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Rezession trotz des Geldsegens

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Als Weinproduzent ist Portugal berühmt. Im Sog der Rezession in Europa schlittert das Land jedoch in eine schwierige wirtschaftliche Lage.

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Als Weinproduzent ist Portugal berühmt. Im Sog der Rezession in Europa schlittert das Land jedoch in eine schwierige wirtschaftliche Lage.

Seit' 1986 ist Portugal Mitglied der Europäischen Gemeinschaft. Mit dem Beitritt begann ein steiler Wirtschaftsaufschwung, profitierte es doch als Nettoempfänger voll von der Mitgliedschaft. 1992 erhielt Lissabon von der EG Finanzhilfe im Ausmaß von rund 32 Milliarden Schilling.

Durch das im Dezember des Vorjahres beschlossene „Delors II"-Pa-ket, das schwächeren Mitgliedern zur Strukturverbesserung unter die Arme greift, wird der Geldsegen weiter anhalten. Jährlich rund 42 Milliarden Schilling darf sich Lissabon aus Brüssel bis 1999 erwarten.

Doch jetzt scheinen die Zeiten raschen Wirtschaftswachstums vorbei zu sein. Die europaweite Rezession erfaßte auch Portugal. Die Prognosen für das heurige Wirtschaftswachstum mußten von drei Prozent auf 0,6 Prozent nach unten revidiert werden. Selbst dafür stehen die Vorzeichen schlecht. Im ersten Quartal 1993 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,8 Prozent. 1992 betrug das BIP noch rund 70 Milliarden Dollar.

Als Folge der Rezession hat Portugal heuer und im kommenden Jahr Haushaltsdefizite in Kauf zu nehmen, die weit über dem für die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion geforderten Wert liegen. Der Haushaltsentwurf für 1994, Anfang vergangener Woche präsentiert, sieht ein Nettodefizit von mehr als 9.00 Milliarden Escudo oder 6,9 Prozent des BIP vor. Als Voraussetzung für die Reife zur Währungsunion ist ein Defizit im Ausmaß von höchstens drei Prozent der Wirtschaftsleistung erlaubt.

Gleichzeitig mußte Finanzminister Jorge Braga de Macedo einen Nachtragshaushalt für 1993 vorlegen. Statt der erwarteten 4,2 Prozent explodierte des Defizit auf 8,1 Prozent des BIP. Seit 1985 war es nicht mehr so hoch wie in diesem Jahr. Die sozialistische Regierung begründet den krassen Unterschied von Schätzung und Realität mit der Rezession, Steuerhinterziehungen und Ausfällen bei der Mehrwertsteuer. Zudem seien die Sozialausgaben durch die steigende Arbeitslosigkeit - bis zur Jahresmitte 1993 doch schon 5,3 Prozent oder 237.000 Personen - höher als erwartet.

Die Möglichkeit der Regierung, die Wirtschaft anzukurbeln sind durch das hohe Staatsdefizit mehr als beschränkt. Daran ändert auch der im November 1991 eingeleitete Sparkurs nichts, dessen Zielvorgabe, die Rückführung der Verschuldung

mcnt erreicnt werden Konnte.

Portugals Regierung hat nun auch ihren Konvergenzplan für die Wirtschafts- und Währungsunion geändert und gönnt sich längere Fristen. Statt wie verlangt bis Ende 1995, soll die Staatsschuld erst Ende 1999 von bislang 66 Prozent auf 60 Prozent des BIP sinken. Gute Nachrichten gibt es einzig von der Inflationsfront. Nach sieben Prozent in diesem Jahr - der niedrigste Wert seit Jahrzehnten - wird sich die Teuerung auch 1994 verlangsamen.

Erwartet wird für das kommende Jahr eine Inflation zwischen vier und 4,5 Prozent. Ausschlaggebend für die derzeitige schwierige Situation sind neben einer geringen Investitionstätigkeit im Lande der starke Bückgang der portugiesischen Exporte aufgrund der europaweiten Rezession. Etwa 70 Prozent des

Außenhandels wickelt Portugal mit der Gemeinschaft ab.

Deutlich zeigt sich der rückläufige Trend bei Lieferungen in Staaten außerhalb der Gemeinschaft. Von Jänner bis Mai 1993 schrumpften die Lieferungen um 1,25 Prozent auf umgerechnet rund 15,2 Milliarden Schilling. Die Importe aus Drittländern verringerten sich im gleichen Zeitraum um sieben Prozent auf knapp 30 Milliarden Schilling.

Im Warenaustausch mit der Osterreich inkludierenden Efta gab es bei Importen wie Exporten ebenfalls einen beträchtlichen Einbruch: Exporte minus 16 Prozent (auf etwa 3,5 Milliarden Schilling), Importe minus zwölf Prozent (rund 6,6 Milliarden).

Haupthandelspartner Portugals in der Efta sind die Schweiz und Schweden. Die Hoffnungen der por-

tugiesischen Regierung auf eine Belebung der Exporte nach der zweimaligen Abwertung des Escudo blieben bislang unerfüllt. Nach der im November 1992 erfolgten sechspro-zentigen Abwertung wurde am 13. Mai 1993 der Kurs der Nationalwährung erneut um 6,5 Prozent nach unten korrigiert. Seit den Turbulenzen innerhalb des Europäischen Währungssystems (EWS) im Juli gilt für den Escudo eine Schwankungsbreite von plus/minus 15 Prozent im EWS.

Weitgehend unberührt von der allgemeinen wirtschaftlichen Situation in Portugal entwickelten sich die Wirtschaftsbeziehungen des westeuropäischen Staates mit Österreich. In den ersten sechs Monaten 1993 schrumpften die Exporte der Alpenrepublik um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Exportvolumen betrug im ersten Halbjahr 1993 rund 1,25 Milliarden Schilling.

Ähnlich sieht die Lage bei den Importen aus, die ebenfalls in etwa dem Vorjahresniveau entsprechen. In den ersten sechs Moaten importierte Österreich Warten im Wert von 1,65 Milliarden Schilling, was einer Steigerung von 0,2 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres entspricht. Fast die Hälfte der Gesamtimporte macht dabei der Produktbereich Bekleidung aus (753 Millionen Schilling), gefolgt von Schuhen und Korkwaren.

Zu den wichtigsten österreichischen Exportwaren gehören Textilien und Bekleidung, Fleisch sowie Motoren, Maschinen und Fahrzeuge. Nennenswerte gegenseitige Investi-

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