der Assimilierung, gegen die Gefahr der Selbstaufgabe, kämpft ganz einfach um ihr Uberleben.

Ein höchst wichtiger Beitrag zu dieser Selbstfindung und in diesem Kampf ist ein umfangreiches Buch, in dem 16 burgenlän-disch-kroatische Autoren mit Einzelbeiträgen einen ausführlichen und wissenschaftlich fundierten Gesamtüberblick über „die burgenländischen Kroaten im Wandel der Zeiten“ geben. In geschichtliche Epochen und historische Entwicklungsabschnitte sowie in einzelne Sachgebiete gegliedert, geht das Werk umfassend und genau auf die einzelnen Themenbereiche ein, etwa im Abschnitt „Die Kroaten im west-un-garischen Raum (1848-1918)“ und im Burgenland 1918-1938, in der Nachkriegszeit und in der Gegenwart.

Einzelne Beiträge behandeln die Sprache der burgenländischen Kroaten, ihre Entwicklung und ihren Status heute, die Problematik, die sich aus dem Fehlen einer gemeinsamen Schriftsprache ergab und noch immer ergibt; die Literatur von ihren Anfängen im religiös-liturgischen Bereich über die Volksliteratur bis zur zeitgenössischen Lyrik und Prosa; das Schulwesen, das für diese wie für jede andere Volksgruppe zum wichtigsten Entscheidungsfaktor im Kultur- und Uberlebenskampf geworden ist; die Musik, die von den meisten von uns als folkloristisches Belebungselement in Gestalt einer Tamburizza spielenden, singenden und tanzenden Trachtengruppe noch am ehesten als Volksgruppenüberbleibsel in einer touristischen Einheitskultur akzeptiert wird. (Das ist vielleicht das Wunschbild des Assimilanten überhaupt, daß die Volksgruppe auf eine Folkloregruppe reduziert und erniedrigt wird.)

Aber auch über das Vereinswesen und über die - leider bereits ganz verschwundenen - Trachten sowie über das ebenfalls kaum mehr bestehende Brauchtum wird berichtet.

Vor allem aber wird über die Bedeutung der katholischen Kirche und des Klerus für die Kultur der Burgenland-Kroaten gesprochen; und darüber, welche hervorragende Stelle sie stets — etwa im Schulwesen — eingenommen haben. Erwähnenswert ist auch das Kapitel über die Rechtslage der kroatischen Volksgruppe im Burgenland aufgrund der Staatsverträge (St. Germain 1919, Wien 1955) und der aus diesen und aus den verschiedenen Interessenkonflikten sich ergebenden gegenwärtigen Situation, die alles andere als befriedigend ist.

Denn diese kleine Volksgruppe ringt — zwar mit immer größeren, wahrlich bewundernswerten Anstrengungen — um ihren Fortbestand. Die Zeichen aber sind bedrohlich. Einzig die Statistiken der Volkszählung sprechen hier die wahre Sprache. Und die sprechen seit der Volkszählung 1923, also zwei Jahre, nachdem das heutige Burgenland zum österreichischen Staatsgebiet kam, vom drohenden Untergang: der kroatische Bevölkerungsanteil hat sich seither um die Hälfte reduziert. Heute leben in Wien fast schon genauso viele (ehemalige) burgen-ländische Kroaten wie im Burgenland.

„Vielleicht kommt durch dieses Buch aber auch den Mitbürgerinnen und Mitbürgern deutscher Muttersprache zum Bewußtsein, daß nicht nur das Burgenland, sondern unsere ganze Republik Österreich ohne unsere Kroaten geistig und kulturell ärmer wäre“, schreibt in seinem Vorwort Rudolf Kirchschläger. Dies bleibt zu hoffen. Was nottut, sind jetzt nicht Worte, sondern Taten: eine den Minderheiten entsprechende Kulturpolitik, die Erfüllung ihrer Rechte und unserer Verpflichtung — dazu noch etwas mehr als bloß nur diese. Man muß handeln, wenn es ums Uber leben geht!

DIE BURGENLÄNDISCHEN KROATEN IM WANDEL DER ZEITEN. Herausgegeben von Stefan Geosits. Verlag Edition Tusch, Wien 1986. 456 Seiten, geb., öS 480,-.

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